Demonstranten strecken ihre Fäuste in die Höhe und knien schweigend nieder im Village Green Park.

Die meisten denken beim Kniefall als politische Geste an Willy Brandt und seinen Besuch im Warschauer Ghetto Anfang der 70er Jahre. Jetzt aber hat der Kniefall als politische Geste eine neue Bedeutung bekommen.

"I Can't Breathe ", rufen die Demonstranten und verneigen sich vor dem Getöteten: Immer wieder hat Georg Floyd es gerufen. "Ich kann nicht atmen" – bis er bewusstlos wurde. Weil ein Polizist ihm mit seinem Knie die Luft abdrückte. Nun knien die Demonstranten für George Floyd, Hunderttausende im ganzen Land. Und als sie im New Yorker Stadtteil Queens gegen rassistische Polizeigewalt protestieren, da kniet sich auch ein Polizist zu ihnen.

Einer von vielen Uniformierten, die sich mit den wütenden Bürgern solidarisieren. Immer mehr Polizisten knien mit ihnen, für George Floyd. Für Eric Garner, dem 2014 in New York auch ein Polizist die Luft abgedrückt hat. Für Trayvon Martin, der in Florida starb. Für all die unbewaffneten Schwarzen, die von der Polizei verdächtigt und gejagt werden, eben weil sie nicht weiß sind. Die keinen Widerstand geleistet haben, als Uniformierte sie brutal getötet haben.

Für sie kniete vor vier Jahren der Quarterback der San Francisco 49ers während der Nationalhymne vor einem Spiel. Colin Kaepernick und sein ebenfalls afroamerikanischer Teamkollege Eric Reid gingen in die Knie – vor dem ganzen Land. "Es ging darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Für das, was in diesem Land passiert", sagt Kaepernick. "Es geschehen viele ungerechte Dinge. Und keiner wird dafür zur Verantwortung gezogen".

So viel Symbolkraft wie die geballte Faust

Sein Teamkollege Reid erklärte später: Die Geste des Kniefalls sei für ihn christlich motiviert. Die Demuts-Geste sei eine Form, mit der Profisportler für Menschen sprechen könnten, die keine Stimme haben. Nicht nur im katholischen Gottesdienst ist das Niederknien eine Demuts-Haltung.

Selbst in den USA erinnern sich Ältere an den Kniefall von Willy Brandt. Das Bild, das am 7. Dezember 1970 um die Welt ging. Auf dem der deutsche Bundeskanzler vor dem Denkmal für die Helden des jüdischen Ghettos in Warschau auf die Knie ging. Den US-Präsidenten jedenfalls beeindruckte Kaepernicks Kniefall nicht. "Wenn einer von diesen NFL-Einzelgängern unsere Flagge nicht respektiert, würdet ihr nicht gerne sagen: Bringt diesen Hurensohn aus dem Stadion. Er ist gefeuert!", sagte Donald Trump.

Kaepernick ist von vielen geächtet worden. Von der Football League, von US-Bürgern. Er ist heute arbeitslos. Doch #Takeaknee ist der Hashtag zur Geste der Kniebeuge geworden. Sie hat so viel Symbolkraft wie die geballte Faust, die im Zusammenhang der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner steht. Nicht nur Sportler in aller Welt gehen auf die Knie für Opfer wie George Floyd. Das Knie des Polizisten war für ihn eine tödliche Waffe. Für die Demonstranten, die um George Floyd trauern, ist es die Waffe des friedlichen Protests.

Sendung: hr-iNFO, Aktualität, 4.6.2020, 6-9 Uhr

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