Solarpark Benban in Ägypten

Ägypten präsentiert sich vor der COP27 klimafreundlich. Experten sprechen jedoch von "Greenwashing". Unabhängige Umweltschützer würden in dem Land gefährlich leben.

Kairo ist laut, staubig und erstickt im Verkehr. Die ägyptische Hauptstadt gehört zu den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung der Welt. Um den Verkehr zu entzerren, unternimmt die ägyptische Regierung einiges. Beispielsweise werden neue und mehr Straßen gebaut und auch alte Straßen verbreitet. Das wiederum bedeute aber immer wieder, dass Bäume abgeholzt würden, erzählt ein Familienvater. Wir nennen ihn hier Tarik.

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Greenwashing für das Regime? Klimagipfel in Ägypten

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"Es ist traurig", sagt er. "In den letzten Jahren haben wir den Großteil der Grünflächen, also Parks und Alleen, in unserem Stadtviertel verloren. Das hat unsere Lebensqualität stark beeinträchtigt. Jetzt sind die Straßen breiter, aber es gibt keine Gehwege mehr. Wie kann das passieren, während wir eine Klimakonferenz ausrichten?"

Positive Schlagzeilen zur Ablenkung?

Gemeinsam mit anderen Alteingesessenen aus dem gutbürgerlichen Kairoer Stadtviertel hat Tarik sich dafür eingesetzt, dass nicht noch mehr Bäume abgeholzt werden. Erfolgreich. Einige Beobachter werten solche Erfolge als Vorboten der UN-Klimakonferenz, die Ägypten ausrichtet. Bei der sogenannten COP27 verhandeln die Staaten über konkrete Maßnahmen der Klimaschutzpolitik. Tatsächlich hat Ägypten bereits in den vergangenen Jahren beispielsweise die erneuerbaren Energien stark ausgebaut, in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle in der Region eingenommen.

Aber Kritiker werfen der ägyptischen Regierung Greenwashing vor. Das bedeutet, dass sich das Land mit Vorzeigeprojekten wie riesigen Solarparks oder dem Bahnnetz-Ausbau mit dem deutschen Partner Siemens als klimafreundlicher darstellt, als es eigentlich ist. Und dass damit der Fokus weg von Menschenrechtsverletzungen hin zu positiven Schlagzeilen gelenkt werden soll.

"Umweltschutzaktivisten leben gefährlich"

Eine Interviewanfrage mit der Bitte um Stellungnahme hat das zuständige ägyptische Ministerium mehrere Wochen lang unbeantwortet gelassen. Die Organisation Human Rights Watch kritisiert, dass Umweltschutzarbeit in Ägypten nur möglich sei, wenn sie im Einklang mit den Prioritäten der Regierung stehe, so Richard Pearshouse, Direktor für Umwelt und Menschenrechte bei Human Rights Watch: "Es ist zum Beispiel möglich, im Bereich Recycling zu arbeiten oder Müllvermeidung oder globale Klimafinanzierung. Aber bei allem, was sensible Bereiche berührt, bekommt man Ärger mit der ägyptischen Regierung. Ein Großteil dieser wichtigen Arbeit wird so unterbunden."

Seit 2014 regiert Präsident Al-Sisi Ägypten autokratisch. Laut Beobachtern können Menschenrechtsaktivisten, aber auch Klima- und Umweltschutzorganisationen nicht frei arbeiten - mit der Folge, dass politische Entscheidungen nicht hinterfragt werden können und damit wichtige Impulse für das Land ausbleiben. Viele Umweltschutzaktivisten hätten das Land verlassen, beklagt Human Rights Watch. Und die, die bleiben, würden gefährlich leben und arbeiten, so Pearshouse: "Unabhängige Umweltschutzaktivisten in Ägypten sind ständigen Schikanen ausgesetzt. Sie werden von den Sicherheitskräften vorgeladen, haben Schwierigkeiten beim Reisen und vieles mehr. Der strukturelle Druck auf sie ist immens. Das ägyptische Regime wirft sein bürokratisches Gewicht auf sie und stoppt so jede Art von sensibler Umweltarbeit."

Kann COP27 Veränderungen bewirken?

Kann eine UN-Klimakonferenz in so einer Atmosphäre tatsächlich Veränderung bewirken? Kritiker stellen fest: Ein zivilgesellschaftlicher Diskurs, wie wir ihn in Deutschland kennen, sei in Ägypten nicht möglich, die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt. Wie viel Kritik an der Weltklimakonferenz erlaubt sein wird oder welche Demonstrationen stattfinden dürfen, ist noch unklar.

In Kairo geht Tarik im Schatten der Bäume, die er und seine Mitstreiter gerettet haben, spazieren. Die Weltklimakonferenz fühlt sich hier sehr weit weg an. Und dennoch hat sie möglicherweise die Gelegenheit geschaffen, dass sie mit ihrem Engagement für die Bäume erfolgreich waren.

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