Geschworene: Szene aus dem Film "Das perfekte Verbrechen"

Es war eine einfache kleine Karte im Briefkasten, die ihr Leben veränderte. Stacy wurde Geschworene in einem Gerichtsverfahren in den USA - eine Pflicht, die jeder Amerikaner erfüllen muss. Und sie musste entscheiden: schuldig oder nicht?

Stacy ist 51. Sie lebt in Washington und die Vorladungen zur Juryauswahl flattern der Frau mit Regelmäßigkeit auf den Tisch. Bei ihrem Prozess wird sie als fünfte Kandidatin aufgerufen. Der Angeklagte sitzt mit im Raum. Er kommt ihr irgendwie bekannt vor.

Dann hört sie, worum es in diesem Fall geht: Es ist der vierfache Mord an einem Ehepaar, deren zehnjährigem Sohn und der Haushälterin. Eine Tat, die Schlagzeilen macht als einer der grausamsten Fälle, die es je in Washington DC gab. Stacy wird jedes Detail dieser Morde kennenlernen.

Auf den Gerichtssaal nicht vorbereitet

Stacy ist eine Frau, die mitten im Leben steht und gerne lacht. Sie war vorher schon mal Jury-Mitglied bei einem versuchten Mord. Nun ist sie eine der 16 Geschworenen, die sechs Wochen lang Zeugenaussagen und Argumente von Anwälten hören. Sie sehen Hunderte Beweisstücke: Fotos, Videos, DNA-Analysen. Stacy ist Beraterin, hat ein Start-Up mitgegründet. Sie ist nicht darauf vorbereitet, was sie im Gerichtssaal hört, sieht und riecht.

"Es gab Beweisstücke, Kleidung, die die Opfer getragen hatten. Die Gerüche, die diese Kleidung verströmte, weil sie die ganze Zeit versiegelt war, hatte eine große Wirkung bei mir. Es war nicht nur das Benzin – man konnte auch andere Sachen riechen. Man wird nie darauf vorbereitet sein, solche Gewalt und solchen Schmerz zu erleben", sagt Stacy.


"Die Macht sollte von einfachen Bürgern ausgehen"

In der Regel sitzt Stacy montags bis donnerstags von 10 Uhr morgens bis 16 Uhr bei Gericht. Es ist ein Fulltime-Job. Wenn sie abends nach Hause kommt und freitags, macht sie ihren eigentlichen Beruf. In manchen Städten gibt es weniger als zehn Dollar pro Tag als Entschädigung. Nicht alle Arbeitgeber bezahlen weiter das Gehalt. Das Jury-System in den USA ist eine Idee der Gründerväter, erklärt Jura-Professor Andrew Ferguson von der American University.

Ferguson ist zutiefst überzeugt von der Bedeutung von Geschworenen bei Gerichtsverfahren in den USA. Zwölf unabhängige Augen, Ohren und Lebenserfahrungen, die immer frisch an einen Fall rangehen und die die Gesellschaft repräsentieren sollen: "Warum haben wir dieses Vertrauen in einfache Bürger? Weil die Macht von ihnen ausgehen sollte. Sie sollten die Stärke der Demokratie ausmachen. Die Macht der Demokratie ist die Macht der Bürger", sagt Ferguson.

Tagebuch schreiben für das Verarbeiten

In der ersten Woche habe sie viel zu viel Wein getrunken, erzählt Stacy. "Drei bis vier Gläser Wein. Dann habe ich festgestellt: Das hilft nicht. Ich muss andere Wege finden, mit all dem umzugehen."

Sie hat angefangen, vor dem Ins-Bett-Gehen Tagebuch zu schreiben, um alles loszuwerden. So ist sie nicht mehr fünf- oder sechsmal jede Nacht aufgewacht, sondern nur noch ein- oder zweimal. Als nach sechs Wochen die Beweisaufnahme beendet war und sich die Jury zur Beratung zurückzieht, dürfen sie zum ersten Mal über den Fall miteinander reden.

Eine Idee, die Hunderte Jahre alt ist

Dass sie als ganz normale Bürger jetzt irgendwie all die Erfahrungen für sich einordnen und verpacken müssen, ist eine Herausforderung. Gerade wenn sie die Beweise, die sie gesehen haben, die Aussagen, die sie gehört haben, nie vergessen werden. Stacy steigen Tränen in die Augen, als sie davon erzählt: "Was mit dem zehnjährigen Kind passiert ist, werde ich nie vergessen. Menschen sollten keine verbrannten Kinder sehen müssen."

Und trotz all der schweren Gefühle, mit denen sie sich auseinandersetzen muss, all der Bilder, die sie nie wieder los wird, trotz der Tatsache, dass der Mordfall und seine Beweise sie nie ganz loslassen werden, ist Stacy überzeugt: Die Idee des Jury-Systems in den USA ist eine gute.

Eine Idee, die Hunderte Jahre alt ist. Eine vermeintlich einfache Frage: ja oder nein? Schuldig oder nicht? Sie verändert nicht nur das Leben der Angeklagten und der Opfer, sondern auch das von ganz normalen Amerikanern, die antreten, um ihre Pflicht als Bürger wahrzunehmen. Eine Pflicht, die einen hohen Preis fordert. Denn wenn sie aus dem Gerichtssaal wieder rauskommen, ist das Leben nicht mehr, wie es vorher war.

Sendung: hr-iNFO, Die Reportage 25.12.2019, 14:05 Uhr

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