Flüchtlingswohnheim in der Gambrinusstrasse in Pfungstadt

Die Idee, Flüchtlinge dezentral unterzubringen, damit sich keine Ghettos bilden, ist gescheitert. Mittlerweile hat Pfungstadt drei große Wohnheime mit jeweils über hundert Betten. Bei manchen Anwohnern löst das Ängste und Sorgen aus - vor allem wenn neue Unterkünfte entstehen.

Auch fast zwei Jahre nach dem Sommer der Willkommenskultur 2015 gibt es keine Routine im Umgang mit dem Thema Flüchtlinge. In Pfungstadt zeigt sich das zum Beispiel in Situationen, in denen Nachbarn eines der neuen Wohnheime in der Stadt anschauen konnten, kurz vor Einzug der Flüchtlinge:

Die Gambrinusstrasse ist dicht bebaut. Die Nachbarn können sich gegenseitig in die Gärten und in die Fenster schauen. Kein Platz für Bürgersteige. Mittendrin das neue Wohnheim für Geflüchtete, eine umgebaute Gaststätte. Eine Polizeistreife parkt in der Nähe. Zwei Tage vorher ist das Wohnheim beschmiert worden, mit ausländerfeindlichen Sprüchen. Und das schwingt mit an diesem Abend, an dem Bürgermeister Patrick Koch die Türen öffnet für die Nachbarschaft, damit sie sich ein Bild machen kann von der Unterkunft.

Ein Anwohner fragt: "Gestern war's 'ne Schmiererei, morgen vielleicht eine Bombendrohung, übermorgen fliegt vielleicht ein             Brandsatz. Wer haftet dann für den Schaden?" Nicht alle Wortmeldungen sind so drastisch, aber die Anwohner sind aufgebracht. Es ist eine Mischung aus Ängsten: Wut auf die Stadt, aber auch Fürsorge für die Flüchtlinge. Ablesbar an den Fragen: Was ist mit Schäden, die Flüchtlinge an unserem Eigentum verursachen könnten, an Autos? Was ist, fragt eine andere, mit der Verkehrssicherheit für die Flüchtlinge?

Zweifel am Konzept der Stadt

200 Menschen sind gekommen. Dicht gedrängt sitzen und stehen sie im Foyer einer früheren Gaststätte, die jetzt umfunktioniert wurde. Die meisten ärgern sich vor allem über eines: nicht richtig informiert worden zu sein, dass hier bis zu 100 Menschen einquartiert werden können. Zweifel am Konzept der Stadt gibt es auch.

Für Bürgermeister Koch ist das kein leichter Abend. Die Nachbarn fühlen sich überrumpelt. Beide Seiten könnten es besser wissen. Seit Jahren werden landauf landab Woche für Woche Flüchtlingsunterkünfte eröffnet - eigentlich Routine in Deutschland. Aber für den Einzelnen dann eben doch nicht: Nicht für Bürgermeister, und erst recht nicht für betroffene Anwohner, wie Josè Maria Gonzales, aus Spanien stammend, zugleich Stadtverordneter der Grünen. Er versteht die Bedenken seiner Nachbarn und spricht aus, was viele denken: Weniger Flüchtlinge im Viertel wären besser. "Alle wollen helfen, aber weniger Flüchtlinge, 50 statt 100", sagt Gonzales. "Wir könnten damit leben. Und wir vermeiden, dass hier ein sozialer Brennpunkt entsteht." Für seine Aussage bekommt er Applaus.

Nach dem öffentlichen Rundgang in der neuen Pfungstädter Flüchtlingsunterkunft bleiben viele noch draußen stehen, schimpfen, diskutieren. Manche sind aber auch positiv gestimmt, wie diese junge Frau aus der Nachbarschaft: "Ich bin extra gekommen, um meine Hilfe anzubieten, beim Willkommen heißen, und bei allem was so ansteht."

Hoffen allein reicht manchen nicht

Jetzt, ein paar Wochen später, sind die ersten fünf Flüchtlingsfamilien eingezogen, auch einige junge Männer - rund 30 Personen. Einmal wurde die Polizei gerufen, wegen einer Streiterei um die Zimmerbelegung. Einer der jungen Männer hatte sich selbst verletzt. Das trägt nicht zur Beruhigung der Anwohner bei, sagt Josè Maria Gonzales. "Ich will das jetzt nicht dramatisieren, aber wir hoffen auf Familien, und „weniger ist mehr“", sagt er.

Hoffen allein reicht manchen nicht. Ein Nachbar hat seine Fenster mit Metallgittern abgesichert. Andere wollen ihre Kinder nicht auf den nahegelegenen Spielplatz schicken. Das ist kein gutes Zeichen, sagt Anwohner Gonzales. Aber es prägt die momentane Stimmung im Pfungstädter Gambrinusviertel. Und damit müssen Bürger, Neubürger und die Stadtverwaltung fertigwerden.

Hier geht es zur Serien-Übersicht: "Pfungstadt: Alltag mit Flüchtlingen".

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