Jörg M. Fegert
Professor Jörg M. Fegert ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut Bild © picture-alliance/dpa

Der ärztliche Leiter der Ulmer Kinderpsychiatrie fordert einen besseren Umgang mit misshandelten Kindern. Mit der geeigneten Therapie könne man Misshandlungen zwar nicht ungeschehen machen, aber Betroffene könnten damit klarkommen. Noch bekämen aber zu wenige Kinder solche erfolgreichen Therapien.

Die Folgen

hr-iNFO: Welche Auswirkungen haben Misshandlungen?

Fegert: Wir haben manche Kinder, die glücklicherweise auch schwere Formen der Misshandlung wie sexuellen Missbrauch scheinbar ohne größere psychische Folgen überstanden haben.

Aber die meisten zeigen - abhängig von ihrem Entwicklungsstand - oft einen Stillstand in der Entwicklung oder Rückschritt, zeigen schwere Belastungen, können traurig, depressiv oder auch suizidal werden. Andere werden eher aggressiv.

hr-iNFO: Viele Misshandlungsopfer sind voller Wut und Aggressionen und verletzen sich selbst. Sind Selbstverletzungen typische Alarmzeichen?

Fegert: Selbstverletzendes Verhalten ist mittlerweile in Deutschland ähnlich wie in anderen westlichen Ländern relativ häufig. Das heißt, es gibt auch Jugendliche ohne schwere psychische Belastungen, die sich ritzen. Man muss wirklich nach den einzelnen Ursachen schauen und der zentrale Weg ist das, was wir jetzt auch machen - darüber zu sprechen.

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„Die Kinder reden darüber, wenn man sie nur darüber reden lässt.“ Zitat von Jörg M. Fegert
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Die Kinder können darüber reden und sie reden darüber, wenn man sie nur darüber reden lässt. Und man muss ihnen zuhören. Das hat natürlich auch eine völlig andere Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung. Dazu braucht es dann wirklich den Therapeuten, den Arzt, der eine Anamnese erhebt, und dieses Verhalten auch einordnen kann. Eltern kann man dann nur empfehlen, unbedingt Hilfe zu suchen, weil es natürlich ein Hilfeschrei ist.

hr-iNFO: Sie sagen, ein Drittel der Menschen in Deutschland hat Misshandlung erlebt. Wie groß ist die Gefahr, dass sie selbst gewalttätig werden?

Fegert: Es gibt ein leicht erhöhtes Risiko, selbst wieder Emotionsausbrüche und Gewalt zu zeigen, das konnten wir in der Bevölkerung zeigen. Aber mir ist die Interpretation wichtiger, dass die meisten es schaffen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Was vielleicht im Bewusstsein nicht angekommen ist, wie viele Menschen das betrifft.

Die Täter

hr-iNFO: Was sind das für Menschen, die ihre Kinder misshandeln?

Fegert: Das sind manchmal Menschen, die eigene Gewalterfahrungen gehabt haben, und solche, die sich oft zum Beispiel aufgrund einer Suchterkrankung wenig im Griff haben. Sie sind dann wahnsinnig genervt von einem störenden, schreienden Baby.

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„Man kann sich kaum vorstellen, dass man ein Baby so brutal anfasst, dass das Gehirn bleibend geschädigt wird durch das Hin- und Herschlagen des Kopfes.“ Zitat von Jörg M. Fegert
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Wenn man sich Fälle von Schütteltraumata anschaut: Man kann sich kaum vorstellen, dass man ein Baby so brutal anfasst, dass das Gehirn bleibend geschädigt wird durch das Hin- und Herschlagen des Kopfes. Das sind oft Affektdurchbrüche bei Personen, die ohnehin schon Schwierigkeiten in der Affektkontrolle haben. Es gibt aber auch Personen, die hinter ihrem Kind irgendwie einen Schicksalsschlag sehen, ein Symbol, dass in ihrem Leben etwas schief gegangen ist, und die das Kind das chronisch spüren lassen.

hr-iNFO: Werden Menschen, die selbst als Kinder geprügelt wurden, also später nicht automatisch prügelnde Eltern?

Fegert: Nein, sie haben nur statistisch ein höheres Risiko. Es werden einige dieser Kinder mehr als in der Allgemeinbevölkerung, in der nicht geprügelt wurde, zu prügelnden Eltern. Aber die allermeisten werden eben keine prügelnden Eltern. Insofern ist es also quasi kein Zwang, dass einem das in die Wiege gelegt ist. Sondern man kann selbst Entscheidungen treffen, und viele treffen bewusst die Entscheidung, dass sie es mit ihren Kindern anders machen wollen.

Die Alternativen

hr-iNFO: Wenn Eltern merken, dass eine Situation eskalieren könnte - was können Sie tun?

Fegert: Erst mal Luft holen, aus der Situation rausgehen, sich überlegen, mit wem kann ich reden. Und dann versuchen, eine Strategie zu finden, wie man generell damit umgeht. Die Situation, wo man fast droht auszurasten, hat immer eine Vorgeschichte. Und oft braucht man in solchen Situationen auch Rat. Institutionen wie Kinderschutzbund, Fachberatungen können hier auf jeden Fall Hilfe geben. Hauptsache, dass jemand da ist, der zuhört. Dem man auch erzählen kann, dass einem schon die Hand ausgerutscht ist. Welche Phantasien man hat.

hr-iNFO: Was raten Sie Eltern, deren Kinder schwierig sind und provozieren?

Fegert: Wenn Kinder schwierig sind und provozieren, muss man erst mal sagen: Das ist der Job von Kindern! Erziehung ist ja die Challenge, Antworten auf Fragen zu finden. Und manches provozierendes Verhalten ist ja einfach auch nur da, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Da kann Beratung auch helfen und analysieren.

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„Kinder reagieren sehr positiv auf Struktur. Wir wissen aus der Traumaarbeit, dass Regeln uns Ruhe und Kraft geben.“ Zitat von Jörg M. Fegert
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Wenn Kinder provozieren, wollen sie Zuwendung bekommen. Und wichtig ist es, mit den Kindern Situationen zu schaffen, wo man für sie Zeit hat, mit ihnen spielt, auf sie eingeht und gleichzeitig andere Situationen so einzuführen, dass man von ihnen erwartet, dass sie da auch funktionieren und mitmachen.

hr-iNFO: Wie kann man Kindern anders Grenzen aufzeigen als durch Schimpfen oder Drohen?

Fegert: Das Wichtigste ist eigentlich, mit dem Kind eine ruhige Situation zu schaffen und nochmal zu besprechen, was es da macht. Wie blöd es ist, wenn es in einer Situation, wo es nicht passt, immer wieder nervt, und jetzt sagt 'ich will das und das haben'.  

Also können wir nicht, wenn wir in den Kaufladen gehen, vorher besprechen 'heute kriegst du nichts' oder 'heute bekommst du eine Sache und die wird gemeinsam ausgesucht und dafür ist an der Kasse Ruhe'. Also, man kann ein bisschen die Konflikte vorwegnehmen, vorher überlegen, die Situation strukturieren und mit den Kindern besprechen. Kinder reagieren sehr positiv auf Struktur. Wir wissen aus der ganzen Traumaarbeit, dass Regeln uns Ruhe und Kraft geben.

Die Therapie

hr-iNFO: Welche Anzeichen gibt es für Therapeuten, Misshandlungen bei Kindern zu erkennen?

Fegert: Kinder können Entwicklungsrückstände zeigen, sie können besonders schreckhaft sein. Wir haben bei den Babys die sogenannte 'frozen watchfulness' als typisches Syndrom - also dieses Erstarren, dieses Einfrieren und gleichzeitig dieses wachsam um sich herumschauen.

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„Man kann das nicht ungeschehen machen, aber man kann das in den Lebenslauf integrieren und damit klarkommen. “ Zitat von Jörg M. Fegert
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Das ist eigentlich eine physiologische Reaktion: Wenn ich mich immer bedroht fühle, dann kann ich gar nicht entspannen, dann bin ich quasi auf Habachtstellung, und das merkt man den Kindern bis in die körperliche Anspannung an. Wir sehen es dann bei den früh vernachlässigten und misshandelten Kindern oft in einer sehr gestörten Bindungsentwicklung. Manche entwickeln Stereotypien, um sich selbst zu beruhigen, die stark vernachlässigten Kinder.

hr-iNFO: Helfen Therapien den Kindern überhaupt?

Fegert: Wir haben relativ viel Therapieforschung mittlerweile auch in Deutschland. Wir  können zeigen, dass wir den Kindern sehr effektive Traumatherapien anbieten können. Leider bekommen viel zu wenige Kinder solche erfolgreichen Therapien.

Viele haben gute Aussichten, wieder einen Fuß ins Leben zu tun, klarzukommen, nicht vor allen Situationen Angst zu haben. Man kann das nicht ungeschehen machen, aber man kann das in den Lebenslauf integrieren und damit klarkommen. 

hr-iNFO: Welche Qualifikation brauchen Haus- und Kinderärzte, um Misshandlungen zu erkennen?

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Medizinische Kinderschutzhotline

Die Ulmer Klinik für Jugendpsychiatrie hat ein Beratungsangebot für Mediziner entwickelt, die bei Verdachtsfällen rund um die Uhr anrufen können. Allen Anrufern wird Anonymität zugesichert. Die Hotline ist unter dieser Nummer zu erreichen: 0800 19 210 00 [mehr]

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Fegert: Wir betreiben ja jetzt seit einem knappen Jahr eine Hotline nur für Angehörige der Heilberufe. Wir sind rund um die Uhr erreichbar, wenn sie Fragen haben - ein Team aus Kinderärzten und Kinderpsychiatern und Rechtsmedizinern. Das Erkennen ist eigentlich gar nicht so das Problem. Was die Hauptfrage der Ärzte und Ärztinnen ist, wie geht's dann weiter?

Uns haben am Anfang relativ häufig Rettungsdienste angerufen, die in eine Situation in der Familie kommen - zum Beispiel eine völlig versiffte Wohnung, wo jemand stark alkoholisiert ist, der zur Behandlung eingeliefert werden muss ins Krankenhaus. Sie sehen dann aber, da sind zwei Kinder, die unversorgt sind. Oft wissen sie nicht, was mit den Kindern passieren soll. Also haben wir Fortbildung für Rettungsdienste gemacht und das Thema im Rettungsdienst etabliert. Oder Zahnärzte, wenn wir über Vernachlässigung des Gebisses im Kleinkindalter reden. Ich glaube, diese niederschwellige Art, dass man hier von Kollege zu Kollege reden kann, ist eine große Hilfe.

hr-iNFO: Wird das Geld in der Kinder- und Jugendhilfe richtig investiert? Und was fehlt in diesem Bereich?

Fegert: Wir brauchen eine Sexualpädagogik, wir brauchen eine Gewaltpädagogik für den Umgang mit den neuen Medien, mit Videos, mit Handy und so weiter. Da ist so viel zu tun in dem Bereich, dass ich diese kritische Frage, ob das Geld gut angelegt, eigentlich zurückweisen würde. Ich glaube, wir brauchen diese Summen, aber wir könnten noch gezielter schauen, dass das Geld auch richtig angelegt wird.

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