Sandra Krause-Ackermann in ihrem Auto
Sozialpädagogin Sandra Krause-Ackermann in ihrem Auto Bild © hr

Jugendämter können Kindern und Familien oft nicht so unterstützen, wie es notwendig wäre. Das ist das Ergebnis einer Studie der Hochschule Koblenz. Eine Mitarbeiterin eines Jugendamts erzählt, wie es in der Praxis aussieht.

Der Alltag

Sandra Krause-Ackermann sitzt hochkonzentriert am Schreibtisch und telefoniert, dabei macht sie sich Notizen. Alltag im Team Kinder- und Jugendschutz im Wiesbadener Jugendamt. "Ok, wie alt ist das Baby? Schütteltrauma? Woran machen Sie das fest? Das Kind ist jetzt bei Ihnen in der Klinik ... Wissen wir irgendwas? Gibt’s da Eltern, Geschwister?"

Ein Arzt einer Wiesbadener Klinik hat angerufen. Verdacht auf Schütteltrauma bei einem drei Monate alten Baby. Krause-Ackermann erfragt alle Details, beendet das Gespräch und trommelt das Team zusammen. "Issi, ich habe eine akute Kindeswohlgefährdung bekommen, gerade von der Klinik. Hast Du einen Moment? Vielleicht können wir uns unten in dem Raum sammeln, dass wir einfach kurz besprechen."

Seit zehn Jahren arbeitet die 43-jährige Sozialpädagogin im Wiesbadener Jugendamt. Die Diagnose Schütteltrauma versetzt sie jedes Mal sofort in Alarmstimmung. Denn Schütteln kann Babys töten oder zu schwersten Behinderungen führen. Es muss jetzt schnell gehen. Das Team bespricht das weitere Vorgehen. Dann fahren zwei Kollegen direkt ins Krankenhaus. Krause Ackermann muss sich um andere Fälle kümmern. Der nächste Fall wartet.

Das Problem

"Wir haben viel Verantwortung, wir haben viel Stress und wir müssen ganz viel wuppen mit wenig Personal. Wir können nicht wöchentlich oder alle zwei Wochen oder auch nur einmal im Monat bei den Familien, die wir kennen, vorbeikommen und das jeweils überprüfen. Das ist schon manchmal schwer auszuhalten."

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„Wir haben viel Verantwortung, wir haben viel Stress und wir müssen ganz viel wuppen mit wenig Personal.“ Zitat von Sandra Krause-Ackermann
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Sie mag ihren Job, will Familien helfen, obwohl sie ihnen manchmal auch ihr Kind wegnehmen muss. Diese Inobhutnahme ist aber der allerletzte Schritt. Dass Kinder geschlagen oder gedemütigt werden, passiere oft, weil Eltern überfordert seien. Hier beginnt meine Arbeit, sagt sie und packt energisch ihre Tasche: Adresse, Fallbeschreibung, Kekse. Ein Hausbesuch steht an, eine Mutter und ihr Neugeborenes.

"Wir fahren jetzt zu Familie Diehl. Frau Diehl hat vor circa sechs Wochen ihr sechstes Kind bekommen. Da wollen wir einfach mal das Kind willkommen heißen und gucken, wie es dem Kind geht, auch wie es Frau Diehl geht, die kennen wir schon lange, über zehn Jahre." Marlena Diehl (den Namen haben wir geändert) wurde von ihrem Ex-Partner geschlagen. Jetzt ist sie alleinerziehende Mutter von sechs Kindern. Baby Mia ist seit drei Tagen zu Hause. Wie läuft es? "Alles gut?", fragen sie. "Alles gut", sagt Frau Diehl.

Sandra Krause Ackermann
Sandra Krause Ackermann vor dem Amt für Soziale Arbeit in Wiesbaden Bild © hr

Fürsorglich aber bestimmt scannt Krause-Ackermann die Wohnung, nimmt Baby Mia auf den Arm, fragt immer wieder, wie sie unterstützen kann. Am Ende einigen sich beide auf eine Kinderfrau, die regelmäßig kommen wird. 45 Minuten dauert das Gespräch. Ganz schön knapp, sagt Krause Ackermann, leider. Doch im Büro im Jugendamt wartet ihr nächster Fall

Die Forderung

Wie also können Jugendämter Kinder noch besser vor Gewalt schützen? Krause Ackermann sagt ganz deutlich, durch bessere Ausstattung und mehr Personal. "Also wenn wir die Möglichkeit hätten, öfter vorbeizugucken, wäre das toll. Ich würde mir mehr Personal wünschen, das ist klar, gar keine Frage. ich würde mir Mitarbeiter wünschen, die sagen: 'Ja, hier bin ich richtig, das mache ich und ich lasse mich darauf ein.'"

Sendung: hr-iNFO, 14.5.2018, 6.10 Uhr

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