Halima Gutale
Halima Gutale floh selbst vor mehr als 20 Jahren aus Somalia nach Deutschland. Bild © hr

Für die Integration von Flüchtlingen gibt es kein Schema F. Einige Neuankömmlinge brauchen mehr Zeit als andere, viele benötigen Hilfe. Die bieten in Pfungstadt auch Menschen, an die selbst geflohen sind.

Anas Alsaadi, 28 Jahre alt, flüchtete im Herbst 2014 aus Syrien. In Pfungstadt wurde er zum Helfer, zum Übersetzer. Mittlerweile betreut Alsaadi, der in Syrien Jura studiert hat, Flüchtlinge für den Landkreis Darmstadt-Dieburg. Er hat einen klaren Blick auf die Integration der Flüchtlinge. "Es gibt den Willen und die Fähigkeit. Sehr viele können das – aber sie wollen nicht. Weil sie keine Bleibeperspektive haben. Und sehr viele können das auch nicht", sagt Alsaadi. Sie scheitern schon beim Sprachelernen.

Der Bildungsgrad, den die Menschen mitbringen, entscheidet. Alsaadi erfährt das jeden Tag aufs Neue bei seiner Arbeit. Im Pfungstädter Rathaus sitzt Patrick Koch, seit über vier Jahren Bürgermeister und damit von Anfang an mit Flüchtlingen beschäftigt. "Ich glaube, dass es sich viele in den Ministerien in Berlin oder Wiesbaden viel einfacher vorgestellt haben als es an der Basis ist. Nicht jeder ist integrationsfähig und -willig. Und nicht jeder lernt so schnell Deutsch, wie man sich das vorstellen würde", sagt der SPD-Politiker.

Körperliche Misshandlungen sind keine Seltenheit

Es gibt wenige Ausnahmen wie den Syrer Alsaadi, die einen schnellen Einstieg ins neue Leben schaffen. Es gibt Flüchtlinge aus Ländern wie Afghanistan oder Pakistan, die mit der ständigen Unsicherheit leben, zurückgeschickt zu werden. Die sich trotzdem eine Zukunft aufbauen, mit Hilfe von Ehrenamtlichen, aber ohne staatliche Hilfe. Und es gibt Flüchtlinge, die an der Unsicherheit zerbrechen, depressiv werden, zum Alkohol greifen. Andere haben schwere Traumata von der Flucht.

Mindestens 20, 25 Flüchtlinge in Pfungstadt bräuchten akut therapeutische Hilfe, sagt Halima Gutale, die Integrationsbeauftragte der Stadt. Sie nennt als Beispiel afrikanische Frauen, die über Libyen gekommen sind: "Die sind monatelang, über Jahre, Sexsklavinnen gewesen; Misshandlungen, die man auch körperlich sieht. Wenn man das miterlebt hat, diesen Missbrauch, diese Machtlosigkeit, warum auch immer Glück gehabt hat, da rauszukommen, dann ist man ein gebrochener Mensch."

Schon ein bisschen ein Pfungstädter

Das sind keine Einzelfälle, erzählt Gutale. Es betrifft eine ganze Gruppe von Frauen, die in Pfungstadt leben. Integration ist für sie noch ein weiter Weg. Gleichzeitig kümmert sich Gutale auch um die, die psychisch stabil sind, etwas mit sich anfangen könnten, aber zögern. "Die sinnvollste Phase fängt jetzt an: Alles was wir jetzt nicht schaffen, schaffen wir später nicht mehr", ist sie überzeugt.

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Die Stadt Pfungstadt will verhindern, dass Flüchtlinge auf lange Zeit finanzielle Hilfe benötigen. Bei einigen muss Gutale die sogenannte Integrationswilligkeit einfordern, sie zu regelmäßigen Sprachkursen schicken, ihnen ins Gewissen reden. Was auch Anas Alsaadi macht, in seinem neuen Job als Sozialarbeiter für den Landkreis. Er fühlt sich schon ein bisschen als Pfungstädter, vielleicht auch, weil er eine deutsche Freundin hat.

Fall neu aufgerollt

Richtig angekommen ist er trotzdem noch nicht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat seinen Fall wieder aufgerollt. Vermutlich eine Stichprobe, weil 2015 alles so schnell ging bei der Anerkennung der Syrer. Wieder stehen Fragezeichen vor Alsaadis Leben, ein bisschen wie damals auf seiner Flucht übers Meer. "Ich warte auf eine Entscheidung vom BAMF. Wenn die kommt, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, kann ich einen Rechtsanwalt einschalten."

Eines jedoch ist sicher in Pfungstadt: Die meisten Menschen, die seit 2015 gekommen sind, sehen dort ihre Zukunft. Bei aller Unsicherheit, ob sie bleiben dürfen. Ein paar haben sich eine gute Perspektive aufgebaut. Viele Andere brauchen weiterhin Hilfe und Zeit.

Sendung: hr-iNFO, 08.06.2018, 6 Uhr

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