Wikipedia

Das größte Internet-Lexikon wird 20 Jahre alt. Auch in Deutschland hat die Plattform Fuß gefasst und wird durch Autoren wie Karsten Ratzke ermöglicht. Der Administrator erklärt, was zum Alltag bei Wikipedia dazu gehört und wo es noch Nachholbedarf gibt.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia lebt von denen, die sie nutzen. Das heißt, jeder Leser kann auch Autor von Artikeln sein - das ist die Philosophie. Das geht in Sekundenschnelle, mit einem Klick und ein paar hastig getippten Zeilen. Karsten Ratzke aus Frankfurt ist Autor und einer der Administratoren der deutschen Ausgabe von Wikipedia. Karsten 11 heißt er dort. Er kennt das Problem mit der offenen Struktur der Wikipedia nur zu gut: "Gerade Werktags, mittags um halb zwei, wenn die Schule aus ist, dann kommen täglich Meisterwerke aus Schülerhand. Mit so Inhalten wie: 'Kevin hat den Längsten' oder 'Ich liebe Nicole' als neue Artikel. Das ist natürlich nicht das, was wir wirklich haben wollen."

Und darum haben die Administratoren der Wikipedia eine Menge zu tun. So wertvoll Beiträge sein können, so unnütz können sie auch sein. Also orientiert sich die Gemeinschaft der Autorinnen und Autoren an vier Grundprinzipien, wie mit Inhalten und neuen Beiträgen umzugehen ist. "Wir schreiben eine Enzyklopädie. Wir schreiben diese Enzyklopädie, das ist das zweite, vom neutralen Standpunkt aus. Der dritte Punkt ist: die Wikipedia stellt Wissen unter freier Lizenz zur Verfügung. Wir bieten freie Inhalte, die weitergenutzt werden können, ohne zu fragen. Und die vierte Regelung ist: keine persönlichen Angriffe," erklärt Ratzke.

Fakten nicht garantiert

Vor allem der letzte Punkt wird nicht immer konsequent durchgehalten. Legendär und leider auch prägend für die Wikipedia sind sogenannte Edit-Wars. Zu finden auf den Diskussionseiten bei vielen Artikeln. Bei strittigen Inhalten geraten Autoren aneinander, da geht es auch mal verbal kräftig zur Sache. Ständig werden Änderungen verfasst, ein anderer macht sie wieder rückgängig: "Passiert natürlich auch immer wieder und dass einfach blind auf revertieren gedrückt wird. Nach dem Motto: ich hab ja recht und der andere ist blöd und dann setzte ich das einfach zurück. Das kann man natürlich unendlich fortsetzen", so Ratzke.

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Lässt sich unter den Autoren eines Artikels keine Einigung erzielen, dann kommt es zu einer Art Volksabstimmung, sagt Ratzke. Die Wikipedia holt sich ein Meinungsbild aller ein, die sich an der Abstimmung beteiligen wollen. Ob der Artikel dann auch die richtigen Fakten liefert, ist aber damit nicht garantiert. Genau hier hat die Wikipedia ein Problem, sagt Hektor Haarkötter. Er ist Professor für Kommunikationswissenschaften und lehrt an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. "Ich rate natürlich extrem davon ab, die Inhalte von Wikipedia ungeprüft zu übernehmen. Journalistisch ist das schon nicht sauber und wissenschaftlich ist es schlichtweg verboten. Wenn uns so was bei wissenschaftlichen Arbeiten an der Hochschule auffällt, dann stehen die Studierenden schon stark unter Plagiatsverdacht", erklärt der Kommunikationswissenschaftler.

Wie viel Vertrauen ist möglich?

Denn was ist wahr, was ist falsch in der Wikipedia? Administrator Karsten Ratzke hat da auch kein Allheilmittel. Es könne immer nur eine möglichst enge Annäherung an die Fakten geben, mit einem neutralen Standpunkt zum Thema. Aber von Land zu Land, von Sprachausgabe zu Sprachausgabe kommen dabei zum selben Thema ganz unterschiedliche Ergebnisse heraus. Denn die Regeln in der Wikipedia sind nicht überall gleich: "Das führt teilweise zu teils gravierenden Unterschieden, die aber schlichtweg die unterschiedliche Sichtweise in den unterschiedlichen Ländern spiegeln", schildert Wikipedia-Autor Ratzke.

Autoren, die für Geld schreiben, Autoren, die im Dienst offizieller Stellen stehen und Artikel verfassen, auch das lässt die deutsche Ausgabe der Wikipedia zu. Darüber gibt es immer wieder Streit. Mit dem Mangel an Autoren habe das aber nichts zu tun, sagt Ratzke: "Die Zahl der Autoren ist groß genug, dass das Wiki-Prinzip funktioniert. Es ist also nicht so, dass man Sachen einstellen kann, die einfach ungeprüft durchgehen oder das irgendwelche von diesen geschilderten Schutzmechanismen, die wir haben, entsprechend nicht funktionieren."

Alles dreht sich schlussendlich um die Frage, wie viel Vertrauen ich als Nutzer den Einträgen schenken kann. Und da hat der Frankfurter Autor und Administrator Karsten Ratzke alias Karsten 11 eine aus seiner Sicht ganz praktikable Lösung parat: "Schauen Sie einfach in die Artikel-Historie und wenn da als Autor der „Karsten11“ steht, dann vertrauen Sie dem Artikel."

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