Einkauf im Supermarkt - Gemüsetheke

Was ist beim Essen erlaubt - für die Figur, für die Gesundheit, fürs Klima und das Tierwohl? Die Frage nach der richtigen Ernährung kann stressen. Dabei wäre ein bisschen mehr Entspanntheit durchaus angebracht, sagen Experten.

Gesunden Brokkoli fürs Kind? Mag es nicht. Vollkornbrot statt Weißmehl? Kommt auch nicht gut an. Und wenn schon, dann bitte nur mit Nutella. Das Gefeilsche um jede Gabel Gemüse am Familientisch, das schlechte Gewissen bei Schnitzel und Schokokuchen in der Kantine, die Grübeleien beim Einkauf: Essen kann stressen.

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Zum Artikel Genuss und Verzicht – Vom Stress mit dem Essen (Folge 15)

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Seit einigen Jahren beobachten Ärzte und Psychologen sogar eine neue Störung, die damit zu tun hat, perfekt sein zu wollen. "Was wir im klinischen Bild sehen: Es gibt Patienten, die so besorgt sind um ihre Gesundheit, die dadurch Schaden nehmen könnte, dass sie das Falsche essen, dass quasi ihr ganzes Leben davon überschattet ist", sagt Heike Winter, Psychologin und Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen.

Orthorexie: Wenn der Wunsch nach gesunder Ernährung krank macht

Die Essensauswahl wird zur Grundsatzfrage. Jeder Einkauf ein Kraftakt. Und Nahrung ist nicht mehr nur Lebensmittel, sondern Lebensmittelpunkt. Psychologen und Ärzte sprechen bei diesem zwanghaften Verhalten von "Orthorexie" beziehungsweise "Orthorexia nervosa". Den Begriff hat 1997 der US-amerikanische Arzt Steven Bratman geprägt, in Anlehnung an den Begriff "Anorexia nervosa" (zusammengesetzt aus dem griechischen Begriff "orthos" für "richtig" und "orexis" für "Appetit".

Das Bestreben, sich richtig zu ernähren, hat für Betroffene höchste Priorität. Das Essen wird extrem ideologisiert und moralisiert, Genuss und Freude am Essen gehen zunehmend verloren. Sie informieren sich sehr viel über gesunde Ernährung und bauen sich dann ihr eigenes Konzept, was denn eigentlich gesunde Ernährung für sie ist. Das kann im Extremfall durchaus von dem  abweichen, was wir gemeinhin als eine gesunde Ernährungsweise verstehen. Und demnach kann es in extremen Fällen auch zu Beschwerden kommen. Dass zum Beispiel nicht mehr genug Nährstoffe aufgenommen werden, oder ein Mineralstoff- oder Vitaminmangel vorliegt.

Fast jede Woche ein neuer Hype

Aber nicht nur Ess-Gestörte plagt der Stress mit dem Essen. Das Bestreben, sich richtig zu ernähren, stresst heute immer mehr Menschen. In Ländern, in denen Essen längst keine Mangelware mehr ist, sondern eher ein Luxusproblem, stellen sich die Menschen tagein, tagaus Fragen wie: Was ist erlaubt - für die Figur, für die Gesundheit, für das Tierwohl, für das Klima? Worauf sollten wir verzichten? Worauf möchten wir verzichten?

Der Essenstress in den Köpfen ist für die Frankfurter Psychologin Heike Winter nicht verwunderlich: "Wir beobachten, dass in den letzten zehn Jahren eine Flut von Veröffentlichungen auf den Markt gekommen ist von Ratgeber-Literatur, die zum Teil völlig widersprüchliche Empfehlungen geben". Fast jede Woche gebe es einen neuen Hype, was man essen soll und was nicht. Wenn man die Ratgeber lese, habe man das Gefühl, "dass man sich ständig damit beschäftigen muss und dass es unglaublich gefährlich ist und vor jedem Bissen muss man überlegen: Darf ich das?"

Darf ich das? Diese Frage bei fast jedem Essen stresst. Viele Menschen fühlen sich außerdem überfordert vom Überangebot in der westlichen Welt. Obwohl sie das Privileg haben, auswählen und genießen zu können, empfinden sie es manchmal als Last. Und so steckt in manchen modernen, mehr oder minder vehement vertretenen Ernährungsstilen, nicht selten der Wunsch nach Kontrolle.

Bedürfnis nach Kontrolle

So erklärt sich Heike Winter von der Frankfurter Goethe-Universität diese Entwicklung: "Ich persönlich glaube, dass wir in einer Zeit leben, die mit dem Gefühl von Bedrohung und Angst einhergeht. Also unterschwellig lebt diese Gesellschaft in einem Zustand von Angst: Trump und Klimawandel, heiße Sommer, Tornados in Aschaffenburg. Und immer in solchen Zeiten, wo eine Gesellschaft sich so bedroht und ängstlich fühlt, steigt das Bedürfnis des Individuums nach Kontrolle." Und da man weder das Klima noch Trump wirklich kontrollieren könne, fange man an, "Bereiche zu kontrollieren, die ich kontrollieren kann - und dazu gehört das Essen."

Dazu gehört auch zu kontrollieren, was mein Kind isst, sagt Winter. "Zu verbieten, dass es Nutella isst, oder zu verbieten, dass es allein in die Schule läuft, weil da hab ich die Macht, für vermeintliche Sicherheit zu sorgen." Das wirke dem Bedrohtheitsgefühl ein wenig entgegen. "Da bin ich geschützt und da kann ich meinen Tod und mein Verderben, das ansonsten auf dieser Welt sofort eintreten wird, verhindern."

Ernährung nur ein Bestandteil eines gesunden Lebens

Die Düsseldorfer Psychologin Friederike Barthels rät zu mehr Entspanntheit bei der Ernährung. "Natürlich ist gesunde Ernährung wichtig", sagt sie. Aber zu einem gesunden Leben gehörten eben noch viel mehr Dinge: "ein funktionierendes Sozialleben, dass man Freunde, Familie hat, dass man durch sein Umfeld unterstützt wird, genauso wie Sport einen sehr großen Einfluss auf die Gesundheit hat. Letztendlich ist Ernährung eigentlich nur ein Baustein in einem gesunden Leben."

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Sendung: hr-iNFO Funkkkolleg Ernährung, 29.2.2020, 11:35 Uhr

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