Land- und Amtsgericht Frankfurt
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Wenn Kinder misshandelt werden, entscheidet das Familiengericht, ob sie bei den Eltern bleiben. Eine Richterin erzählt davon, wie schwierig diese Aufgabe ist.

Der Alltag

Das Dienstzimmer von Heidi Fendler. So nennt sie es – wie alle Richter. Nicht-Juristen würden einfach Büro sagen. Wir sitzen also im Dienstzimmer der Familienrichterin an einem typisch unauffällig hellbraunen Büro-Tisch.

Familienrichterin Heidi Fendler in ihrem Dienstzimmer
Familienrichterin Heidi Fendler in ihrem Dienstzimmer Bild © hr

Es gibt Mineralwasser aus Kindergläsern. Und Tee. Hier befragt Heidi Fendler die Kinder. Auf dem Tisch liegen Wachsmalstifte. Für die Größeren, sagt die Richterin. Und es liegen Autos dort. Für die Kleineren. "Das ist ganz gut, weil sie dann beim Reden beschäftigt sind", sagt sie. "Sie malen das Bild und wir unterhalten uns."

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Länder lehnen zusätzliche Qualifikationspflicht für Familienrichter mehrheitlich ab

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Bei den Gesprächen mit den Kindern darf niemand dabei sein. Heidi Fendler erzählt, dass sie mit unverfänglichen Fragen beginnt bei den Kindesanhörungen. Zum Beispiel mit solchen Sätzen: "'Oh, du hast einen Glitzerpulli an' oder 'oh, du hast Nagellack oder du hast Glitzerschuhe'. Wenn Jungs irgendwelche Fußballaccessoires haben, frage ich sie nach Fußball und versuche dann so langsam Schule, Kindergarten, solche neutraleren Themen abzufragen und dann kommt's drauf an, dass ich die Kinder meistens frage: 'Weißt du, warum Du hier bist?'"

Die meisten würden dann erzählen. Heidi Fendler ist anzumerken, wie ernst sie ihren Beruf nimmt. An ihrer Art, wie sie darüber spricht. An ihrem offenen Gesichtsausdruck. Ihr Blick geht dann zu Boden. Dort liegen Akten. Fünf Stapel. Die sind gerade reingekommen. Jeden Tag erhält sie so viele. Es sind die Akten, die sie irgendwann mitnimmt, wenn sie zur Verhandlung geht. Denn nur die Kinder befragt die Richterin in ihrem Büro. Die Eltern müssen ein Stockwerk tiefer. In den nüchternen Sitzungssaal mit dem blauen Fußboden. Ein Gerichtssaal eben. Dort trägt Heidi Fendler Robe. Das schafft Distanz, sagt sie.

Das Problem

"Ich muss manchmal sehr schnell entscheiden", sagt Fendler. Das empfinde sie bisweilen als Druck. Ihre Entscheidung kann Leben verändern: das der Kinder, das ihrer leiblichen Eltern und das von Pflegeeltern. Sie entscheidet: Kommt ein Kind aus der Familie raus oder bleibt es. "Das ist eine ganz weitreichende Entscheidung, ob ein Kind immer bei seinen Eltern lebt oder mal zwei Monate in einer Pflegefamilie lebt. Zumal, wenn sie ein Gutachten einholen, dann reden wir von Zeiträumen bis zu einem Dreivierteljahr, das ein Kind eben nicht bei seinen Eltern lebt."

Die Entscheidung trifft sie häufig gemeinsam mit dem Jugendamt. Im Sitzungssaal, wo alle gehört werden. Heute hat sie wieder so einen Termin. Das ist nicht immer einfach, sagt sie. Hinzu kommt: zu wenig Personal, zu wenig Zeit. 280 Minuten werden für einen Kinderschutzfall bemessen. Die gehen schon für die Sitzung drauf. "Dann habe ich noch kein Kind angehört, ich habe noch kein Gutachten eingeholt, ich habe noch keinen Beschluss geschrieben, ich habe nicht eventuell einen zweiten Anhörungstermin gemacht und auch die ganzen anderen sonstigen Ermittlungen nicht getätigt."

Die Forderung

Zitat
„Wir brauchen besser ausgebildete Richter.“ Zitat von Heidi Fendler
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Im Familienrecht reicht das Jura-Studium alleine nicht. Psychologische und pädagogische Kenntnisse sind wichtig. "Wir brauchen besser ausgebildete Richter", sagt sie. "Wir hätten gerne sehr viel mehr Fortbildung auch im Bereich Kindesanhörung. Wir müssen mit Kindern sprechen. Sie haben ja schon mitbekommen, wie schwierig das ist, auch einzuschätzen, wie bewerte ich das, was mir das Kind sagt. Auch das Kind nicht zusätzlich zu belasten. Das ist auch eine ganz wichtige Frage, dem Kind zu vermitteln: Es ist wichtig, was du mir sagst, ich nehme dich ernst, aber du bist nicht verantwortlich für das, was hier passiert."

Sendung: hr-iNFO, 14.5.2018, 6.10 Uhr

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