Doris Reisinger
Doris Reisinger plädiert für mehr Transparenz in der katholischen Kirche. Bild © picture-alliance/dpa

Doris Reisinger wurde als Ordensfrau von einem Priester sexuell missbraucht und hat später Anzeige erstattet. Wie ist die Kirche damit umgegangen? Und wie schätzt sie das Eingeständnis des Papstes zu Missbrauch an Nonnen ein? Ein Interview.

Seit wenigen Jahren wird relativ offen über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche gesprochen. Auch, weil Betroffene den Mut gefunden haben, über ihre Erlebnisse zu berichten. Dabei ging es aber bislang vor allem um Priester, die sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Dass auch viele erwachsene Frauen unter sexueller Gewalt zu leiden haben, Nonnen zum Beispiel, darüber wurde lange geschwiegen. Nun aber hat Papst Franziskus höchstpersönlich zugegeben: "Jawohl, in der katholischen Kirche wurden und werden Nonnen sexuell missbraucht." Es habe Priester und auch Bischöfe gegeben, die das gemacht haben.

Doris Reisinger hat das selbst erlebt. Sie war acht Jahre lang als Ordensfrau in einer Ordensgemeinschaft mit dem Namen "Geistliche Familie - Das Werk". Über ihre Erfahrungen hat sie 2017 ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Nicht mehr ich - Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau". hr-iNFO-Moderator Dirk Wagner hat mit ihr gesprochen.

hr-iNFO: Frau Reisinger, in welcher Form haben Sie sexuelle Übergriffe erlebt?

Doris Reisinger: Ich war fünf Jahre lang in dieser Gemeinschaft, als mir das passiert ist. Und ich hab vorher schon Übergriffe überlebt, die ich heute im Nachhinein als spirituellen Missbrauch bezeichnen würde. Das heißt, ich bin eigentlich entmündigt und mir selbst entfremdet worden. Ich bin nach einem Ideal vollkommener Selbstaufgabe geformt worden, sodass ich am Ende gar nicht mehr sagen konnte: "Ich" oder "Ich will!" oder "Ich will irgendetwas nicht!" oder was auch immer. Sondern ich habe einfach nur funktioniert und keine eigenen Bedürfnisse oder Wünsche mehr geltend gemacht, und keine eigene Beziehung mehr geführt, also auch keine Freundschaften und so weiter.

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„Ich habe zwei Jahre, nachdem mir das passiert ist, meiner Oberin davon erzählt. Die hat mich daraufhin angeschrien.“
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Damit war ich ein leichtes Opfer für einen Priester der Gemeinschaft, der war der Hausobere in dem Haus in Rom, in dem ich damals gelebt habe. Und der ist mir erst hinterhergelaufen, hat mich regelrecht verfolgt in dem Haus und ist dann irgendwann abends zu mir aufs Zimmer gekommen und hat mich dort missbraucht, vergewaltigt.

hr-iNFO: Wie schwer war das für Sie, irgendwann Ihr Schweigen zu brechen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Doris Reisinger: Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich zu wehren. Ich habe auch gewusst, dass in der Gemeinschaft selber mir niemand helfen würde oder niemand verstehen könnte, bereit wäre, zu verstehen, was da passiert ist. Ich habe zwei Jahre, nachdem mir das passiert ist, meiner Oberin davon erzählt. Die hat mich daraufhin angeschrien. Und dann hat sie mir irgendwann vergeben, aber sie war überhaupt nicht in der Lage zu begreifen, oder nicht Willens zu begreifen, was mir da passiert ist. Wirklich darüber sprechen konnte ich erst, nachdem ich ausgetreten bin. Ich habe aber immer versucht, den ordentlichen Weg zu gehen: Ich hab mich eben zuerst an meine Oberin in der Gemeinschaft gewandt. Nachdem ich ausgetreten bin, habe ich dann mithilfe einer Kirchenrechtlerin Anzeige erstattet – übrigens gemeinsam mit anderen Personen, die aus derselben Gemeinschaft ausgetreten sind.

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Zum Artikel Missbraucht vom Priester: "Ich wusste, dass mir niemand helfen würde"

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Da ging‘s nicht nur um sexuelle Übergriffe, sondern um andere Sachen auch, die in dieser Gemeinschaft nicht richtig gelaufen sind. Und ich bin auch zur Polizei gegangen 2012 und hab dann leider feststellen müssen, dass eigentlich beide Verfahren – das Kirchliche und das Polizeiliche/Staatsanwaltliche – nicht wirklich Ergebnisse gebracht haben. Es hat zwar eine päpstliche Visitation der Gemeinschaft gegeben. Aber was genau da rausgekommen ist, das weiß ich nicht. Da gibt‘s bis heute kein offizielles Statement aus Rom.

hr-iNFO: Heißt das, diese Übergriffe haben etwas mit der Institution Kirche an sich zu tun?

Doris Reisinger: Ja, natürlich. Frauen haben in der Kirche bis heute einen anderen Stellenwert als Männer, weil alle Menschen, die Entscheidungsgewalt in der Kirche haben, Priester sein müssen, und weil nur Männer Priester werden können. Es hat aber auch was damit zu tun, welches Frauenbild in der Kirche gefördert oder propagiert wird. Das ist immer noch ein Frauenbild, das sehr von Unterordnung, von Dienen, vom häuslichen Bereich, vom sozialen Bereich ausgeht. Gerade Ordensfrauen bekommen immer noch ein Ideal vor Augen gehalten, das einfach heißt: sich selbst vergessen, zur Verfügung stehen, lächeln und notfalls leiden – aber bitte schweigend! Frauen, die widersprechen, und Frauen, die führen, und Frauen, die vorne stehen, und Frauen, die eine eigene Meinung haben: Solche Vorbilder gibt‘s in der Kirche nicht und solche Rollen gibt‘s in der Kirche noch kaum für Frauen.

hr-iNFO: Der Papst will da ja offenbar etwas aufbrechen. Welche Bedeutung hat das für Sie, dass jetzt das Oberhaupt der katholischen Kirche so ein Eingeständnis offiziell auch noch zu Protokoll gibt?

Doris Reisinger: Es ist natürlich ein Meilenstein, dass es dieses Statement gibt. Das ist das erste Mal, dass ein Papst zugibt, dass es diese Fälle gibt. Auf der anderen Seite ist es erschreckend, weil es in Rom seit Jahrzehnten bekannt ist, dass es diese Fälle gibt. Und es gibt richtig schlimme Fälle. Es gibt Fälle von Schwestern, die nicht nur sexuell missbraucht worden sind, sondern die sich dabei mit AIDS angesteckt haben, Schwestern, die schwanger geworden sind und von den Priestern, die sie geschwängert haben, gezwungen worden sind abzutreiben. Es gibt Schwestern, die bei solchen Abtreibungen gestorben sind. Und das ist dem Vatikan seit 20, seit 30 Jahren bekannt. Und dann frag ich mich: Warum gibt‘s dieses Statement erst jetzt? Und vor allem erschreckt mich an dem Statement, dass der Papst keinen Plan hat. Er sagt ja nicht: "Jetzt machen wir was dagegen!" oder "Wir haben in der Vergangenheit Opfer entschädigt!" oder "Wir haben Täter bestraft!". Er spricht von einem Kloster, das aufgelöst worden ist. Aber da sind keine Täter bestraft worden.

hr-iNFO: Was muss sich in der Kirche denn ändern, damit sexuelle Übergriffe und Gewalt irgendwann der Vergangenheit angehören?

Doris Reisinger: Was in der Kirche sich ändern muss, ist, dass es viel mehr Augenhöhe geben muss und viel mehr Transparenz. Missbrauch, egal wo er vorkommt, lebt immer davon, dass Macht ungleich verteilt ist, dass das, was geschieht, zwischen diesen Personen, die in einem ungleichen Machtverhältnis leben, nicht transparent ist. Überall dort, wo Augenhöhe herrscht und wo Transparenz herrscht, wird Missbrauch sehr, sehr schwierig.

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