Pfungstadt Gutale

Es hat sich Einiges verändert in den letzten zwei Jahren, in denen wir regelmäßig nach Pfungstadt blicken. Im letzten Teil unserer Serie zieht unser Reporter Riccardo Mastrocola ein Fazit.

Pfungstadt ist auf einem guten Weg. Aber der ist nicht leicht. Und manchmal wird heftig gestritten. Eine Äußerung ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Bei einer öffentlichen Sitzung in Pfungstadt Anfang Februar hat die Mehrheit im Stadtparlament Kürzungen durchgesetzt. Auch bei der Zahl der Flüchtlingsbetreuer in der Kommune. Der Lokalpolitiker Eberhard Klüber (CDU) hat das so begründet: "Da kommen Leute zu uns - gesellschaftspolitisch aus dem Mittelalter, die ihre Frauen irgendwo hinter Vorhängen und Mauern verstecken und dann glauben  wir, dass wir mit Sozialarbeiterinnen das Problem lösen können, die auf unsere syrischen Flüchtlinge treffen. Ich sage Ihnen, da können wir nochmal doppelt soviele hinschicken, und es wird nicht klappen."

Man kann darüber streiten, ob mehr Sozialarbeiter gebraucht werden, um Menschen zu integrieren, oder ob das Geld anderswo besser angelegt wäre. Das entscheidet jede Gemeinde für sich. Aber der Hinweis auf „Menschen aus dem Mittelalter“ hat für Aufregung gesorgt, weil sie nicht von irgendwem, sondern von einem CDU-Politiker kam. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer fühlten sich vor den Kopf gestoßen, ihre Arbeit der vergangenen Jahre diskreditiert, schrieben einen öffentlichen Brief. Ein Auszug:

Zitat
„„Solche Äusserungen sind entwürdigend und entsprechen nicht der Realität.    Sie dienen lediglich der Hetze und zur Vergiftung des sozialen Friedens in Pfungstadt““ Zitat von Offener Brief von Flüchtlingshelfern in Pfungstadt
Zitat Ende

Es gibt Probleme in Pfungstadt

Der Pfungstädter Politiker Klüber hat sich danach entschuldigt, seine Äußerungen selbst als unklar und falsch bezeichnet. So weit so gut. Es zeigt aber, wie emotional die Debatte um Flüchtlinge geführt wird, auch in Pfungstadt. Und es zeigt, wie sensibel die Menschen auf solch pauschale Äußerungen reagieren. Fakt ist: Es gibt Probleme in Pfungstadt. Ladendiebstahl, Drogen, Prügeleien im Zusammenhang mit den Flüchtlingen. Sie werden nicht verschwiegen.

Und doch überrascht dann das Urteil der Pfungstädter Polizei. 2016 gab es 60 Straftaten weniger also 2015 - und das, obwohl sich die Zahl der Geflüchteten verdoppelt hat. Trotzdem gehen Ängste um in Pfungstadt. Weniger vor Kriminalität, sondern vor allem davor, dass neue soziale Brennpunkte entstehen könnten. Ängste, die man nicht widerlegen kann. Daran muss die Stadt arbeiten. Das weiß auch Bürgermeister Patrick Koch von der SPD: "Heute würde ich einige Dinge anders entscheiden. Insbesondere in Bezug auf Kommunikation, wenn Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden. Wobei wir offen und transparent bei der Sache waren und nichts Geheimes gemacht haben. "

Streit um den richtigen Weg

Selbstkritik ist da. Aber eben auch die mittlerweile 400 Flüchtlinge, mit denen die Stadt umzugehen hat. Der Streit um den richtigen Weg ist wichtig und er darf auch laut geführt werden - aber weiterhin fair. Das wünsche ich den Pfungstädtern. Auch einer wie Maren Voss, früher Mathelehrerin, die sich mit ihrem Mann um junge Afghanen und Pakistaner kümmert, Ausbildung und Arbeit für sie sucht. Sie hat sich für unseren Interviewtermin sieben Seiten zu ihren Fällen vollgeschrieben, damit sie nichts vergisst.

Wir sprechen eine Stunde lang. Am Ende passt der folgende Satz gerade noch in diesen Bericht: "Ich weiß, dass nicht alle Menschen dieser Welt nach Deutschland kommen  können, das weiß ich ganz genau. Aber wenn man sie konkret kennt, ist die Vorstellung unerträglich, dass sie wegmüssen. Das macht einen krank. Da denke  ich manchmal: Warum hast Du das eigentlich alles angefangen? Aber es ist eine Bereicherung von unserem Leben und es gehört dazu. Und ich mag sie einfach."

Hier geht es zur Serien-Übersicht: "Pfungstadt: Alltag mit Flüchtlingen".

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