Kuscheltiere im Wartezimmer einer Kinderschutzambulanz
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In der Kinderschutzambulanz in Frankfurt werden jede Woche zwei bis drei Kinder untersucht. Immer mit der Frage: Sind sie misshandelt worden? Ein Besuch bei Rechtsmediziner Marcel Verhoff.

Der Alltag

Das Telefon ist kaum zu sehen zwischen dem vielen Papier auf dem Schreibtisch. Akten, Laborbefunde, Arztbriefe, daneben zwei große Mikroskope. Auf der anderen Seite des riesigen Schreibtisches liegen Schokoriegel. Marcel Verhoff, Leiter der Rechtsmedizin, telefoniert mit einer Mitarbeiterin des Jugendamts. Sie hat einen Verdacht: An einem Mädchen hat sie bei einem Hausbesuch Striemen gesehen.

Marcel Verhoff
Marcel Verhoff Bild © hr

"Sie sind sich nicht sicher, ob das eine Misshandlung ist. Aber es wäre wichtig, dass die Verletzungen aufgenommen werden. Nee, direkt zu uns bringen, das geht nicht …", sagt Verhoff weiter am Telefon. "Zu uns" heißt jedoch nicht in die Rechtsmedizin, sondern in die Kinderschutzambulanz auf dem Gelände des Frankfurter Universitätsklinikum.

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Die ist ein Stück entfernt von der alten Villa in der Kennedyallee. Dort, wo Verhoff und seine Rechtsmediziner arbeiten. Hier sieht alles ein bisschen alt und historisch aus: Unten im Keller sind die Sektionssäle, oben sind Bibliothek und Vorlesesaal. In der Vitrine im Hörsaal ist ein Küchenmesser mit Blut und ein sezierter Schädel. Und der alte Holzboden knarrt bei jedem Schritt.

Viel Einfühlungsvermögen nötig

Neben Bibliothek und Vorlesesaal arbeitet Verhoff: in seinem großen, holzgetäfelten Büro an seinem chaotisch aussehenden Schreibtisch. In der Hauptsache sind es Kinderärzte, die Verhoff anrufen. Oft aber auch Mitarbeiter des Jugendamts, Lehrer oder Erzieherinnen. Ist der Termin in der Kinderschutzambulanz ausgemacht, untersuchen Verhoff und einer seiner Kollegen das Kind. Zunächst mit der Frage: Sind das Bagatellverletzungen oder Zeichen von Misshandlungen? Verhoff sagt, vielen Kindern sei zunächst nichts anzumerken.

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„Es kann sein, dass Kinder, die tatsächlich misshandelt worden sind, sich ganz offen zeigen, eher überangepasst.“ Zitat von Marcel Verhoff
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"Es kann sein, dass Kinder, die tatsächlich misshandelt worden sind, sich ganz offen zeigen, eher überangepasst. Es kann aber genauso gut sein, dass das Kind verschlossen ist, in sich zusammengezogen und überhaupt niemanden an sich heranlässt", sagt er. Der Rechtsmediziner, sagt Verhoff, müsse möglichst exakt und lückenlos die Verletzung dokumentieren. "Das funktioniert so, dass man eben das Kind vollständig untersucht, Verletzungen vermisst, fotodokumentiert", erklärt er.

Da ist viel Einfühlungsvermögen nötig. Verhoff, dieser Mann mit dem zauseligen, lockigen Haar und der ruhigen Stimme, wirkt wie einer, der das hat. Manchmal treffe er Vereinbarungen mit den Kindern. Zum Beispiel, dass alle anderen rausgehen. Und dann schaut er sich die Verletzungen an: meistens Blutergüsse, aber auch Spuren stumpfer Gewalt wie von Schlägen und Tritten. Stockschläge etwa hinterließen ein ganz bestimmtes Bild auf der Haut.

Das Problem

"Ein einzelnes Hämathom sagt normalerweise noch nicht besonders viel aus. Es geht immer darum, ein Gesamtverletzungsbild von Kindern zu betrachten", sagt er. Die Herausforderung für ihn ist die Antwort auf die Frage: Was ist da drunter? Unter den Verletzungen? Er zeigt Bilder auf seinem Laptop.

Schwer erträgliche Bilder: ein Säuglingsfuß mit Bissspuren eines Erwachsenen. Ein Junge mit tiefen Wunden am Kopf, ein anderer Junge mit Striemen am Körper. Der Rechtsmediziner, der so sachlich und zurückgenommen spricht, zeigt nur und sagt nichts. Aber auch er wirkt auf einmal etwas mitgenommen. Findet dann jedoch schnell zur professionellen Distanz zurück.

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"Da hilft die Erfahrung aus dem Sektionssaal weiter, weil wir jeden Tag sehen, wie ein Leichnam von außen aussieht und wie es innendrin aussieht. Diese Erfahrung kann man selbstverständlich auf jeden übertragen", erklärt er. Ein weiteres Problem seien die Strukturen, sagt Verhoff. "Wenn jemand in Nordhessen ein Kind sieht mit Misshandlungsverdacht oder wenn das in Frankfurt oder in Darmstadt passiert, sind die Wege jeweils anders. Viele wissen gar nicht, wohin sie sich wenden sollen und da wäre wirklich eine landes- oder sogar bundeseinheitliche Vorgehensweise hilfreich und sinnvoll", sagt er.

Die Forderung

Der Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin plädiert für eine Grundfinanzierung, sodass Rechtsmediziner und Kinderärzte einfach da sind und sich keine Gedanken darüber machen müssen, wer das bezahlt oder ob es ein Ermittlungsverfahren ist oder nicht. "Sondern dass diese Kinder untersucht werden können, dass die Untersuchungen dokumentiert werden, dass eine Einschätzung abgegeben werden kann, ohne dass in dem Moment gewisse Verbindlichkeiten bestehen." Verhoff plädiert auch dafür, dass jedes tote Kind obduziert wird, um sicherzugehen, dass es kein Opfer von Gewalt geworden ist.

Sendung: hr-iNFO, 17.5., 6:10 Uhr

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