Prof. Maud Zitelmann
Prof. Maud Zitelmann, Frankfurt University of Applied Sciences Bild © Stiftung zum Wohl des Pflegekindes

Die Frankfurter Professorin setzt sich für eine bessere Ausbildung von Menschen ein, die im Kinderschutz arbeiten. Die Defizite könnten im schlimmsten Fall zum Tod von Kindern führen.

hr-iNFO: Wo sehen Sie das größte strukturelle Problem?

Zitelmann: Ein wirklich großes Problem ist, dass kaum eine der Hochschulen in Deutschland das Wissen und Können zum Fachgebiet Kinderschutz vermittelt, das für Praxis notwendig ist. Sozialarbeiter, Kinder- und Jugendmediziner, Psychologen, Lehrer und Erzieher, ja selbst Familienrichter werden im Studium nicht auf die Anforderungen des Kinderschutzes vorbereitet.

hr-iNFO: Mit welchen Folgen?

Zitelmann: Dieses Unwissen der zum Schutz der Kinder berufenen Erwachsenen begünstigt deren Tendenz zum Wegschauen, Leugnen und Schweigen oder zu überstürzten Reaktionen, bei denen die meist chronische Gefährdung des Kindes und die Notwendigkeit sorgfältiger Ermittlungen und Risikoeinschätzung leicht aus dem Blick geraten kann.

Weitere Informationen

2013 wurde Prof. Maud Zitelmann mit dem hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre 2013 ausgezeichnet.

Ende der weiteren Informationen

An vielen Fällen lässt sich zeigen, dass Ausbildungsdefizite zu schweren fachlichen Fehlern führen, zu nie wieder gutzumachenden Folgen für gefährdete bzw. geschädigte Kinder, bis hin zum vorhersehbaren, qualvollen Tod.

Zitat
„Manche Praktiker sind erstmals mit dem Kinderschutz konfrontiert, wenn sie bereits in voller Fallverantwortung für gefährdete Kinder stehen.“ Zitat von Maud Zitelmann
Zitat Ende

Manche Praktiker bekommen zumindest Schulungen beim Berufseinstieg. Die meisten werden aber erst in der Praxis sozialisiert. Sie schauen sich schlichtweg im Referendariat oder Anerkennungsjahr ab, wie ihre Kollegen mit gefährdeten Kindern und ihren Familien umgehen. Andere haben diese Möglichkeit nicht, sind erstmals also mit dem Kinderschutz konfrontiert, wenn sie bereits in voller Fallverantwortung für gefährdete Kinder stehen, die dann die Folgen dieser Praxis auszuhalten haben.

Fachkräfte und Arbeitgeber behelfen sich im besten Fall, indem Fortbildungen zum Kinderschutz gebucht werden. Umfang und Qualität dieser Angebote variieren aber breit, häufig werden diese Fortbildungen zudem nur zu spezifischen Themen oder Fallgruppen angeboten. Dies alles ist eine notwendige und sinnvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für ein wissenschaftliches Hochschulstudium.

Falsche Entscheidungen können den Tod bedeuten


hr-iNFO: Was sind die nötigen Inhalte der Hochschulausbildung?

Zitelmann: Juristen und Sozialarbeiter brauchen die Fähigkeit zur Kommunikation mit den in ihren Familien seelisch geschädigten und gefährdeten Kindern und die Fähigkeit zur passageren Identifikation, um sich die innere Welt des Kindes zu erschließen. Nötig ist zudem solides Fachwissen über die Forschung zu jenen Eltern, die ihren Kindern Gewalt antun oder die anderweitig erziehungsunfähig sind.

Fachkräfte müssen lernen, dass es im Kinderschutz viele Akteure gibt und deren Aufträge und Vorgehen kennen, um Prävention zu leisten und bei Interventionen eine gelingende Kooperation von Jugendamt, Polizei, Kinder- und Rechtsmedizin, Psychiatrie, Beratungsstellen, Heimen zu ermöglichen.

Wichtig wäre es auch, in Fallseminaren zu lernen, nicht nur für den Augenblick zu entscheiden, sondern künftige Entwicklungen zu bedenken und eine realistische Einschätzung zu treffen, ob ein gefährdetes Kind und seine Eltern mithilfe intensiver Beratung, Therapie und Unterstützung zusammenleben können – oder nicht.

hr-iNFO: Und dieses Wissen fehlt?

Zitelmann: Leider zeigt die Forschung, dass den Schutzmaßnahmen für gefährdete Kinder mehrheitlich mehrjährige, im Ergebnis gescheiterte Hilfen vorausgehen. Dem Erfolg von Beratung, ambulanten Hilfen und Therapien sind im Kinderschutz oft enge Grenzen gesetzt. Persönlichkeitsgestörte Eltern, gewalttätige Väter und Mütter, chronisch süchtige Eltern können sich nicht durch gute Vorsätze, Beratung und eine Familienhilfe verändern, häufig helfen nicht einmal langjährige Therapien.

hr-iNFO: Was müssen Experten über diese Kinder und Eltern wissen?

Zitelmann: Eltern, die unfähig sind für ein Kind zu sorgen, brauchen Hilfe zur Anerkennung ihres Scheiterns, statt weitere zum Scheitern verurteilte Hilfen. Dies muss auch ein Richter oder eine Fachkraft im Jugendamt erst lernen. Falsche Entscheidungen können in diesem Fachgebiet für das Kind schwere Behinderungen oder den Tod und für die Eltern eine furchtbare Schuld und Gefängnis bedeuten. Aber auch in weniger gravierenden Fällen, in denen einem Kind bei chronischer Mangelversorgung in der Familie "nur" die nötige Bindung, Zuwendung, Regulation und Versorgung seitens der Eltern vorenthalten wird, kann dies lange nachwirken oder ist gar nicht mehr gutzumachen.

hr-iNFO: Zum Beispiel?

Zitelmann: Ein Beispiel wäre eine Form der Bindungsstörung, die eine Folge von Misshandlung oder Vernachlässigung sein kann. Solch ein Kind geht dann nur noch wahllos und oberflächlich Beziehungen ein, kann kaum zwischen Eltern und fremden Personen unterscheiden. Diese Störung bleibt häufig bestehen. Seine Distanzlosigkeit gefährdet das Kind und wirkt sich gravierend auf Freundschaften, Partnerschaft und später auf eigene Kinder aus. Fachwissen etwa über Persönlichkeitsstörungen, Sucht oder schwere geistige Behinderungen von Eltern sowie über die Entwicklung und das seelische Erleben traumatisierter, vernachlässigter oder misshandelter Kinder, kann unrealistische Erwartungen an die Wirkung von Elterntrainingsprogrammen, Familienhilfe und Therapien eindämmen und damit viel Elend verhindern oder vermindern helfen.

"Wo ein gefährdetes Kind lebt, kann schicksalentscheidend sein"

hr-iNFO: Was ist mit den Familienrichtern?

Zitelmann: Die Familienrichter kommen unvorbereitet in ihr Amt. Nun stellen sie plötzlich die Weichen im Leben von Kindern und Familien und haben die grundlegenden Entscheidungsmaßstäbe niemals gelernt. Mancher Richter mag glauben, wenn er lange genug auf Eltern einredet oder autoritär genug auftritt, könne er nachhaltige Änderungen im Zusammenleben der Familie bewirken.

Weitere Informationen

Wenn Kinder misshandelt werden, entscheidet das Familiengericht, ob sie bei den Eltern bleiben. Eine Richterin erzählt davon, wie schwierig diese Aufgabe ist. [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Im Familiengericht wie auch im Jugendamt ist die Fallzahl zu groß, um erforderliche Ermittlungen zur Einschätzung der Gefährdung und der Bedürfnisse jedes Kindes zeitnah und intensiv durchzuführen. Der Mangel an Fachkenntnissen führt dann sehr häufig zum Einsatz von Sachverständigen. Deren Qualifikation im Kinderschutz ist jedoch mitunter ähnlich defizitär wie die anderer Berufsgruppen. Ein Familienrichter muss Notwendigkeit, Fragestellung und Qualität von Gutachten fachgerecht prüfen können.

hr-iNFO: Und wie steht es um den Kinderschutz im Jugendamt?

Zitelmann: In Deutschland gibt es 563 Jugendämter und kaum eine Behörde arbeitet wie die andere. Von Amt zu Amt ist das Verständnis des staatlichen Schutzauftrages verschieden ausgeprägt. Wo ein gefährdetes Kind lebt, kann schicksalentscheidend sein. Sorgen macht mir, dass die Zeit in den Jugendämtern zur intensiven Begleitung der einzelnen Familien sogar im Bereich des Kinderschutzes fehlt. Die Kinder, um deren Schutz und Lebensfreude es dem Jugendamt gehen muss, werden persönlich eher selten beraten, teils finden Gespräche mit ihnen sogar ausschließlich im Beisein misshandelnder Eltern statt.

hr-iNFO: Und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen?

Zitelmann: Die medizinische Untersuchung der Kinder und Dokumentation von Verletzungen in Kinderschutzambulanzen oder der Rechtsmedizin ist nun in manchen Jugendämtern in die Richtlinien aufgenommen worden. Dies ist nötig, sobald Kinder von Schlägen und anderer Gewalt berichten.

hr-iNFO: Fehlt es denn auch an Geld?

Zitat
„Das Geld wird verwaltet von Menschen, die mit Fällen geradezu überfrachtet sind.“ Zitat von Maud Zitelmann
Zitat Ende

Zitelmann: Ich glaube, es sind weniger die Gelder. Ich sehe ein ganz großes Paradoxon, es gibt einerseits sehr viel Geld, das in die Erziehungshilfen, besonders in die Heime geht. Pro Tag und Kind kostet dies hundert, zweihundert Euro oder mehr. Dieses Geld wird aber verwaltet von Menschen, die mit Fällen geradezu überfrachtet sind, also keine Möglichkeit haben, ergebnisoffen zu prüfen, ob die geplante Hilfe auch wie beabsichtigt greift.

hr-iNFO: Wie sieht die Lehre im Kinderschutz an Ihrer Hochschule aus?

Zitelmann: An meiner Hochschule war der Tod der kleinen Siri aus Wetzlar ausschlaggebend, den Kinderschutz als Pflichtmodul im Studium der Sozialen Arbeit aufzunehmen. Die zuständige Sozialarbeiterin hatte bei uns studiert und wusste die Anzeichen von Vernachlässigung und Gewalt nicht einzuordnen. Siri war im Gesicht verletzt und spindeldürr. Das Strafgericht hielt unserer Absolventin später zugute, dass sie in ihrem ganzen Studium nie ein Seminar zum Kinderschutz belegt hatte.

Als vermutlich bundesweit einzige Hochschule hat die Frankfurt University of Applied Sciences eine Pflichtvorlesung zum Kinderschutz in das Studium der Sozialen Arbeit aufgenommen. Im Anschluss an die Vorlesung findet ein mehrtägiges, interdisziplinäres Fallseminar statt, in der Regel ebenfalls zu Kinderschutzfällen. Zudem kann über drei Semester der Schwerpunkt „Hilfen zur Erziehung / Kinderschutz“ gewählt und das Praktikum in diesem Bereich erbracht werden.

"Von effektivem Kinderschutzsystem weit entfernt"

hr-iNFO: Warum setzt sich dieses System nicht durch?

Zitelmann: Was die Soziale Arbeit angeht, ist diese in den letzten Jahrzehnten weitgehend von den Universitäten auf die Fachhochschulen verlagert worden. Lehrende haben dort wenig Möglichkeit zur Forschung und Zeit für Publikationen, dafür einen Vollzeitjob in überfüllten Seminaren und in der zeitraubenden Selbstverwaltung. Geht es hier um neue Stellen oder die Akkreditierung von Studiengängen, ist diese an der Sicherung und Tradierung der bisherigen Fachgebiete ausgerichtet.

Das Thema "Kinderschutz" gehört dringend auf die Agenda der für die Wissenschaft zuständigen Ministerien in Bund und Ländern, wie auch der Fachgesellschaften der jeweiligen Disziplinen. Notwendig wären ein bis zwei neue Stellenmäntel für Professuren an allen großen Hochschulstandorten, um das Fachgebiet voranbringen und in der Lehre verankern zu können. Hilfreich wären zudem Förderprogramme für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

hr-iNFO: Würde es Ihnen helfen, Mittel von der Politik zu bekommen?

Zitelmann: Dies ist eine Arbeit am Limit. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben um Förderung unseres Pilotprojektes der Interdisziplinären Vorlesungsreihe Kinderschutz gebeten, etwa beim Hessischen Sozialministerium, Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und bei der Justizakademie. Wir erhielten nur Absagen. Also haben wir ehrenamtlich für die Entwicklung und Fortführung des Projektes gesorgt.

Die Vorlesungsreihe selbst findet in der Kinderschutzambulanz der Universitätsklinik Frankfurt statt. Hier werden jährlich 250 misshandelte Kinder versorgt, nicht alle überleben. Dennoch gibt es keine Planstellen, die Arbeit von Prof. Kieslich und Dr. Baz Bartels wäre ohne Spendengelder nicht möglich. Dieses Beispiel zeigt vielleicht, wie weit wir in unserer Gesellschaft und auch in der Medizin noch von einem effektiven Kinderschutzsystem entfernt sind, in dem Kinder und Helfer gleichermaßen die notwendige Unterstützung erhalten.

hr-iNFO: Ist die Politik gefragt?

Zitat
„Ich würde mir wünschen, dass an allen großen Hochschulstandorten hier in Deutschland mindestens ein bis zwei Professoren sich auch mit dem Thema Gewaltschutz für Kinder befassen würden.“ Zitat von Maud Zitelmann
Zitat Ende

Zitelmann: Hilfreich wäre die Gründung und Entwicklung interdisziplinärer Hochschulzentren zur Lehre im Kinderschutz. Hier könnten dann Familienrichter, Jugendamtsmitarbeiter, Kinderschutzfachkräfte, Pädiater, Gutachter und Kinderpsychologen teils gemeinsam ein wissenschaftlich fundiertes Curriculum durchlaufen, in Fach- und Fallseminaren interdisziplinäre Kooperation einüben und eine praxisorientierte, wissenschaftliche  Einführung in Grundlagen des Kinderschutzes erhalten.

Ich würde mir wünschen, dass an allen großen Hochschulstandorten hier in Deutschland mindestens ein bis zwei Professoren sich auch mit dem Thema Gewaltschutz für Kinder befassen würden. Dies wäre durch zusätzliche Stellen realisierbar, welche seitens der Ministerien ausgelobt und von den Hochschulen eingeworben werden könnten. So könnte es das Lehrgebiet Kinderschutz an allen großen Hochschulen geben und zwar stets mit interdisziplinärem Zuschnitt.

Jetzt im Programm