Zerstörte Bushaltestelle am Frankfurter Opernplatz.

Nach dem Krawall am Frankfurter Opernplatz geht es bei der Suche nach Tätern wieder um "junge Männer mit Migrationshintergrund". Oder geht es einfach nur um typisches Männlichkeitsgehabe von jungen Männern? Wir suchen Antworten: mit Wissenschaftlern und einem erfahrenen Polizisten.

Migrationshintergrund und Gewaltbereitschaft - gibt es da überhaupt einen Zusammenhang? Eigentlich ist es eher umgekehrt, meint Professor Ulrich Wagner, Konfliktforscher an der Uni Marburg: Migration sei zunächst eher "friedlich". Die Forschung habe das in Deutschland an der sogenannten Gastarbeitereinreise beobachtet - das Ausmaß an Kriminalität und Gewalt sei hier immer niedriger gewesen als in der vergleichbaren Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. "Obwohl die ehemaligen Gastarbeiter auch junge Männer gewesen sind", so Wagner.

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Zum Artikel Die Opernplatz-Randale – Sind es die jungen Männer mit Migrationshintergrund?

Ein junger Mann wirft eine Flasche in Richtung von Polizisten nahe des Opernplatzes in der Nacht zum 19. Juli
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Die 39 Menschen, die am Sonntag nach der Randale am Frankfurter Opernplatz festgenommen worden waren, hatten laut Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill überwiegend Migrationshintergrund. Sie kämen aus verschiedenen Ländern – "es gibt da keinen Schwerpunkt. Das reicht von Syrien, Afghanistan und Türkei bis rüber nach Spanien und Marokko".

Die Aggression der Randalierer auf dem Opernplatz richtete sich vor allem gegen die Polizei. Die Polizei hatte eigentlich in einer Schlägerei schlichten und eine verletzte Person herausholen wollen. Die meisten der Festgenommen seien polizeibekannt, so Frankfurts Polizeichef, unter anderem wegen Körperverletzung, Diebstahl oder Drogendelikten.

Migrationshintergrund für Polizisten etwas anderes als für Statistiker

Welche Bedeutung hat es für die Polizeiarbeit, dass Täter einen "Migrationshintergrund" haben? "Erstmal gar keine", sagt Thomas Müller. Er war 40 Jahre lang Polizist, davon 17 Jahre im Streifendienst und anschließend bei der Kriminalpolizei. "Die polizeiliche Wirklichkeit ist ja immer von vielen negativen Ereignissen geprägt", sagt Müller.

Viele dieser negativen Ereignisse würden sich auch im Kontakt mit Menschen abspielen, die als fremd empfunden werden, sagt Müller. Wenn Polizisten den Migrationshintergrund mit einer Wertung verwendeten, sei die meistens negativ geprägt. "Der Migrationshintergrund, den Polizisten benennen für sich selbst, ist ein anderer als der, den ein Statistiker benutzen würde, der sich die Bevölkerung anguckt."

So statistisch blickt auch Konfliktforscher Wagner darauf: "Wenn es so ist, dass jeder zweite bei den Tätern, bei den Festgenommenen Migrationshintergrund hat, dann spiegelt das ja im Grunde die Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland bei den jungen Männern in dieser Alterskohorte wieder. Da haben etwa 50 Prozent der jungen Menschen einen Migrationshintergrund".

Junge Männer mit wenig Aussicht auf Erfolg

In Städten wie Frankfurt beispielsweise gebe es mittlerweile nun mal viele junge Männer mit Migrationshintergrund, sagt auch Thomas Müller. Das sei aber für polizeiliche Ermittlungen nach Krawallen wie am Opernplatz eigentlich keine relevante Kategorie, sondern eben eher eine nebulöse Zuschreibung.

Ahmet Toprak forscht seit vielen Jahren an der FH Dortmund zu Jugend, Jugendgewalt und interkulturellen Konflikten. "Wir wissen aus der Forschung, dass Jugendliche, die sich auf Plätzen aufhalten und dementsprechend auch feiern, vielleicht gewalttätig werden und Leute anpöbeln – da wissen wir ganz genau, dass es junge Männer sind, die aus sozialen Randgruppen kommen, wenig Bildung haben, wenig Perspektiven für die Zukunft haben", sagt der Erziehungswissenschaftler.

Es seien also bestimmte Jugendgruppen, die in der Gesellschaft wenig Aussicht auf Erfolg haben und sich deshalb so verhalten. Frankfurts Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) hatte von einer "Problem-Klientel" gesprochen: "Es sind junge Männer, die mit unseren Werten überhaupt nichts zu tun haben. Die kommen, um Krawall zu machen."

Ahmet Toprak bestätigt: Unter den vielen jungen Menschen mit Migrationshintergrund gebe es eine Gruppe, die gewalttätig werde. "Ein kleiner Teil der jungen Menschen ist mittlerweile aus der Gesellschaft so abgekoppelt, dass sie in der Tat die Regeln, Werte und Normen nicht respektieren", sagt Toprak. Er glaubt, dass sich diese Gruppe von jungen Männern so weit radikalisiert habe, "dass sie eigentlich überhaupt keine Regeln kennen. Unabhängig davon, ob das deutsche oder türkische oder sonstige Regeln sind."

Kein "Sondermerkmal" von Migranten

Auch der Jugendforscher Albert Scherr von der Uni Freiburg kann mit angeblich anderen Werten oder einem anderen kulturellen Hintergrund wenig anfangen: "Das ist ein Pauschalargument, wo ich immer sage, naja, jeder bastelt sich irgendeine Idee: 'Was könnte denn die Herkunftskultur sein?' Und damit kann man alles und nichts erklären", sagt der Jugendforscher.

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„Es geht generell um ein Verständnis von Männlichkeit.“ Zitat von Albert Scherr, Jugendforscher
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Für Scherr produziert das fremdenfeindliche Stereotype. Als wenn junge Männer, die in Stuttgart oder Frankfurt aufgewachsen sind, irgendwelche Migranten aus fremden Kulturen seien und man könnte deren Verhalten damit erklären – "das ist ein ziemlicher Unsinn!"

Vielmehr gebe es Gewalt auch bei "einheimischen" jungen Männern, sagt der Jugendforscher: "Es geht generell um ein Verständnis von Männlichkeit, wo die Fähigkeit, sich physisch durchzusetzen, sich mit einem Gegner zu prügeln, akzeptiert ist oder geradezu ein Element davon ist, sich selbst und anderen die eigene Männlichkeit zu beweisen".

Das sei also kein "Sondermerkmal" von Migranten, sagt Scherr. Und er zeigt sich verwundert darüber, "wenn im Augenblick in der öffentlichen Diskussion immer ganz schnell so getan wird, als wären es allein die migrantischen jungen Männer, die ab und zu mal als Gewalttäter auffällig werden würden". Schaue man auf andere Gewaltbereiche, etwa den der sexuellen Gewalt oder der Gewalt gegen Kinder, seien es dort überwiegend einheimische Männer, die als Gewalttäter auffällig werden.

Erziehung spielt eine Rolle

Spielt also ein Migrationshintergrund bei jungen Männern, die oft in Deutschland geboren und aufgewachsen und Deutsche sind, gar keine Rolle? Doch, sagt der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak. Zum Beispiel bei der Erziehung: Viele Studien zeigten, dass Jungen und Mädchen in muslimischen Familien in Deutschland unterschiedlich erzogen würden. Grob gesagt: Den Mädchen werde viel verboten. Den Jungen dagegen werde viel erlaubt.

Sie würden dazu erzogen, als Männer eine dominante Rolle zu spielen. Wenn sich die Jungen oder die jungen Männer in Gruppen bewegten, in denen Gewalt als Mittel von Stärke und Dominanz gewissermaßen normal sei, werde es problematisch. Wenn etwa derjenige, der Gewalt anwendet, in so einer Gruppe deswegen hoch angesehen ist.

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„Loyalität ist in einigen migrantischen Jugendkulturen bedingungslos.“ Zitat von Ahmet Toprak, Erziehungswissenschaftler
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Ahmet Toprak stellt eine weitere Besonderheit solcher Gruppen fest: "Freunde stehen zueinander, ohne den Hintergrund zu hinterfragen. Ein guter Freund setzt sich für den anderen ein, ohne den Grund zu kennen. Das ist zum Beispiel bei autochthonen Deutschen nicht der Fall. Man versucht immer zu erfragen, was passiert ist".

Das sei bei bestimmten jungen Männern mit Migrationshintergrund anders, sagt Toprak: "Wenn man fragt: 'Was ist passiert?' - dann ist es so, dass die Freundschaft in Frage gestellt wird. Das heißt, Loyalität ist in einigen migrantischen Jugendkulturen bedingungslos."

Mangelnde Beteiligungs- und Integrationsmöglichkeiten entscheidend

Aber wenn Migration laut dem Konfliktforscher Ulrich Wagner eigentlich eher friedlich verläuft: Warum gibt es dann solche Gruppen junger Männer, die stärker zu Gewalt neigen? Wagner meint, dass viel mit den Aufenthaltsbedingungen zusammenhänge, unter denen die Migranten leben. "Sehr unsichere Aufenthaltsbedingungen beinhalten immer die Gefahr, dass die Menschen den Eindruck haben: 'Es ist doch eigentlich egal, was ich tue, ich werde sowieso abgeschoben'".

So hat Ulrich Wagner bei den Gewalttaten der Silvesternacht 2015/2016 in Köln den Eindruck, dass es sich bei den damals Verhafteten besonders um Männer handelte, die einen sehr unsicheren Aufenthaltsstatus haben oder hatten. "Die hatten sozusagen nichts zu verlieren".

Ähnlich sei das mit den sogenannten Clans, im Ruhrgebiet oder in Berlin: Diese lebten sehr lange Zeit unter sehr unsicheren Aufenthaltsbedingungen und sähen dann als die einfachste und vielleicht auch einzige Möglichkeit für sich, ihren Lebensunterhalt durch Kriminalität und Gewalt zu bestreiten.

Also gebe es durchaus einen Zusammenhang zwischen Einwanderung und Gewalt, meint der Konfliktforscher – wenn Migration mit mangelnden Beteiligungs- und Integrationsmöglichkeiten einhergeht.

Keine politische Demonstration

Die Randale auf dem Frankfurter Opernplatz zwischen Feiernden und der Polizei war keine politische Demonstration. Aber einige der Randalierer riefen: "ACAB!" – die Abkürzung für "All Cops are bastards" ("Alle Polizisten sind Bastarde").

Jugendforscher Scherr meint, das sei ein verbreiteter "jugendkultureller Spruch", eine Provokation, die er erstmal nicht so ernst nehmen würde. Tatsächlich wird "ACAB" auch zum Beispiel von "Ultras" unter den Fans von Eintracht Frankfurt gerufen. Allerdings stecke dahinter das Problem, sagt Scherr, "dass man jungen Männern auch deutlich machen muss, was der Sinn und die Notwendigkeit von Polizeiarbeit ist".

Ansehen der Polizei leidet unter "Racial Profiling"

Könnte das berüchtigte "Racial Profiling" eine Rolle bei der Wut auf die Polizei spielen? Konfliktforscher Ulrich Wagner sieht so einen Zusammenhang: "Das verschlechtert natürlich das Bild von Polizei, aber es rechtfertigt keine gewalttätigen Übergriffe".

Bundesinnenminister Seehofer hat es abgelehnt, Racial Profiling in einer Studie zu untersuchen. Wagner glaubt, es werde schwierig sein, tatsächlich empirisch festzustellen, ob und in welchem Ausmaß es Racial Profling gibt. "Aber dass Menschen mit Migrationshintergrund davon betroffen sind und dass das dazu führen kann, dass das Ansehen der Polizei bei Menschen mit Migrationshintergrund darunter leidet, glaube ich auch." Ahmet Toprak von der FH in Dortmund kennt das aus eigener Erfahrung. Er habe den Eindruck, dass er wegen seines Aussehens häufiger kontrolliert und nach seinen Ausweisen gefragt werde.

Toprak sagt aber auch: Alleine mit Diskriminierung könne man die Gewaltbereitschaft junger Männer mit Migrationshintergrund nicht erklären. "Es gibt viel mehr Gründe: Soziale Lage, wo wohne ich, welche Perspektive steht mir zu, habe ich überhaupt die Möglichkeit, einen guten Job, eine gute Ausbildung zu bekommen. Und wenn dann möglicherweise Diskriminierungseffekte dazu kommen, kann das die Sache verschärfen."

Diskriminierung, schlechte Berufsperspektiven, Bildungsprobleme – das sind Puzzlesteine bei der Suche nach möglichen Gründen für Aggressivität bis hin zur Gewaltanwendung.

"Problem muss offen und ehrlich diskutiert werden"

Ahmet Toprak betont allerdings: Kriminalität bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund – ganz gleich ob in Deutschland geboren oder als Flüchtling hergekommen – müsse offen und ehrlich diskutiert und angegangen werden. Denn täte man dies nicht, "dann überlassen wir das der AfD, den Rechten. Wir müssen eine saubere Analyse machen und vor allem schauen, wie wir diese jungen Menschen, die ja zu Deutschland gehören, gewinnen können."

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„Diejenigen, die sich dort strafbar gemacht haben, gehören bestraft. Auch, um deutlich zu machen: Es handelt es sich hier nicht um einen lustigen Samstagabend-Spaß!“ Zitat von Ulrich Wagner, Konfliktforscher
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Wie aber soll man das Problem angehen, dass immer wieder junge Männer – darunter ein großer Anteil mit Migrationshintergrund – gewalttätig werden und sich auch mit der Polizei solche Auseinandersetzungen liefern? Konfliktforscher Ulrich Wagner sagt, man müsse auf die Ereignisse in Stuttgart und Frankfurt deutlich reagieren: "Diejenigen, die sich dort strafbar gemacht haben, gehören bestraft. Auch, um deutlich zu machen: Es handelt es sich hier nicht um einen lustigen Samstagabend-Spaß! Und um Nachahmer abzuschrecken".

Was könnte helfen?

Aber die Städte müssten sich Gedanken darüber machen, wie man so etwas künftig vermeiden könnte. Da müssten sie über mehr Freizeitangebote für junge Erwachsene nachdenken: "Da besteht häufig die Gefahr, dass die bei uns durchs Netz fallen", sagt Wagner. "Für Kinder und Jugendliche bis 18 gibt es Angebote. Aber wenn die Menschen dann junge Erwachsene werden, das ist ja die Gruppe gewesen, die in Frankfurt so auffällig geworden ist, dann fehlt es daran, außerhalb von kommerziellen Angeboten."

Was kann die Polizei tun? Der ehemalige Polizist Thomas Müller ist skeptisch: "Eigentlich müssten Sie stark in der Community arbeiten, Sie müssten in den Stadtteilen sehr stark vernetzt sein und dort eigentlich mit den Akteuren vor Ort sehr stark arbeiten. Das ist ja fast eine halbe Sozialarbeit. Das ist eigentlich keine polizeiliche Aufgabe, solche Brüche aufzuhalten," meint Thomas Müller.

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„Das ist eigentlich keine polizeiliche Aufgabe, solche Brüche aufzuhalten.“ Zitat von Thomas Müller, Polizist
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Der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak ist der Meinung, es müsste mehr gehandelt werden: Im Bildungsbereich, vor allem auch in möglichst früher Zusammenarbeit mit den Eltern, mehr Angebote in Jugendzentren. Toprak warnt allerdings auch vor der Illusion, Gewalttätigkeit und Kriminalität bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ließen sich komplett beseitigen: "Ausrotten kann man das nicht! Das wird nicht funktionieren, davon müssen wir uns verabschieden. Aber eindämmen kann man das schon – wenn man es geschickt angeht."

Sendung: hr-iNFO, Politik, 23.7.20, 20:35 Uhr

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