Es werde viel über, aber wenig mit Jugendämtern gesprochen, sagt Pädagogin Kathinka Beckmann. Das wollte sie mit ihrer Studie ändern und hat 652 Mitarbeiter zu ihrem Arbeitsalltag befragt. Das Ergebnis: Es fehlt massiv an Personal und Ausstattung. Beckmann sieht vor allem die Bundesregierung in der Pflicht, das zu ändern.

Kathinka Beckmann
Kathinka Beckmann Bild © hr
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Die repräsentative Befragung von 652 Mitarbeitern aus 175 Jugendämtern ergab, dass es massiv an Personal, Räumen und Ausstattung wie Handys oder Dienstwagen fehlt. "Zur Situation des Allgemeinen Sozialdienstes im Jugendamt: Eine bundesweite Studie zur Sozialen Arbeit in strukturellen Zwängen": So lautet der genaue Titel der wissenschaftlichen Untersuchung. Ihr zufolge liegen die Fallzahlen pro Jugendamtsmitarbeiterin oder -mitarbeiter viel zu hoch. Zwischen 50 und 135 Fälle sind es oft pro Person. Empfohlen werden aber maximal 35 Fälle je Sozialpädagoge. hr-iNFO-Reporter Stefan Ehlert hat mit der Leiterin der Studie, Kathinka Beckmann, über die Ergebnisse und die daraus folgenden Forderungen gesprochen. Beckmann ist Professorin für die Pädagogik der frühen Kindheit an der Hochschule Koblenz. [mehr zur Studie]

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hr-iNFO: Sie haben die deutschen Jugendämter unter die Lupe genommen. Wie sind sie darauf gekommen?

Beckmann: Uns ist aufgefallen, dass viel über, aber wenig mit den Jugendämtern gesprochen wird. Wenn Sie sich Expertenrunden angucken, dann sitzen da Medienschaffende, Juristen, Mediziner, politische Akteure, irgendwelche Professoren.

Aber die, um die es wirklich geht und die zentral verantwortlich sind für den Kinderschutz, die suchen Sie da und finden sie nicht. Das ist ein Missstand, weil Themen so schief kommuniziert und die Jugendämter oft dargestellt werden, als würden sie nicht gut arbeiten. Niemand redet über die Strukturen, die die professionelle Arbeit behindern.

hr-iNFO: Welche Mängel haben Sie festgestellt?

Beckmann: Ein Kollege hat schon vor Jahren gesagt: Kinderschutz misslingt, wenn Zeit, Wissen, Raum und Erfahrung fehlen. Und das kann ich jetzt mit der Studie für die Jugendämter bzw. für die Abteilungen des Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) bestätigen. Ein Beispiel sind die Fallzahlen. Wir haben aktuell 13.355 pädagogische Mitarbeiter, die einer Fallzahl von mehr als einer Million gegenüberstehen. Wie soll man das eigentlich gut bearbeiten? Die Ausstattung der Jugendämter und damit des ASD obliegt den Städten. Es gibt aber viele Städte, die kein Geld haben, mehr Personal in den Jugendämtern einzustellen. Und so kommt es, dass einige Kollegen mehr als 100 Fälle zu betreuen haben – plus X, plus alles, was an Beratung noch obendrauf kommt.

"Bundesweit fehlen 16.000 Fachkräfte"


hr-iNFO: Wo sind die Fallzahlen besonders hoch?

Beckmann: Zum Beispiel in Nordrheinwestfalen. Wobei sie das nicht so pauschal sagen können, weil sie auch Städte mit kleineren Fallzahlen haben, wie zum Beispiel Düsseldorf. Im Vergleich dazu hat Köln viel mehr. Sie haben also auch innerhalb eines Bundeslandes sehr unterschiedlich mit Personal ausgestattete Jugendämter. Das Personaldefizit bundesweit liegt bei mehr als 16.000 Fachkräften.

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Studie zur Situation in Jugendämtern

Zu viele Fälle, zu wenig Personal, schlechte Ausstattung
Viele Jugendämter sind für den Kampf gegen Kindesmisshandlung zu schlecht ausgestattet. Eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz macht jetzt erstmalig das Ausmaß der Defizite deutlich. [mehr]

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Dann haben wir ein Manko an Erfahrungsweitergabe. Wir haben bei einem Drittel der Jugendämter überhaupt kein Einarbeitungsmodell. Und bei den zwei Dritteln, die ein Einarbeitungsmodell haben, ist in 56 Prozent der Fälle die Zeit kürzer als drei Monate. In einem Bereich, wo sie letztendlich auch die Aufgabe haben zu entscheiden, nehme ich das Kind aus der Familie raus oder kann ich verantworten, es noch da drin zu lassen. Das führt dazu, dass ganz viele Berufseinsteiger die Flucht ergreifen, buchstäblich.

 
hr-iNFO: Man denkt ja, jemand, der Kinder retten muss, hat dafür ein Auto zur Verfügung und kann auch angerufen werden, aber Ihre Studie hat ergeben: Das ist nicht so.

Beckmann: Nein, das ist nicht so. Wir haben ein Drittel Kollegen in den Jugendämtern, die kein eigenes Büro haben, in einem Arbeitsbereich, wo hochbrisante Gespräche geführt werden. Wer den Weg ins Jugendamt findet, hat das Recht und den Wunsch auf eine geschützte Gesprächsatmosphäre. Wir haben aber eine Bürosituation, die dadurch geprägt ist, dass bis zu 18 Kollegen die Gespräche mithören. Besprechungsräume gibt es vielfach, die reichen aber nicht aus. Diensthandys hat nur ein knappes Drittel der Pädagogen vor Ort. Viele behelfen sich damit, dass sie ihr Privathandy nutzen oder sich privat ein Diensthandy anschaffen, um für die Klientel erreichbar zu sein. Das kann es aber nicht sein. Viele Familien beklagen, dass das Jugendamt zu wenig erreichbar sei.

Entscheiden mit Informationen aus zweiter Hand

 
hr-iNFO: Was schließen sie denn aus Ihren Ergebnissen? Können die Jugendämter ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden?

Beckmann: Sie werden in vielerlei Hinsicht ihren Aufgaben gerecht, weil sie dort in der Regel sehr engagiertes Personal vorfinden. Die Strukturen, die wir vorgefunden haben, sind aber nicht allein nach pädagogischen Kriterien ausgerichtet, sondern sehr häufig nach dem, was finanziell vor Ort machbar ist. Das bedeutet in der Praxis für viele Kinder und auch für die Angehörigen, dass sie erst einmal zu wenig Zeit bekommen mit den fallfederführenden Pädagogen aus dem ASD.

Man behilft sich häufig damit, dass man freie Träger einsetzt und ich dann quasi aus Informationen aus zweiter Hand meine Entscheidung treffen muss: Nehme ich das Kind aus der Familie, lasse ich es drin? Das kann bedeuten, dass ich aufgrund einer Mangelbewertung - weil ich zu wenig Zeit habe, mich angemessen mit Kollegen auszutauschen - eine falsche Entscheidung treffe.

hr-iNFO: Hängt es von der Postleitzahl ab, ob ein Kind sterben muss oder nicht?

Beckmann: Es kann in der Tat unter Umständen von der finanziellen Situation abhängen, was mit diesem Kind gemacht wird oder eben nicht. Was gibt der Geldbeutel in der Kommune her oder nicht.  Es hängt vom Engagement der Kolleginnen vor Ort ab, mit unzureichenden Strukturen umgehen zu können. Deshalb bin ich ganz klar der Ansicht, dass Kinderschutz im Besonderen, aber Jugendhilfe im Allgemeinen, eine gesellschaftspolitische Angelegenheit ist. Und die gehört in die Hand der obersten föderalen Ebene und ist nicht auf dem Rücken der Kommunen auszutragen.

"Kinderrechte sind schon im Grundgesetz"

hr-iNFO: Auf Deutsch, sie sehen die Bundesregierung in der Pflicht?

Beckmann: Die hat die Möglichkeit. Der Paragraph 79 im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert die Verantwortung für die Ausstattung der Jugendämter mit Finanzen, Personal, Räumen bei den Kommunen. Es liegt ganz klar bei der Bundesregierung, diese Verzahnung endlich aufzulösen und sich selber für verantwortlich zu erklären, was nebenbei bemerkt die Kanzlerin 2007 schon gemacht hat, als sie gesagt hat, Kinderschutz ist Chefsache.

hr-iNFO: Sie gehören nicht zu denen, die sagen, Kinderrechte müssen ins Grundgesetz?

Beckmann: Weil die Kinderrechte schon im Grundgesetz vorhanden sind, weil Kinder auch Menschen sind. Ich befürchte, dass es eher so eine Alibiveranstaltung werden würde. Was ich für viel notwendiger erachte, ist ein Kinderschutzbeauftragter auf Bundesebene.  Wir haben andere Beauftragte: Wehrbeauftragte, Missbrauchsbeauftragte, einen Wolfsbeauftragten. Was wir nicht haben, ist jemand, der mit Befugnissen darauf achtet, dass die bestehenden Rechte, die Kinder jetzt schon haben, auch endlich umgesetzt werden - und zwar vollumfänglich.

Kathinka Beckmann
Kathinka Beckmann im Interview mit hr-iNFO und dem hr-fernsehen Bild © hr

Sendung: hr-iNFO, 14.5.2018, 6.10 Uhr

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