Mädchen hält sich Hände vor das Gesicht

Fachleute warnen schon seit Monaten davor, dass der Missbrauch von Kindern während der Corona-Pandemie zunehmen könnte. Jetzt schlagen auch die Beratungsstellen Alarm. Sie fürchten um ihre Existenz, da ihnen die Einnahmen wegbrechen.

Genaue Zahlen über die Auswirkungen des landesweiten Lockdowns auf das Seelenleben von Kindern und Jugendlichen gibt es noch nicht. Aber bei den Fachstellen gegen sexuelle Gewalt gingen nach dem ersten Lockdown im Frühjahr die Beratungszahlen überall zurück. Dafür gibt es Gründe, sagt Susanne Gerlach, Fachberaterin im Schwalm-Eder-Kreis. "Weil die Leute teilweise gar nicht wussten, dass wir trotzdem da sind und weil die Kinder und Jugendlichen in der Regel ja von sich aus nicht anrufen, wenn sie in Not sind", sagt Gerlach.

Denn Erstkontakte mit den Beratungsstellen finden normalerweise über Erwachsene statt, die Veränderungen bei den Kindern und Jugendlichen schnell erkennen. Das seien Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas, denen auffällt, dass ein Kind sich anders verhält. Oder Lehrerinnen und Lehrer, die von den Kindern als Vertrauensperson angesehen würden, erklärt Gerlach. Das könnten aber auch andere Erwachsene aus dem Umfeld sein.

Mehr Fälle werden nach den Lockdowns wieder gemeldet

Doch auch nach Ende des Shutdowns stiegen die Beratungszahlen bei der Fachstelle des Schwalm-Eder-Kreises nicht sofort an. Für Jugendberaterin Susanne Gerlach liegt das an den außergewöhnlichen Umständen durch die Corona-Pandemie: "Weil sie hier in der Schule zum Beispiel Ansprechpersonen brauchen, die dann auch in der Lage sind zuzuhören. Und die Schulen oder sämtliches pädagogisches Personal ist sehr beschäftigt mit Corona und Regeln." Sie vermute, dass die Kinder spüren, dass sie mit ihren Themen noch nicht ankommen könnten, meint Gerlach.

Hinzu kommt, dass viele Familien während des Shutdowns eng aneinander gebunden waren, etwa in der gemeinsamen Wohnung. Das fördert zum einen seelische und körperliche Übergriffe auf Kinder. Gleichzeitig erschwert das aber auch die Kontaktaufnahme zu den Beratungsstellen, weiß Angela Netzband vom Kinderschutzbund in Kassel. "Wenn es um Gewalt in der Familie geht und es gibt keinen ruhigen Raum und die Kinder springen im Hintergrund, kann man nicht ein gutes Gespräch führen zu dem Thema", sagt sie.

Eine Einschätzung, die auch die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Hessen teilt. Denn seit der Lockdown beendet ist, gehen die gemeldeten Fälle von Übergriffen auf Kinder und Jugendliche wieder nach oben, sagt Olivia Rebensburg. "Das hängt damit zusammen, dass die Einrichtungen und Angebote für Kinder und Jugendliche nach und nach langsam wieder in den Regelbetrieb gekommen sind", sagt sie.

Es braucht Rückzugsorte für Kinder

Während in den Beratungsstellen der Lockdown also deutlich spürbar war, haben zumindest die Jugendämter trotz der Corona-Pandemie ihre Aufgaben erfüllen können, erklärt Björn Angres, Jugendamtsleiter im Schwalm-Eder-Kreis. "Seit Anfang Mai sind wir eigentlich hier im Schwalm-Eder-Kreis wieder im Normalbetrieb und wollen den auch so weit, wie es irgend möglich ist, auch weiterhin aufrecht halten", so der Jugendamtsleiter.

Sollte es einen zweiten landesweiten Lockdown geben, sollten neben Schule und Kita auch Spielplätze und Jugendzentren geöffnet bleiben, damit Kinder immer einen Rückzugsort haben, sagt Olivia Rebensburg. Der Kinderschutzbund Hessen fordert, dass die Beratungseinrichtungen erhalten bleiben und zudem finanziell unterstützt werden. "Die Beratungsangebote müssen weiterhin bestehen bleiben und das geht nur, indem die finanzielle Förderung bestehen bleibt beziehungsweise auch ausgebaut wird. Denn leider sind viele Spenden weggefallen."

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 18.11.20, 12-15 Uhr

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