Israelische Grenzpolizisten stehen um den Leichnahm von Ahmed Erekat herum.

An einem israelischen Grenzposten ist es zu einem tödlichen Zwischenfall gekommen. Palästinenser sprechen von einer israelischen Hinrichtung, Israelis von einem palästinensischen Terrorakt.

Das veröffentlichte Video einer Überwachungskamera ist elf Sekunden lang. Ein Auto steht vor einem israelischen Kontrollposten im besetzten Westjordanland. Es beschleunigt, fährt ein paar Meter und ändert dann abrupt die Richtung. Das Auto rammt eine israelische Grenzpolizistin, die in die Luft geschleudert wird. Der Fahrer steigt aus. Andere Grenzpolizisten schießen auf ihn. Der Fahrer fällt zu Boden.

Für Micky Rosenfeld ist es ein völlig klarer Fall. "Der Terrorist fuhr mit seinem Auto heran und wartete auf den richtigen Moment für den Angriff. Er entdeckte eine Grenzpolizistin, die gerade Autos durchsuchte. Er beschleunigte und rammte die Frau. Sie wurde leicht verletzt. Unsere Einheiten vor Ort waren in einer lebensbedrohlichen Lage", so der Sprecher der israelischen Polizei.

Alles nur ein Versehen?

Ein weiteres Video vom Vorfall, gefilmt von einem Palästinenser, der vor dem Kontrollposten stand. Der Fahrer liegt nun auf dem Boden. Er bewegt sich ganz leicht. Hinter ihm ist offenbar eine Blutlache zu sehen. Später stirbt er. Der Mann, der dort liegt, heißt Ahmed Erekat. Er war 27 Jahre alt und der Neffe von Saeb Erekat, dem PLO-Generalsekretär und Chefunterhändler der Palästinenser.

Dass Ahmed einen Terroranschlag verübte, weist Saeb Erekat entschieden zurück. "Er fuhr doch gerade einmal fünf Stundenkilometer", sagte Erekat im israelischen Armeeradio. "Das Auto kam vom Weg ab. Ahmed öffnete die Tür. Er stieg aus. Er war nicht bewaffnet. Er konnte noch nicht einmal seine Hände in die Höhe halten und erklären, was passiert ist. Er wurde erschossen. Ein Palästinenser darf also keine Fehler machen. Ein Palästinenser darf mit seinem Auto nicht vom Weg abkommen. Ahmed war auf dem Weg nach Bethlehem, um seine Schwester vom Frisör abzuholen." Laut Saeb Erekat war es der Hochzeitstag der Schwester. Auch Ahmed wollte bald heiraten und sei deshalb alles andere als lebensmüde gewesen, heißt es.

Polizei weist Vorwürfe zurück

Der Fall von Ahmed Erekat zeigt, wie unterschiedlich Israelis und Palästinenser Ereignisse bewerten. Man könnte auch sagen: dass sie in zwei verschiedenen Welten mit gegensätzlichen Narrativen leben. Auch auf Twitter wird erbittert gestritten. Meist ohne Differenzierungen. Für die einen ist Ahmed Erekat ein Terrorist, der den Grenzpolizisten keine Wahl ließ. Für die anderen das Opfer einer "israelischen Hinrichtung".

Palästinenser beklagen, dass Ahmed anderthalb Stunden lang keine medizinische Betreuung erhalten habe. Ein Vorwurf, den der israelische Polizeisprecher zurückweist. "Ein Krankenwagen erreichte den Ort des Terroranschlages nach drei Minuten. Das ist eine sehr schnelle Reaktion. Andere Behauptungen sind nicht zutreffend", sagt Micky Rosenfeld.

Demonstranten zu "Palestinian lives matter" 

Der Tod von Ahmed Erekat fällt in eine angespannte Zeit. Und das liegt nicht nur an der möglichen israelischen Annexion von Teilen des Westjordanlandes. Vor einem Monat erschossen israelische Grenzpolizisten einen geistig-behinderten Palästinenser, der unbewaffnet war. Palästinensische Demonstranten zogen daraufhin Parallelen zum Tod des US-Amerikaners George Floyd. Und auch nach dem Tod von Ahmed Erekat heißt es: "Palestinian lives matter."

Israel verweist darauf, dass der Einsatz von scharfer Munition immer nur das letzte Mittel sei und Vorfälle mit Todesfolge untersucht würden. Saeb Erekat, der palästinensische Chefunterhändler, verlangt von Israel, den Leichnam seines Neffen herauszugeben. Bisher ist das nicht geschehen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 29.06.2020, 12-15 Uhr

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