Kind hüpft auf Hickelkasten
Bild © Colourbox.de

Manchmal erfährt die Öffentlichkeit davon – dann, wenn es ganz schrecklich endet. Wenn ein Kind stirbt. Aber jeden Tag leiden viele tausend Kinder in Deutschland unbemerkt. Oft dauert es lange, bis jemand ihr Martyrium erkennt und handelt. Wo liegen die Schwachstellen beim Kinderschutz in Deutschland? Eine hr-iNFO-Recherche zum Thema Kindesmisshandlung.

"Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit sehr, sehr hoch. Was bei uns ankommt ist nur die Spitze", sagt der Frankfurter Kriminalhauptkommissar Michael Caputo im Interview mit hr-iNFO. Und gibt damit wieder, was fast alle Gesprächspartner den hr-iNFO-Kollegen ins Mikro sprachen: Bundesweit 130 tote Kinder und 22.000 Fälle von schwerer Kindesmisshandlung, die 2016 Eingang in die Statistik fanden - sie sind nur die Spitze eines Eisberges, dessen Basis unsichtbar bleibt.

Personelle und materielle Engpässe in vielen Jugendämtern schränken effektiven Kinderschutz aber ebenso ein wie mangelnde Qualifikation oder auch nur Sensibilisierung von Ärzten oder Richtern. Kein Familienrichter und kein Kinderarzt ist im Zuge seiner Ausbildung dazu verpflichtet, sich Grundkenntnisse im Kinderschutz anzueignen.

Knapp 10.000 Fälle in Hessen

Michael Caputo und sein dreiköpfiges Team aus dem K13 ermitteln, wenn Kinder in Frankfurt gefährdet oder wenn sie schon Opfer von Gewalt geworden sind. Kinderschutz könne aber nicht die Polizei allein leisten, sagt er. Deswegen gibt es in der Mainmetropole seit zwei Jahren einen runden Tisch vieler Beteiligter. Vom Kinderschutzbund über Schulsozialarbeiter, vom Jugendamt bis zur Kinderschutzambulanz der Uniklinik, vom Rechtsmediziner bis zum Familiengericht sind viele Stellen damit betraut, "Kindeswohlgefährdungen" nach Paragraf 8a des Sozialgesetzbuches aufzuklären, zu verhindern, zu behandeln. Als gefährdet gilt das Kindeswohl, wenn Eltern schlagen, ihr Kind vernachlässigen oder psychisch misshandeln. In Hessen allein gab es 2016 knapp 9900 §8a-Gefährdungseinschätzungen, bundesweit waren es 137.000. Die Hälfte der betroffenen Kinder war jünger als sieben Jahre. Viel Arbeit. Vor allem für die Jugendämter.

Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

hr-iNFO hat die konstant hohe Fallzahl und eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz über Missstände in deutschen Jugendämtern zum Anlass genommen, genauer hinzuschauen. "Opfer ohne Stimme – wie wir unsere Kinder vor Gewalt schützen" ist der Titel des Recherche-Projekts. Ein Reporterteam hat sich dabei auf vier Säulen des deutschen Kinderschutzsystems konzentriert: Die Kinderärzte, die Schulsozialarbeiter, die Jugendämter, die Familiengerichte. Immer mit der Frage: Was läuft heute schon gut? Aber auch: Wo sind die Schwachstellen, was muss geschehen, damit Kindern nicht ihr Recht verwehrt wird, gewaltfrei und ausreichend umsorgt aufzuwachsen?

1. Kinderschutz in den Schulen

Die Lehrerin Daniela Schmitz-Weger leitet das dreiköpfige Kinderschutzteam der Ernst-Reuter II-Gesamtschule (ERS II) in Frankfurt-Nordweststadt. Zum Team gehört auch eine erfahrene Sozialarbeiterin, Andrea Wagner, wichtig als vertraute Ansprechpartnerin für die Schüler und als Beraterin der Pädagogen. Schmitz-Weger sagt, sie freue sich über den Rückhalt der Schulleitung.

Daniela Schmitz-Weger
Daniela Schmitz-Weger Bild © hr

Sie sagt aber auch, dass sie und ihre Kolleginnen mehr Zeit bräuchten, um die jährlich 40 bis 50 Fälle von mutmaßlicher Kindeswohlgefährdung an der mit 1200 Kindern recht großen Schule zu bearbeiten. 15 bis 20 ihrer Fälle pro Jahr würden dem Jugendamt gemeldet. Meist handele es sich um krasse Fälle von Vernachlässigung, sagt Schmitz-Weger. Das merke sie etwa daran, dass Kinder zu wenig zu essen bekämen, oder sie trügen bei Eiseskälte zu dünne Kleidung oder ständig zu kleine Schuhe. Für Schmitz-Weger und ihr Team bedeutet eine solche Meldung, dass in jedem Fall jeder Schritt dokumentiert und zudem nachgewiesen sein muss, dass der Schutz des betroffenen Kindes vor weiteren Misshandlungen immer gewährleistet ist.

Nicht alle Schulen haben Kinderschutzteams

Andrea Wagner
Andrea Wagner Bild © hr

Für eine Erleichterung ihrer Arbeit würden sich die schulischen Kinderschützer noch mehr Verständnis und mehr Kenntnisse auch im Kollegenkreis wünschen, dazu eine personelle Verstärkung und ein größeres Zeitkontingent. Die Arbeit sei wichtig, aber auch belastend. Schmitz-Weger sagt, sie habe sich sogar schon persönlich durch einen misshandelnden Vater bedroht gefühlt, diese Gefahr schwebe immer im Raum beim Kinderschutz. Damals habe ihr die Schulleitung sehr geholfen.

Weitere Informationen

Sozialarbeit in der Schule: Plötzlich aggressiv

Wie können Schulsozialarbeiter erkennen, dass ein Kind zu Hause misshandelt wird? Ein Besuch. [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Noch gibt es längst nicht an allen Schulen Kinderschutzteams oder gar Schulsozialarbeit. Recherchen des hr-iNFO-Teams ergaben, dass es keine brauchbare statistische Übersicht über Kinderschutz und Schulsozialarbeit an den hessischen Schulen gibt, auch weil sich Länder- und Städtekompetenzen überschneiden. Stichproben bei einzelnen Kommunen wie Darmstadt oder Gießen lassen jedoch darauf schließen, dass das Thema Kinderschutz seit den 2010er Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Aktuell werde "Schulsozialarbeit an 17 Grundschulen, fünf Gesamtschulen, einer Haupt- und Realschule, sieben Gymnasien, vier Förderschulen und zwei Berufsschulzentren umgesetzt", teilte uns Darmstadts Stadträtin Barbara Akdeniz mit. Der Landkreis Gießen meldet vergleichbaren Zuwachs seit 2009. Dort sei die Schulsozialarbeit an Grundschulen flächendeckend vorgesehen.

2. Kinderschutz bei Gericht

Ob Richterinnen und Richter ausreichend qualifiziert sind für das hochkomplexe Kindschaftsrecht, ist in Deutschland hoch umstritten und führte nach dem erschreckenden Fall eines kleinen Jungen aus dem Breisgau bei Freiburg zu erneuten heftigen Debatten. Der Junge war von seiner Mutter und ihrem wegen Missbrauchs vorbestraften Partner für Sex angeboten und viele Male brutal missbraucht worden. Obwohl zuvor schon vom Jugendamt in Obhut genommen, wurde der Junge nach einem Gerichtsentscheid wieder seiner Mutter überlassen, die ihn vor ihrem Partner schützen sollte. Den zuständigen Familienrichtern am Amtsgericht Freiburg sowie am Oberlandesgericht Karlsruhe werfen Experten wie der Frankfurter Familienrechtler Professor Ludwig Salgo Fehler vor. Grundsätzliches wurde missachtet, etwa das Kind nicht gehört, ein Verfahrensbeistand (Anwalt des Kindes) nicht berufen. Diese Fehler hätten bei besserer Qualifizierung vor Amtsantritt möglicherweise vermieden werden können.

Weitere Informationen

Beruf Familienrichterin: Entscheidungen, die Leben verändern können

Eine Familienrichterin erzählt davon, wie schwierig diese Aufgabe ist. [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Weder der Vorstand des Deutschen Familiengerichtstages, noch die von uns befragten Gesprächspartner sind der Auffassung, dass Deutschlands Familienrichter ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet sind - weder Ludwig Salgo, noch Stefan Heilmann, Vorsitzender eines Familiensenats am Oberlandesgericht Frankfurt. Die Familienrichterin Heidi Fendler sagt, ihre Entscheidungen hätten weitreichende Konsequenzen für die betroffenen Familien, deswegen sei ein Jurastudium des klassischen Einheitsrichters nicht ausreichend. Es brauche auch pädagogische und psychologische Kenntnisse. Außerdem gebe es zu wenige Familienrichter, und die seien überlastet und hätten oft zu wenig Zeit für die komplizierten Verfahren, in denen es darum gehe, ob ein Kind in Obhut genommen werde oder weiter in der Familie bleibe.

Länder lehnen Qualifikationspflicht mehrheitlich ab

Doch die noch vom damaligen Justizminister Maas (SPD) 2017 vorgelegte Idee, Familienrichtern vor Antritt ihres Amtes per Bundesgesetz eine Qualifikationspflicht  aufzuerlegen, wurde nach hr-iNFO-Recherchen von den Ländern, auch von Hessen, mehrheitlich abgelehnt. Sie befürchten – unter anderem – personelle Engpässe, wenn sie die Familiengerichte nur noch mit eigens dafür ausgebildeten Richtern besetzen können.

Die amtierende Bundesjustizministerin Barley (SPD), einst selbst Familienrichterin, verfolgt den Ansatz einer Zusatzqualifizierung als Einstellungsvoraussetzung für Familienrichter nicht weiter. Nach Angaben einer Sprecherin befürchte sie, sie politisch nicht durchsetzen zu können. Sie begrüße aber sehr stark den im Koalitionsvertrag angekündigten "Pakt für den Rechtsstaat", der beinhalte, die Familienrichter zumindest intensiver fortzubilden. Darüber werden die Landesjustizminister im Juli auf ihrem Treffen in Eisenach beraten. Der Vorschlag kostet Barley wenig, denn umsetzen können ihn nur die Länder, die in Justizangelegenheiten zuständig sind. Und die lehnen eine solche Verpflichtung bislang mehrheitlich ab, wie sich aus Antworten aller Länder mit Ausnahme Hessens auf eine entsprechende Anfrage von hr-iNFO ergab. Doch "der Widerstand scheint zu bröckeln", schreibt Ludwig Salgo in seinem jüngsten Beitrag für die Zeitschrift Kindschaftsrecht und Jugendhilfe.

3. Kinderschutz beim Kinderarzt

Was ist Folge eines Unfalls? Was deutet eine Misshandlung an? Hier den Unterschied zu erkennen oder auch nur einen Verdacht begründen zu können, ist nicht so einfach - noch nicht einmal für geübte Rechtsmediziner. Und Eltern, die ihre Kinder misshandeln, erzählen das in den seltensten Fällen dem Kinderarzt. Ist der unerfahren, scheut er den Konflikt oder weiß nicht, was zu tun ist, dann bleibt das gequälte Kind in der Hand der Täter, ohne dass ihm jemand hilft. Kinderärzten kommt deshalb im System des Kinderschutzes eine Schlüsselrolle zu, dennoch kennt kein Curriculum der medizinischen Fakultäten der Bundesrepublik den verpflichtenden Schwerpunkt Kinderschutz.

Keine gesetzliche Meldepflicht

Zudem bringt die Schweigepflicht die Ärzte in ein Dilemma, aus dem sie trotz einer 2012 erfolgten Gesetzesänderung oft keinen Ausweg sehen: Wann dürfen sie dem Jugendamt oder gar der Polizei etwas sagen über ihren Verdacht? Sie brauchen, wenn sie es nicht komplett anonym melden, das Einverständnis der Patienten, im Fall der Kinder also das der Erziehungsberechtigten. Doch genau gegen diese Schutzbefohlenen richtet sich ja oft der Verdacht.

Weitere Informationen

Beim Kinderarzt: Nicht immer sind die Spuren sichtbar

Kinderärzte sollen Misshandlungen erkennen und manchmal auch melden. Doch das ist keine leichte Aufgabe. Ein Besuch bei Kinderärztin Barbara Mühlfeld in Bad Homburg. [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Erst wenn der Arzt nach einem Gespräch mit ihnen feststellt, dass sich die Lage des Kindes nicht verbessert, kann er den Fall dem Jugendamt melden. Kann. Eine gesetzliche Meldepflicht für Kinderärzte gibt es nicht. Und manche von ihnen befürchten, dass einschlägige Klienten Ärztehopping betreiben oder das Kind gar nicht mehr zum Arzt bringen, falls sich herumsprechen sollte, dass ihr Facharzt beim Kinderschutz durchgreift.

Der kann im Verdachtsfall ein Kind in die auf Misshandlung spezialisierten Kinderschutzambulanzen überweisen. Doch von denen gibt es in Hessen nicht viele. Genauer gesagt nur eine, im Universitätsklinikum der Goethe-Uni. Das kleine Ärzteteam dort zieht Fachkollegen hinzu, Forensiker, Neurologen, Radiologen, um sowohl stationäre als auch ambulante Fälle aufzuklären.

Kinderschutzambulanz Frankfurt
Oberarzt Marco Baz Bartels (links) und sein Kollege Matthias Kieslich von der Frankfurter Kinderschutzambulanz Bild © hr

Außerdem kümmert es sich um die einschlägige Fortbildung des Mediziner-Nachwuchses und anderer Berufsgruppen. Bis zu 250 Fälle im Jahr werden dort vorgestellt, der Bedarf sei groß, sagt der zuständige Oberarzt Marco Baz Bartels. Fachleute fordern, eine vergleichbare Ambulanz müsse in jeder Kinderklinik etabliert werden. Doch schon die Finanzierung der laufenden Arbeit im Frankfurter Vorzeigeprojekt wird zum Teil über Spenden gedeckt, und auch hier ist das Personaltableau dünn.

4. Kinderschutz im Jugendamt

Hängt es von der Postleitzahl ab, ob ein Kind wegen Misshandlung stirbt oder nicht? Die Koblenzer Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann will das nicht ausschließen. Nach der von hr-iNFO exklusiv veröffentlichten Studie, die sie mit Kolleginnen im Auftrag des Jugendamts Berlin-Mitte und finanziert von der Deutschen Kinderhilfe erstellt hat, geben die deutschen Jugendämter Anlass zur Besorgnis: "Was gibt der Geldbeutel der Kommune her, oder auch nicht?" Kann ein Kind so versorgt werden, wie es nötig ist, oder nur so, wie es die klammen Kassen einer Kommune erlauben?, fragte sich die Professorin. Für ihre Studie wurden 625 Mitarbeiter aus bundesweit 175 der insgesamt 563 Jugendämter befragt. Die Studie sei repräsentativ für ganz Deutschland, sagt Professor Beckmann. Sie belege wissenschaftlich, was sich zuvor andeutete und befürchtet wurde: strukturelle Defizite. Kinderschutz misslinge aber, wenn es an Zeit, Raum und Erfahrung fehle.

Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

Oft hängt es aus Sicht der Sozialwissenschaftlerin Beckmann allein am persönlichen Engagement der Jugendamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, dass ein Kind in den Ämtern vernünftig betreut und versorgt werde, trotz grundlegender Mängel. Beckmann spricht von "strukturellen Zwängen". Als solchen bezeichnet sie auch den Personalmangel der Jugendämter, denen rechnerisch rund 16.000 Stellen fehlten.

Frust bei Mitarbeitern sitzt tief

Deshalb seien die Fallzahlen pro Mitarbeiter oft viel zu hoch, in manchen Fällen lägen sie bei 135 pro Person. Ein Drittel der 13.335 Beschäftigten der Jugendämter klagte laut Studie über eine zu hohe Fallbelastung von mehr als 35 pro Person. Das ist die Grenze, die ihr Berufsverband empfiehlt. Die Gewerkschaft Verdi fordert sogar eine Obergrenze von 28.

Kathinka Beckmann
Kathinka Beckmann Bild © hr

Der Frust scheint tief zu sitzen unter den Beschäftigten. Deshalb ist es nicht überraschend, dass die Jugendämter der Beckmann-Studie zufolge eine sehr hohe Fluktuation des Personals aufweisen. Mehr als jeder Dritte mache den Job keine drei Jahre lang. Es seien zwar noch viele erfahrene Mitarbeiter da, aber der Nachwuchs würde oft nicht ausreichend eingearbeitet und flüchte vor dem Druck der Verantwortung. In jedem dritten Jugendamt gebe es gar kein Einarbeitungsmodell, kritisiert Kathinka Beckmann.

Weitere Informationen

Im Jugendamt: "Manchmal schwer auszuhalten"

Eine Mitarbeiterin des Wiesbadener Jugendamts erzählt von ihrem Arbeitsalltag. [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Das Fazit der Professorin: Die Jugendhilfeausschüsse der Kommunen müssten sich heute schon stark machen für eine bessere Finanzierung des Kinderschutzes. Der Bund müsse den Kommunen die Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe abnehmen. Und es müsse einen Kinderschutzbeauftragten der Bundesregierung geben – mit ausreichend Befugnissen, um die Rechtsansprüche der Kinder wirksam zu verteidigen.

Weitere Informationen

Der Beitrag stützt sich auf Recherchen von Petra Boberg, Heike Borufka, Frederik von Castell, Stefan Ehlert und Daniela Klein.

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen

§ 8a: Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung

(1) Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen. Soweit der wirksame Schutz dieses Kindes oder dieses Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird, hat das Jugendamt die Erziehungsberechtigten sowie das Kind oder den Jugendlichen in die Gefährdungseinschätzung einzubeziehen und, sofern dies nach fachlicher Einschätzung erforderlich ist, sich dabei einen unmittelbaren Eindruck von dem Kind und von seiner persönlichen Umgebung zu verschaffen. Hält das Jugendamt zur Abwendung der Gefährdung die Gewährung von Hilfen für geeignet und notwendig, so hat es diese den Erziehungsberechtigten anzubieten.

(2) Hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für erforderlich, so hat es das Gericht anzurufen; dies gilt auch, wenn die Erziehungsberechtigten nicht bereit oder in der Lage sind, bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos mitzuwirken. Besteht eine dringende Gefahr und kann die Entscheidung des Gerichts nicht abgewartet werden, so ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind oder den Jugendlichen in Obhut zu nehmen.

(3) Soweit zur Abwendung der Gefährdung das Tätigwerden anderer Leistungsträger, der Einrichtungen der Gesundheitshilfe oder der Polizei notwendig ist, hat das Jugendamt auf die Inanspruchnahme durch die Erziehungsberechtigten hinzuwirken. Ist ein sofortiges Tätigwerden erforderlich und wirken die Personensorgeberechtigten oder die Erziehungsberechtigten nicht mit, so schaltet das Jugendamt die anderen zur Abwendung der Gefährdung zuständigen Stellen selbst ein.

(4) In Vereinbarungen mit den Trägern von Einrichtungen und Diensten, die Leistungen nach diesem Buch erbringen, ist sicherzustellen, dass
1. deren Fachkräfte bei Bekanntwerden gewichtiger Anhaltspunkte für die Gefährdung eines von ihnen betreuten Kindes oder Jugendlichen eine Gefährdungseinschätzung vornehmen,
2. bei der Gefährdungseinschätzung eine insoweit erfahrene Fachkraft beratend hinzugezogen wird sowie
3. die Erziehungsberechtigten sowie das Kind oder der Jugendliche in die Gefährdungseinschätzung einbezogen werden, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird.
In die Vereinbarung ist neben den Kriterien für die Qualifikation der beratend hinzuzuziehenden insoweit erfahrenen Fachkraft insbesondere die Verpflichtung aufzunehmen, dass die Fachkräfte der Träger bei den Erziehungsberechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken, wenn sie diese für erforderlich halten, und das Jugendamt informieren, falls die Gefährdung nicht anders abgewendet werden kann.

(5) Werden einem örtlichen Träger gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder eines Jugendlichen bekannt, so sind dem für die Gewährung von Leistungen zuständigen örtlichen Träger die Daten mitzuteilen, deren Kenntnis zur Wahrnehmung des Schutzauftrags bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a erforderlich ist. Die Mitteilung soll im Rahmen eines Gespräches zwischen den Fachkräften der beiden örtlichen Träger erfolgen, an dem die Personensorgeberechtigten sowie das Kind oder der Jugendliche beteiligt werden sollen, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird.

Sozialgesetzbuch (SGB), Achtes Buch (VIII), Kinder- und Jugendhilfe: Artikel 1 des Gesetzes vom 26. Juni 1990, BGBl. I S. 1163

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen

Weiterführende Links

Ende der weiteren Informationen
Jetzt im Programm