Alexander Gerst
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Völlig losgelöst von der Erde: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst bricht am Mittwoch bereits zum zweiten Mal ins Weltall auf. Für 187 Tage. Gegen Heimweh sollen Käsespätzle und ein WM-Trikot helfen.

187 Tage im All mit 300 wissenschaftlichen Experimenten: Alexander Gerst geht am Mittwoch auf ISS-Expedition. Sie beginnt mit dem Start in einer Soyus-Rakete vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Gerst wird Co-Pilot sein und gleich nach dem Andockmanöver an der Raumstation erwartet ihn ein anspruchsvolles Programm: wissenschaftliche Experimente, Arbeit an der ISS, auch mit Außenbord-Einsatz, Live-Calls zur Erde, Fotos und Erlebnisberichte in den sozialen Netzwerken.

Live-Call im Deutschland-Trikot

Seinen ersten Weltraum-Einsatz hatte der 42-Jährige bereits vor vier Jahren. Ganz locker erzählt er wenige Wochen vor dem Start, wie er jetzt auf seine Erfahrungen aufbauen kann: "Eigentlich bin ich relativ entspannt. Ich weiß, dass ich es im Prinzip kann. Das musste ich mich vor meinem ersten Flug fragen, ob das vielleicht eine Nummer zu große für mich ist. Wenn man das abhaken kann, ist das eine große Erleichterung." Auf Twitter teilt @Astro_Alex mit seinen Followern seine Musik für die Startrampe. Darunter sind Songs wie die Captain-Future-Melodie, Songs von Sido oder Kraftwerk. Doch ist er wirklich so locker, wie er rüberkommt? Nein, sagen Menschen, die es wissen müssen. Aber er ist sehr professionell, bestens trainiert und getragen vom Vertrauen tausender Wissenschaftler, Politiker und Kollegen.

Ob er im Columbus-Labor experimentiert, bei komplizierten Flug-Manövern die Verantwortung trägt oder mit den ISS-Kollegen Käsespätzle made in Frankfurt isst: Millionen werden das verfolgen – und zwar vom Start weg. Offiziell wird der Countdown in Baikonur an drei Orte in Deutschland übertragen: nach Berlin, ins Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen und nach Künzelsau. Und dort soll es schon im Juli wieder einen Live-Call geben; womöglich wie vor vier Jahren wieder mit vielen blauen Luftballons und Gerst im deutschen WM-Trikot.

CIMON ist besser als R2-D2

Oben wird Gerst jedoch hauptsächlich mit den insgesamt 300 Experimenten gut zu tun haben. Alle diese Experimente müssen die Genehmigungsprozedur der Raumfahrt-Behörden durchlaufen, der Versuchsaufbau muss in eine kleine Box passen, wenig wiegen und dennoch strengen Normen entsprechen. Die Experiment-Boxen sind mit Klettband an die Regale der Labors angeheftet und werden in Absprache mit den Forschern auf der Erde herausgeholt und bearbeitet. Eines jedoch ist nicht fixiert: Der kugelförmige CIMON ist eine Art fliegender Assistent. Er wird mit Alexander Gerst durch die Module schweben.

"Cimon ist ähnlich wie Siri oder Alexa ein künstlich intelligentes System, das einem Fragen beantworten kann. Aber Cimon kann noch viel mehr, er kann sich nämlich bewegen in der Schwerelosigkeit. Und er kann sehen, hören, verstehen und natürlich sprechen", erklärt Christian Karrasch, Projektleiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). CIMON ist weiß, misst 32 Zentimenter im Durchmesser, wiegt fünf Kilo und soll Langzeit-Missionen im All vorbereiten. Er soll Technik-Assistent sein und sich mit den Astronauten unterhalten können, über die Experimente, aber auch über den Alltag. Er ist mehr als ein lustiger Begleiter und Mechaniker wie etwa R2-D2 aus Star Wars. CIMON steht für Psycho-Soziales zwischen Mensch und Maschine.

Erkenntnisse für Patientenbetreuung?

Witze und Überraschungen sind natürlich auch auf der Erde zu gebrauchen. Es geht darum herauszufinden, wie Künstliche Intelligenz Menschen in einer Extrem-Situation unterstützen kann, sei es in einer Raumstation im All oder auf der Intensivstation im Krankenhaus. Judith-Irina Buchheim, Narkoseärztin am Klinikum der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, hat die Erfahrung gemacht, dass Patienten auf der Intensiv-Station viel mit Astronauten gemein haben. "Patienten wie Astronauten gleichermaßen sind in einer Umgebung, die potentiell lebensbedrohlich ist. Sie haben Schlafstörungen, sie haben einen verzogenen Tag- und Nachtrhythmus. Neben weiteren Aspekten wie Abnahme von Knochendichte oder Muskelschwund kommt auch das Immunsystem bei beiden – Patienten wie Astronauten – in eine Form der Disregulation", erklärt Buchheim.

Die Erkenntnisse von der Raumstation könnten also helfen, bei Patienten auf der Erde Stress abzubauen. Das hilft bei der Wundheilung, sagt die Ärztin. Auch das Klinikpersonal hätte weniger Stress und mehr Zeit für Kranke und Angehörige.

Sendung: hr-iNFO, 03.06.2018, 7.35 Uhr

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