Junges Paar mit der Antibabypille in der Hand

Zum Geburtstag der kleinen, weißen Verhütungstablette wird erneut über sie diskutiert: Thromboserisiko, Depression und Übergewicht sind nur einige der Nebenwirkungen der Antibabypille. Wieso wird sie trotzdem immer noch so leichtfertig verschrieben? Es mangelt an der richtigen Aufklärung, meint unser Kommentator.

Freiheit, Sicherheit, Entspannung – das versprach die Pille, als sie vor 60 Jahren für Frauen zur Verhütung auf den Markt kam. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, wird sie mittlerweile sehr ambivalent wahrgenommen. Entspannung für die einen, Unterdrückungswerkzeug für die anderen. Doch was kann ich als Mann zum Thema Pille eigentlich beisteuern? Ich habe sie noch nie in meinem Leben eingenommen, musste nie unter ihren Nebenwirkungen leiden und bekam auch nie die Frage gestellt: „Du nimmst doch die Pille, oder?“ Eher das Gegenteil: In meiner Pubertät bin ich davon ausgegangen, dass meine Sexualpartnerinnen mit der Pille verhüten und ich mir keine Gedanken machen muss. Darum ist dieser Kommentar eine Selbst-Reflexion und ein Appell an die Verantwortlichen in puncto sexuelle Aufklärung.

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Weiße Pillen in durchsichtiger Verpackung mit grünem Grund
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Konsequenzen am eigenen Leib erfahren

Wissen Sie eigentlich, wie viele verschiedene Sorten der Pille es gibt? Wussten Sie überhaupt, dass es verschiedene gibt? Was kostet eine Packung der Pille? Welche Nebenwirkungen gibt es? Und wo kann sie wirklich hilfreich sein? Dass ich selbst auf diese Fragen erst in den vergangenen fünf Jahren meines Lebens eine Antwort gefunden habe, erschreckt mich am meisten. Einzig, dass sie gegen eine Schwangerschaft schützt und irgendwie hormonell wirkt, habe ich aus der Schule mitgenommen. Während Schulfreundinnen und Frauen um mich herum mit Übergewicht, Depression oder einer geringeren Libido zu kämpfen hatten, war meine größte Sorge, dass Kondome ja irgendwie umständlich sind.

Wieso wir Jungs nicht über diese Konsequenzen der Pille aufgeklärt wurden, verstehe ich bis heute nicht. Aber auch die Frauen in meiner Bubble haben erst nach der Schule angefangen, sich kritisch mit der hormonellen Verhütung auseinanderzusetzen. Andere Verhütungsmethoden sind in den Fokus gerückt: Kupferketten, Spiralen oder – ganz verrückt – Kondome. Noch immer ist der Druck von Ärzten und Ärztinnen sowie Eltern auf junge Frauen groß, die Pille zu nehmen. Was das für sie bedeutet, müssen sie sich selbst beibringen oder am eigenen Leib erfahren.

Die Hoffnung ist groß

Somit ist die ganze Debatte auch eine Frage der Aufklärung. Lehrer, Eltern, Ärztinnen und Vertrauenspersonen sind in der Verantwortung, Jugendlichen zu erklären, was es bedeutet, hormonell zu verhüten. Und nicht nur junge Frauen sollten wissen, was sie ihrem Körper antun, sondern auch junge Männer, die von ihren Sexualpartnerinnen fordern, die kleine weiße Pille wie Tic Tacs zu schlucken. Dazu gehört aber auch zu verstehen, dass die Pille ihre guten Seiten hat. Vor allem für Frauen mit schweren Menstruationsschmerzen sowie starken und unregelmäßigen Blutungen kann sie ein Segen sein.

Immerhin scheint es eine Trendwende zu geben: Im Jahr 2019 ließen sich nur noch 31 Prozent der gesetzlich versicherten Frauen die Pille verschreiben – 2010 waren es noch 46 Prozent. Und die Hoffnung ist groß, dass diejenigen, die jetzt umdenken, ihre Erfahrungen an zukünftige Generationen weitergeben.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors nicht die der Redaktion wider.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 01.06.2021, 12 bis 15 Uhr

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