schmutzige Kinderfüße
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Körperliche und psychische Gewalt in der Erziehung sind gesetzlich verboten. Aber wo fängt das an? Zählt eine Ohrfeige schon dazu? Wir erklären, was das Gesetz bedeutet.

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§ 1631, Absatz 2, BGB

"Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

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Seit dem Jahr 2000 ist Gewalt in der Erziehung gesetzlich verboten. Dennoch gibt es sie: Mehr als 22.000 Kinder wurden im Jahr 2016 laut Statistischem Bundesamt von Erwachsenen körperlich, psychisch oder sexuell schwer misshandelt. Kriminologen gehen davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist. Auch, weil schwer zu sagen ist, wo Misshandlung anfängt. Zählt dazu schon eine Ohrfeige?

"Ohrfeige ist hochgefährlich"

"Eine Ohrfeige ist ganz klar Gewalt", sagt Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe. Sie könne zu kleinsten Rissen unter anderem in den Brückenvenen führen, die das Kindergehirn im Schädel halten, und zu neurologischen Folgen durch Einblutungen. "Das ist eine hochgefährliche Angelegenheit", so Becker. Seit Jahren präsentiert er zusammen mit anderen in Berlin die Zahlen der bundesweiten Kriminalitätsstatistik zu kindlichen Gewaltopfern.

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Kindesmisshandlung

"Kindesmisshandlung kann verstanden werden als eine nicht zufällige, bewusste oder unbewusste, gewaltsame, psychische oder physische Schädigung, die in Familien oder Institutionen (beispielsweise Kindergärten, Schulen, Heimen) geschieht, die zu Verletzungen, Entwicklungshemmungen oder sogar zum Tod führt und die das Wohl und die Rechte eines Kindes beeinträchtigt oder bedroht."
Quelle: Wikipedia

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Zahlen, hinter denen brutale Misshandlungen stehen: "Fixieren von Kindern; Kinder, die verbrüht werden, verbrannt werden oder das eiskalte Abduschen bei Kindern, die noch nicht trocken sind. Wir haben Fälle, wo den Kindern Brandverletzungen zugefügt werden, wo ihnen Säurereiniger eingeflößt werden, wo sie im Winter auf dem Balkon ausgesetzt werden - bis hin zu der echten Misshandlung, wo Kinder langfristig und besonders schwerwiegend verletzt werden. Da werden Zähne herausgeschlagen, Knochen gebrochen, da werden Kinder vergiftet." Es gebe nichts in der menschlichen Fantasie, was Kindern nicht angetan werde, sagt Becker.

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Phänomen in allen Gesellschaftsschichten

Fast immer wird die Gewalt gegen Kinder in der eigenen Familie ausgeübt. Immer wieder ist die Misshandlung so schwer, dass Kinder deshalb sterben. 143 waren es im vergangenen Jahr. Das sind zwei bis drei Kinder pro Woche, bei denen der Zusammenhang mit Misshandlung eindeutig festgestellt wird.

Auch psychische Gewalt kann schwere Misshandlung sein: ein Kind zu demütigen, bloßzustellen, zu beschimpfen, ihm seinen Selbstwert zu nehmen. "Das kann genauso weh tun oder noch nachhaltiger weh tun wie körperliche Schmerzen", so Becker. Zu psychischer Gewalt zählt auch die Vernachlässigung: Kinder bekommen nichts zu essen, ihre Kleidung wird nicht gewaschen. Sie wachsen mit Eltern auf, die Bierflaschen im Babybett liegen lassen, tagelang weg sind, nicht mit ihren Kindern reden, sie nie trösten und in den Arm nehmen. Laut einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage der Uniklinik Ulm, die 2017 abgeschlossen wurde, haben ein Drittel aller über 14-Jährigen eine Form der Misshandlung oder Vernachlässigung erlebt.

"Für die Psyche wie ein Trauma"

Gewalt gegen Kinder kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Meistens passiert es, wenn Eltern sich überfordert fühlen, oft wurden sie als Kinder selbst misshandelt. "Dass aus Opfern später Täter werden, dieses Phänomen gibt es häufig", sagt Dr. Franziska Schreiber von der Traumaambulanz in Frankfurt. Eine saditische Neigung liege nur bei etwa ein bis zwei Prozent der Eltern zugrunde, die ihre Kinder misshandeln, sagt Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe. Grundsätzlich üben Väter häufiger körperliche Gewalt aus, Mütter psychische.

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Die Folgen von Misshandlung

Weitere Infos zu den möglichen Folgen von Misshandlungen lesen Sie im Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Jörg M. Fegert. [mehr]

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Die Folgen von Misshandlungen sind gravierend, erklärt Psychologin Dr. Franziska Schreiber. Das seien Situationen, die "so schwerwiegend sind, dass es für die Psyche so wirkt wie ein Trauma." Kinder oder Jugendliche berichteten beispielsweise über Albträume von dem Ereignis. Sie bekämen immer wieder Flashbacks oder erlebten das im Spiel so wieder, als würde es gerade passieren. Viele der Kinder zeigten eine hohe, körperliche Erregung, seien sehr schreckhaft und ständig auf der Hut. "Sie können sich nicht konzentrieren, schlafen schlecht und sind leicht reizbar", erklärt die Psychologin.

Auch gibt es Kinder, die sich plötzlich wieder einnässen, durch sehr aggressives Verhalten auffallen oder sich auf einmal extrem zurückziehen. Andere wiederum verletzen sich selbst, ritzen sich beispielsweise. Sehr häufig treten die Symptome erst einige Zeit nach der Misshandlung auf.

Sendung: hr-iNFO, 14.5.2018, 6.10 Uhr

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