Pfungstadt
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Seit dreieinhalb Jahren berichten wir aus Pfungstadt, stellvertretend für so viele andere Kommunen in Hessen, in denen Flüchtlinge leben. Wie fügen sich die Flüchtlinge ein?

Die südhessische Gemeinde Pfungstadt steht mit ihren rund 25.000 Einwohnern beispielhaft für viele andere Gemeinden in Hessen, die Dutzende, manchmal Hunderte von Flüchtlingen aufgenommen haben. Die ersten Hürden, die ersten Probleme sind überwunden: Wohnraum für Flüchtlinge, Erstbetreuung, Behördengänge, Arztbesuche. Viele brauchen da keine Hilfe mehr.

Jetzt bemüht sich die Stadt verstärkt um Integration und will, dass die Flüchtlinge ein Teil der Stadt werden und nicht fremd bleiben. Eine besondere Herausforderung ist die Gruppe der Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive. Sie haben keinen Anspruch auf Integrationskurse, bekommen keinen kostenlosen Sprachunterricht und müssen sehen, wie sie sich selbst eine Bleibeperspektive schaffen, zum Beispiel über einen Ausbildungsvertrag. In Pfungstadt ist das inzwischen einem Flüchtling aus Afghanistan gelungen: Er hat eine Ausbildung in einem Restaurant begonnen. Riccardo Mastrocola hat ihn und seinen Ausbilder getroffen.

Nicht aus Mitgefühl

Die Vorbereitung läuft, in ein paar Stunden kommen die ersten Gäste zum Essen. Lutfullah Siddiqi hat gerade einen großen Bottich Salat gewaschen. "Jetzt muss ich trocknen, lagern. Und dann gucke ich, was wir noch für heute brauchen", sagt der junge Mann. Er hat in Afghanistan sieben Semester Betriebswirtschaft studiert, dann floh er vor den Taliban – ohne Uni-Abschluss. Jetzt lebt Siddiqi in Pfungstadt und lernt seit wenigen Monaten Koch im Restaurant "Zum Rheintal", in Leeheim.

Pfungstadt Serie: Lutfullah Siddiqi
Lutfullah Siddiqi Bild © hr

Der Traditionsbetrieb ist seit fast 100 Jahren in Familienbesitz. Er liegt mit Bahn und Bus über eine Stunde entfernt von Pfungstadt. Siddiqi weiß genau, warum er diesen Weg auf sich nimmt: "Ich habe jetzt eine Ausbildung. Ich habe jetzt einen Beruf. Dieser Beruf ist für mich Alles", sagt er. Denn er ist ein Garant dafür, dass Saddiqi in Deutschland bleiben kann – mindestens bis 2020, für die Zeit der Ausbildung. René Raiß, der Besitzer des Restaurants, gleichzeitig der Ausbilder, hat Siddiqi sofort den Vertrag angeboten, nach nur zwei Wochen Praktikum. Nicht aus Mitgefühl. "Ich kann's nicht anders sagen: Er stellt sich wirklich sehr gut an", sagt Raiß.

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Pfungstadt-Serie mit Medienpreis Civis ausgezeichnet

"Pfungstadt - eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge" ist ein Langfristprojekt von hr-iNFO. Wir beobachten die Situation in Pfungstadt seit Dezember 2014. Für einen seiner Beiträge aus dem Jahr 2017 wurde unser Reporter Riccardo Mastrocola am 7. Juni 2018 mit dem Civis Medienpreis ausgezeichnet. [mehr]

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Wenn Siddiqi mal ein Wort nicht versteht, wird’s ihm erklärt. In der Berufsschule schlägt er sich durch, mit Dreien und Vieren, vor allem wegen der fehlenden Sprachkenntnisse. Denn als Afghane hatte er keinen Anspruch auf kostenlose Intensivkurse, wie zum Beispiel Syrer. Die Sprache ist wichtig, aber keine Hürde für den Arbeitgeber. Ganz im Gegenteil. Er ist froh, endlich jemanden zu haben, der seine Erwartungen erfüllt: Spaß an der Arbeit, voller Einsatz, Zuverlässigkeit, Lernwilligkeit. "Wir haben lange gesucht. Viele Freunde, auch Handwerker, suchen auch Mitarbeiter oder Auszubildende", erzählt Raiß.

Eine eigene Bleibeperspektive schaffen

Wie viele andere Unternehmer sieht er nicht den Flüchtling, sondern den lernwilligen Auszubildenden und die zukünftige Fachkraft. Die Handwerkskammern in Hessen und die Industrie- und Handelskammer in Hessen haben nachgezählt: Über 1.500 junge Flüchtlinge sind mittlerweile in Ausbildung, ein großer Teil davon kommt aus Afghanistan. René Raiß setzt darauf, dass Saddiqi auch nach der Ausbildung bei ihm bleiben darf. "Bei dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland glaub' ich nicht, dass wir es uns leisten können, Leute die hier ausgebildet sind, nach drei Jahren nach Hause zu schicken", sagt Raiß.

Auch wenn Siddiqi noch der einzige junge Flüchtling aus Pfungstadt ist, der eine Ausbildung macht. Er steht als Beispiel für viele Afghanen in anderen hessischen Städten und Gemeinden, die sich im Moment ihre eigene Bleibeperspektive schaffen.

Sendung: hr-iNFO, 04.06.2018, 6 Uhr

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