Prostitution im Bahnhofsviertel Frankfurt
Alltag im Bahnhofsviertel Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa

Das Prostitutionsgesetz von 2002 sollte Frauen stärken und das Gewerbe aus der Schmuddelecke holen. Ohne Erfolg. Mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz hat die Bundesregierung 2017 nachgebessert. Hat sich seitdem etwas verbessert?

Die Grundpfeiler des neuen Prostituiertenschutzgesetz, Kondompflicht und Bordellbetreiber-Lizenzen, reichen offenbar nicht aus, um Frauen besser vor Ausbeutung und Menschenhandel zu schützen. Nach wie vor ist Deutschland ein Sammelbecken für kriminelle Banden, Sextouristen und Armutsprostituierte – primär aus Osteuropa.

Wir treffen Radka, eine junge Frau aus Bulgarien. Seit acht Jahren schafft sie auf dem Frankfurter Straßenstrich an. Besonders gern macht sie das nicht, sagt sie. Wütend zeigt sie auf einen blauen Fleck an ihrem Oberarm – so  groß wie ein Tennisball. Den habe sie erst vor vier Tagen bekommen.

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"Um ein Uhr nachts kommen Jungs mit einer Pistole und wollen meine Tasche. Ich tue rein und dann schlagen sie nach mir. Mit der Pistole. Ich rufe Hallo, Hallo, Hilfe. Die Leute haben kein Interesse, nur ein Taxi. Aber das guckt nur." Radka will schon lange aussteigen. Immer wieder hat sie auch Putzjobs – aber alles nur in Zeitarbeit. Irgendwann steht sie dann jedes Mal doch wieder hier und bietet schnellen Sex für einen Zwanziger an. Für Frauen wie Radka ist der Ausstieg extrem schwer.

Strengere Regeln für Pommesbuden als für Bordelle

Man schätzt, dass weit mehr als die Hälfte aller in Deutschland arbeitenden Prostituierten inzwischen sogenannte "Armutsprostituierte" sind. Die meisten kommen aus Rumänien, dicht gefolgt von Bulgarien. Aber was passiert mit den tausenden jungen Frauen, die jedes Jahr neu hierherkommen? Was macht diese Arbeit mit Frauen wie Radka?

Die SPD-Politikerin und heutige Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig sagte 2014: "Für jede Pommesbude gelten strengere Regeln als für Bordelle." Dabei war das alles eigentlich ganz anders gedacht. Als 2002 die rot-grüne Bundesregierung das liberale deutsche Prostituiertengesetz eingeführt hat, sollte das das Gewerbe aus der "Schmuddelecke" rausholen: Frauen sollten nun ganz legal und ohne Stigma anschaffen können – und so vor Ausbeutung geschützt werden.

Doch das Gegenteil ist offenbar passiert: Der illegale Markt boomt seit Jahren, das Gewerbe wird immer härter. Internetseiten zeigen: Es gibt nichts, was es in Deutschland nicht zu kaufen gibt – und Deutschland ist inzwischen ein Urlaubsland für Sextouristen geworden. Encarni Ramirez, von der Frankfurter Organisation FIM – kurz für "Frauenrecht ist Menschenrecht" - schätzt: Allein in Frankfurt schaffen rund 1.500 Frauen an und 60 bis 80 Prozent von ihnen sind sogenannte Armutsprostituierte aus dem Ausland. "Wir haben Frauen, die zum größten Teil nicht polizeilich angemeldet sind. Die meisten haben keine Krankenversicherung. Das sind EU-Bürgerinnen, die sich lange Zeit hier in Deutschland aufhalten, aber im Grunde hier nicht sichtbar sind. Ein großer Teil von ihnen wird ausgebeutet."

Reform des Prostitutiertengesetzes mit guten Ansätzen

2017 wurde das deutsche Prostitutiertengesetz "reformiert". Es schreibt nun zum Beispiel vor: Prostituierte müssen sich anmelden und beim Gesundheitsamt beraten lassen, Bordellbetreiber brauchen eine besondere Erlaubnis – und dürfen nicht mehr vorbestraft sein. Für Freier gilt jetzt die Kondompflicht. Bordelle dürfen nicht mehr für Sex mit Schwangeren Werbung machen. Wichtige Schritte, findet Encarni Ramirez – auch wenn es noch bei vielem an der Umsetzung hapere. Ob eine Frau diesen Job freiwillig macht und ob sie dabei ausgebeutet wird, das rauszufinden sei gar nicht so einfach. Das zeigen auch die niedrigen Fallzahlen in Deutschland: Rund 500 Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung hat das BKA 2016 erfasst. Das ist nicht viel – gemessen an der Vielzahl an Prostituierten, die es hier gibt. Experten schätzen aber: Die Dunkelziffer könnte viel höher sein.

Dennoch hält man in Deutschland weiter fest an der liberalen Gesetzgebung und hofft, dass die Gesetzesreform es nun endlich schafft, das Gewerbe "sauber" zu machen und aus der Schmuddelecke zu holen.

Sendung: hr-iNFO, 25.8.18, 11:35 Uhr

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