Jugendamt
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Viele Jugendämter sind für den Kampf gegen Kindesmisshandlung zu schlecht ausgestattet. Eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz macht jetzt erstmalig das Ausmaß der Defizite deutlich.

Sandra Krause-Ackermann versinkt hinter ihrem Computer. Die schmale 43-Jährige mit dem Kurzhaarschnitt widmet sich konzentriert ihren Akten. Gerade muss sie noch ein Gespräch mit Betroffenen zu einem aktuellen Fall vom Tag zuvor dokumentieren. In der geöffneten digitalen Akte: Datum, beteiligte Personen, Anhaltspunkte für Misshandlung.

Krause-Ackermann gehört zum zehnköpfigen "Team Kinderschutz" im Jugendamt Wiesbaden. In einer Stunde hat sie ein Gespräch mit einer Mutter, die ihren achtjährigen Sohn geschlagen hat. Er ist in einer Wohngruppe untergebracht, Krause-Ackermann muss das weitere Vorgehen besprechen. Die Zeit bis dahin will sie nutzen, um ihren Stapel abzuarbeiten.

Dokumentation frisst zwei Drittel der Arbeitszeit

Dokumentation frisst in den Jugendämtern 63 Prozent der Arbeitszeit, zeigt eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz. Eine Zahl, hinter der ein großes Problem steckt: Denn nur jeder fünfte Sozialarbeiter schaffe es, die für Fallübergaben und Verfahren wichtigen Protokolle während oder noch am Tag des Gesprächs auszufüllen. "Das ist einfach unglaublich viel. Wenn ich meine Termine so lege, dass ich denke, heute habe ich den Vormittag frei – den habe ich nicht. Dann kommen zehn Anrufe oder bei der Kollegin vielleicht noch was rein, die ich dann unterstütze oder berate. Man kann den Alltag hier nicht planen."

Mehr als jeder zweite Fall bleibt unprotokolliert. Und wird frühestens in der kommenden Woche dokumentiert. In manchen Fällen massiver Gewalt ist das eine lange Zeit – im Extremfall zu lang. Der Grund dafür sei schlicht Überlastung, erklärt Krause-Ackermann.

Kathinka Beckmann und Sandra Krause-Ackermann
Sandra Krause-Ackermann (links) arbeitet seit zehn Jahren im Jugendamt Wiesbaden und kennt die Defizite aus eigener Erfahrung. Kathinka Beckmann ist Professorin an der Hochschule Koblenz. Sie hat die Arbeitsbedingungen von Jugendamtsmitarbeitern in den Jugendämtern erforscht. Bild © hr

Zu wenig Zeit für Hausbesuche

Noch gravierender: Für den Kontakt mit den Familien bliebe viel zu wenig Luft, sagt die 43-jährige Sozialpädagogin. Für einen Hausbesuch nehme sie sich 45 Minuten Zeit, mehr sei einfach nicht drin. "Wenn wir die Möglichkeit hätten, öfter vorbeizugucken, wäre das toll. Dafür bräuchten wir mehr Personal. In der Regel ist es aber so, dass wir alle sechs Monate Kontakt mit der Familie haben. Aber dass man sagt, wir kennen die Familie, weil wir da einmal in der Woche vorbeikommen und das immer schön kontrollieren können … so ist es nicht." Die aktuelle Studie der Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann bestätigt dies: 58 Prozent der von ihr befragten Mitarbeiter in deutschen Jugendämtern verbringen bei Terminen maximal eine Stunde in den Familien.

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Empfohlene Fall-Obergrenze kann oft nicht eingehalten werden

Sandra Krause-Ackermann erlebt täglich, dass Hilfe bitter nötig ist. Vor zehn Jahren hat sie ihren Job als Schulsozialarbeiterin an den Nagel gehängt, um im Jugendamt intensiver mit Kindern, Müttern und Vätern zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen, Hilfe zu organisieren. Das konnte sie in der Schule nicht. Doch die Arbeitsbedingungen machen ihr heute oft einen Strich durch die Rechnung. "Wir haben viel Verantwortung, wir haben viel Stress und wir müssen ganz viel wuppen mit wenig Personal", berichtet Krause-Ackermann. Und so wie ihr ergeht es nicht nur dem "Team Kinderschutz" im Jugendamt Wiesbaden, sondern vielen ihrer deutschlandweit 13.355 Kollegen aus dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), jenem Bereich in den deutschen Jugendämtern, der täglich dafür kämpft, Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch zu schützen. Was ihnen dabei helfen könnte? Vor allem mehr Mitarbeiter, sagt Krause-Ackermann. Dann wäre ein intensiverer Kontakt zu den Familien möglich, auch mal ein spontaner, unangekündigter Hausbesuch.

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Auch die Studie der Hochschule Koblenz zeigt: In vielen Jugendämtern fehlt das Personal, um Kinder und Familien die Unterstützung zu geben, die sie bräuchten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft ASD fordert seit Jahren, dass sich Jugendamtsmitarbeiter mit voller Stelle zum Schutz der Kinder um maximal 35 Fälle zeitgleich kümmern sollte. Doch Kathinka Beckmanns Studie zeigt: Nur in 68 Prozent der Ämter kann diese empfohlene Obergrenze eingehalten werden. So sollen in manchen Städten in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachen, Schleswig-Holstein, Berlin und Sachsen Jugendamtsmitarbeiter mehr als 100 Fälle  betreuen. Um die Situation in den Jugendämtern zu verbessern, fordert die Sozialwissenschaftlerin 16.600 zusätzliche ASD-Sozialarbeiter bundesweit. Der Beamtenbund hält mindestens 3.000 zusätzliche Mitarbeiter für notwendig.

Gewalt gehört noch immer zum Erziehungsalltag

"Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen" - so will es Paragraph 8a des Sozialgesetzbuches. Im Jahr 2016 gab es rund 137.000 solcher Meldungen, von denen etwa 22.000 als akut gefährdend eingestuft wurden.

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zur Bildergalerie Misshandelte und vernachlässigte Kinder

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Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland seit 18 Jahren gesetzlich verboten, aber noch immer gehört sie zum Erziehungsalltag. Doch wie kommt es zu so schweren Misshandlungen? Die Sozialwissenschaftlerin Beckmann erklärt, "Gewalt gegen Kinder hat es immer gegeben und wird es leider immer geben. In der Regel schlagen Eltern ihre Kinder, weil sie überfordert sind. Nur wenige Eltern sind Sadisten, der Großteil ist mit dem Stress überfordert."

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Misshandlung beginne schon bei der Ohrfeige oder dem Klaps auf dem Po, sagt Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe, die die Studie der Hochschule Koblenz finanziert hat. Er erzählt aber auch von gefesselten, verbrühten, verbrannten Kindern. "Oder das eiskalte Abduschen bei Kindern. Wir haben Fälle, in denen den Kindern Brandverletzungen zugefügt, in denen ihnen Säurereiniger eingeflößt werden, in denen sie im Winter auf dem Balkon ausgesetzt werden."

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Zähne würden herausgeschlagen, Knochen gebrochen, Kinder vergiftet. Dazu kommt psychische Gewalt:  “Wenn ich jemanden demütige, bloßstelle, herabsetze, wenn ich jemanden beschimpfe, ihm seinen Selbstwert nehme. Das kann genauso wie körperliche Schmerzen oder noch nachhaltiger weh tun." Nicht zu vergessen sind die Fälle von Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch.

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Besprechungszimmer sind Mangelware

Ob ein Kind in Gefahr ist oder nicht, kann die Wiesbadener Jugendamtsmitarbeiterin Sandra Krause-Ackermann nicht immer nachweisen. An diesen Familien müsse man dranbleiben, sagt sie. Ihr nächster Termin wartet: ein Gespräch mit Anna Schmitt, die in Wirklichkeit anders heißt. Sie hat nach intensiven Gesprächen eingewilligt, ihren Sohn Julian in einer Wohngruppe unterbringen zu lassen und ist damit einer sogenannten "Inobhutnahme" durch das Jugendamt zuvorgekommen. "Inobhutnahme" heißt: Sohn und Mutter werden getrennt. 

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Das Team vom Kinderschutz des Wiesbadener Jugendamtes hat schon seit Längerem den Verdacht, dass Anna Schmitt ihren achtjährigen Sohn Julian schlägt. Aufgefallen war der Junge zuerst in der Grundschule . Er attackierte ständig und massiv andere Kinder. Die Lehrerin nahm Kontakt mit dem Jugendamt auf, doch dass der Junge zu Hause selbst Opfer von Misshandlungen ist, konnte nicht nachgewiesen werden. Der Junge schützte seine Mutter. Heute ist Anna Schmitt zum Gespräch eingeladen, um gemeinsam mit der Jugendamts-Mitarbeiterin zu besprechen, wie es weitergeht mit Julian. Sandra Krause-Ackermann macht sich auf die Suche nach einem Besprechungszimmer. "Alltag", sagt sie: "In Wiesbaden haben wir Doppelbüros. Es gibt Situationen, in denen Eltern überhaupt nicht reden wollen, wenn jemand mit im Raum ist. Das ist einfach schwierig."

Auch das nicht nur ein Problem in Wiesbaden – im Gegenteil. Die Studie der Hochschule Koblenz zeigt: Jeder dritte Sozialpädagoge in einem deutschen Jugendamt hat kein eigenes Büro, Besprechungsräume reichen oft nicht aus. Und das, obwohl eine geschützte Gesprächsatmosphäre enorm wichtig ist. Vor allem für die betroffenen Familien, in denen Täter und Opfer zusammenleben und die dringend Hilfe benötigen, um einen Ausweg aus der alltäglichen Gewalt zu finden.  

"Es ist schon einmal ein Kind gestorben"

Die Wiesbadener Jugendamtsmitarbeiterin Krause-Ackermann hat Glück, sie findet ein freies Zimmer. Eine Stunde spricht sie mit Anna Schmitt. Am Ende die Entscheidung: Der achtjährige Julian bleibt vorerst in der Wohngruppe. "Zu seinem eigenen Schutz", sagt Krause-Ackermann. Julian konnte sie helfen. Und nicht nur ihm, auch der Mutter. Beide sind in Therapie. Doch sie weiß: Jedes Kind kann sie nicht retten. "Es ist schon einmal ein Kind gestorben. Das war für mich sehr, sehr hart, weil ich diese Familie auch kannte. Und das Kind war für kurze Zeit aus der Familie draußen und ist dann wieder zurück. Und dann war es tot", berichtet Krause-Ackermann. Warum, das kann und darf sie nicht erzählen.

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Forderung: Finanzierung anders regeln, Kommunikation verbessern

Für die Ausstattung der Jugendämter und damit des ASD sind die Städte und Kommunen verantwortlich, zu denen die Jugendämter jeweils gehören. Es sei klar, dass Städte und Kommunen, die kein Geld hätten, kein weiteres Personal einstellen könnten, so Sozialwissenschaftlerin Beckmann.

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Beckmann: "Wir brauchen einen Kinderschutzbeauftragten"

Kathinka Beckmann, Leiterin der Studie, sieht vor allem die Bundesregierung in der Pflicht, um die Situation in den Jugendämtern zu verbessern. Wir haben mit ihr über die Ergebnisse und ihre Forderungen gesprochen. [mehr]

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"Die Sozialarbeiter im ASD werden durch die Strukturen behindert, wirklich professionelle, pädagogische Arbeit so zu leisten, wie das Kinder- und Jugendhilfegesetz es sich 1991 auf die Fahnen geschrieben hat." Dort ist klar geregelt, dass die Hilfen für Kinder immer bedarfsgerecht sein müssen. "Durch die Anbindung an die kommunale Kassenlage, das haben 54 Prozent der Befragten bestätigt, werden Entscheidungen nicht nur nach pädagogischen, sondern häufig nach finanziellen Gesichtspunkten getroffen."

Beckmann fordert deshalb von der Bundesregierung, die Kommunen von der Finanzierung der Jugendämter zu befreien. "Diese Verzahnung muss endlich aufgelöst werden. Ich bin ganz klar der Ansicht, dass Jugendhilfe- und Kinderschutz eine gesellschaftspolitische Angelegenheit ist." Und die gehöre in die Hand des Bundes, die Verantwortung dürfe nicht an die Kommunen abgeschoben werden, denen häufig die Ressourcen fehlten, sagt Beckmann.

Eine Einschätzung, die der Deutsche Städte- und Gemeindebund auf Anfrage des hr bestätigt: Allein im Jahr 2015 seien die öffentlichen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe auf knapp 41 Milliarden Euro gestiegen – so viel wie nie zuvor, rechnet der Interessenverband der Kommunen vor. Davon fließen aber bundesweit nur 7,3 Milliarden in die Hilfen zur Erziehung, also die Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe.  Die restlichen Milliarden fließen vor allem in die Kitas. Eine "erhebliche Belastung der Kommunalhaushalte", so der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Er fordert: Der Bund solle sich an den steigenden Kosten beteiligen, da ansonsten die Kommunen bei den weiter steigenden Kosten überfordert wären.

Es geht aber nicht nur um Geld. Verbesserungen seien auch in der Kommunikation zwischen Familiengerichten, Polizei und Jugendämtern notwendig, die oft nicht ausreichend informiert würden, so der Verband. Deshalb fordert die Sozialwissenschaftlerin Beckmann als eine Konsequenz aus ihrer Studie: Deutschland braucht dringend die Einrichtung eines Kinderschutzbeauftragten. "Jemanden mit Kompetenzen und Befugnissen, der sich auf oberster Ebene einmischt."

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Definition Kindesmisshandlung

Bundestag Drucksache 10/4560
Kindesmisshandlung ist eine nicht zufällige (bewusste oder unbewusste) gewaltsame KÖRPERLICHE und/oder SEELISCHE SCHÄDIGUNG, die in Familien oder Institutionen z.B. Kindergärten, Schulen, Heimen geschieht und die zu VERLETZUNGEN , ENTWICKLUNGSVERZÖGERUNGEN oder sogar zum TODE führt und die somit das WOHL und die RECHTE eines Kindes beeinträchtigt oder bedroht.

§ 1631 Abs. 2 Bürgerliches Gesetzbuch
"
Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig."

Bundeskinderschutzgesetz seit 2012 (Gesetz zur Stärkung eines aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichen)
"... im Einzelfall (sollen) Risiken für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen frühzeitig erkannt werden und ... eine Gefährdung des Wohls eines Kindes oder eines Jugendlichen vermieden oder, falls dies im Einzelfall nicht mehr möglich ist, eine weitere Gefährdung oder Schädigung abgewendet werden ..."

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Informationen zur Studie: "Zur Situation des ASD im Jugendamt"

Die bundesweite Studie "Zur Situation des ASD im Jugendamt" wurde von Prof. Dr. Kathinka Beckmann, Thora Elting und Sophie Klaes (alle: Fachbereich des Sozialwesens an der Hochschule Koblenz) durchgeführt und lag dem Hessischen Rundfunk und der ARD zur exklusiven Auswertung vor Veröffentlichung bei der Bundespressekonferenz am 14. Mai 2018 vor.

Als Stichprobe für die 13.355 Sozialarbeiter im Bereich ASD haben 652 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern deutschlandweit den Fragebogen mit 120 Variablen in drei Befragungswellen zwischen März und August 2017 ausgefüllt. Zudem wurden vertiefende Leitfadeninterviews mit zwölf Sozialarbeitern aus unterschiedlichen Bundesländern durchgeführt.

Repräsentativität und Streuung:
Die Befragten entsprechen rund 4,9 Prozent aller ASD-Mitarbeiter in Deutschland.
Alle Bundesländer konnten berücksichtigt und mit einer Streuung von -5,5 bis +4 Prozent des Rücklaufes im Bezug zur Grundgesamtheit einbezogen werden. Beispiel: Nordrhein-Westfalen stellt mit 168 von 563 Jugendämtern in Deutschland einen Anteil an der Grundgesamtheit von 30 Prozent. In der Stichprobe (175 Jugendämter) ist NRW mit 50 Jugendämtern vertreten, entspricht 29 Prozent. Die Differenz zur Verteilung in der Grundgesamtheit beträgt entsprechend 1 Prozent.

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Sendung: hr-iNFO, 14.5.2018, 6.10 Uhr

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