Der Schrebergarten in Pfungstadt
Der Schrebergarten ist für die Flüchtlinge ein kleines Stück Freiheit. Bild © hr

Seit dreieinhalb Jahren berichten wir aus Pfungstadt, stellvertretend für so viele andere Kommunen in Hessen, in denen Flüchtlinge leben. Dieses Mal haben wir einige Flüchtlinge an einem urdeutschen Ort besucht: im Schrebergarten.

Ordnung muss sein! Den Satz haben nicht nur die Deutschen gepachtet. Der Schrebergarten ist in 14 kleine Parzellen aufgeteilt, jede ungefähr fünf Mal fünf Meter groß, voneinander abgetrennt mit  rotweißem Absperrband an verrosteten Eisenstangen und Baumarkt-Holzpflöcken. Das haben die Flüchtlinge so gewollt, sagt Frank Liebig, ihm gehört der Garten. Eine Parzelle beackert er selbst, den Rest teilt er: "Und wenn ich mal nicht da bin, dann kommen die Jungs. Zum Beispiel der Bassam hier."

Frank und der Syrer Bassam sitzen unter einem kleinen Pavillon, in der Mitte des Schrebergartens, zwei Tische darunter, ein paar Stühle und ein Grill. Auf dem Gelände wird gewässert, geschnitten, geschwätzt. Die Sonne scheint, die Stimmung ist entspannt, ist herzlich. Bassam hat zwei seiner fünf Kinder mitgebracht.

Zwei einfache Regeln

"Garten Gut. Alles gut. Zuhause keine Garten. Ich komme mit Frau, mit Familie, Kinder, alles gut", sagt Bassam. Mit dem Sprache lernen hat der Familienvater große Probleme. Aber er versteht ihn trotzdem gut, sagt Frank.  Und im Garten sei Bassam ein Macher. Aus einer Idee hat Frank Liebig ein privates Projekt gemacht. "Ich bin morgens aufgewacht und hatte den Traum, den Menschen etwas Land zurückgeben, die Ihr Land verloren haben – durch Krieg, durch Verfolgung…", erzählt er.

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Pfungstadt-Serie mit Medienpreis Civis ausgezeichnet

"Pfungstadt - eine Gemeinde und ihre Flüchtlinge" ist ein Langfristprojekt von hr-iNFO. Wir beobachten die Situation in Pfungstadt seit Dezember 2014. Für einen seiner Beiträge aus dem Jahr 2017 wurde unser Reporter Riccardo Mastrocola am 7. Juni 2018 mit dem Civis Medienpreis ausgezeichnet. [mehr]

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Der Garten ist offen. Es gibt keine verschlossenen Türen wie auf den benachbarten Grundstücken. Der Kontakt zu den Nachbarn ist da, auch sehr freundlich, aber nur sporadisch. An diesem Nachmittag ist niemand zu sehen. Es ist keine typische Kleingartenkolonie mit reger Nachbarschaft, sondern eher ein abgelegener ruhiger Ort am Rande der Stadt mit weitem Blick in den Odenwald. Gibt es denn eine Gartenordnung? Regeln, wie man sie aus Kleingartenkolonien kennt? Nur zwei, sagt Frank: "Dass hier der Sitzplatz sauber gehalten wird und jeder seinen Müll wieder mitnimmt. Und die andere Regel ist: Dass es 'unser' Garten ist und dass jeder was macht."

Der Schrebergarten in Pfungstadt
Der Garten muss sauber bleiben und jeder packt an. Bild © hr

Frank ist der Chef

Ali aus Afghanistan, auch ein Familienvater, kümmert sich gerade um sein Gemüse. "Wir haben Tomaten, Paprika, Zucchini und Gurken gepflanzt", erzählt Ali. Er bedauert allerdings, dass er hier kaum Deutsche kennenlernt: "Ja, nur Frank. Frank ist wie eine Chef", sagt der Afghane und lacht. Ali sucht aber den Kontakt, kennt die Leute von den Nachbargrundstücken, weiß genau, zu welchen Uhrzeiten sie zum Pflanzengießen kommen. Er zeigt hinüber: "Ich habe mit diese Garten Freunde, und andere auch. Ich möchte gern mit deutschen Menschen Kontakt haben, dass ich gut Deutsch sprechen kann."

Ein junger Syrer steht ein paar Meter entfernt, in der Hand zwei Gießkannen. Er hat dunkle Ringe unter den Augen, ist etwas unsicher, fängt dann an zu erzählen: Dass er keine Ahnung hat vom Gemüseanbau, aber raus muss aus der Sammelunterkunft ins Grüne. Maan heißt der junge Mann. Auch er sucht Kontakt zu alteingesessenen Pfungstädtern. Aber es ist nicht leicht. "Nein, leider nicht. Ich versuchte viel. Ich bin seit neun Monaten hier. Ich habe zwei-, dreimal versucht 'Hallo' zu sagen, viele sagen 'Hallo', viele sagen nix."

"Ich sage nur: As-salamu 'alaikum"

Hier im Schrebergarten sind es die üblichen Verdächtigen: Seine syrischen Bekannten, Afghanen, Eritreer. Sie bleiben unter sich, eher ungewollt. Immerhin ist Frank da, der Pfungstädter, der alles zusammenhält. "Es läuft und es ist schön. Man kommt gerne hier raus."

Ein Stück Freiheit, Zeit zum Nachdenken und eine Gemeinschaft, das bietet der Flüchtlingsgarten von Pfungstadt, und das ist schon viel. Aber der Wunsch nach regem Kontakt mit mehr Pfungstädtern bleibt erst mal aus. Für Frank Liebig wiederum, ist es eine große Bereicherung. Er muss los – und verabschiedet sich sprachgewandt: "Ich sage nur: As-salamu 'alaikum. Ich sage: Ma'a as-salama. Ich sage: Khodahafez. Ich sage: Tschüss."

Sendung: hr-iNFO, 05.06.2018, 6 Uhr

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