Sargassum

Die Braunalge Sargassum zerstört die Karibik: Millionen Tonnen begraben die weißen Strände unter sich, bedrohen Korallenriffe, töten Schildkröten und Fische. Die Maßnahmen der Regierung beschränken sich indes auf Kosmetik für Touristengebiete.

Kräftig und heiß weht der Wind an Mexikos Karibikküste. Ganz sanft plätschert die karibische Badewanne. Aber statt türkisblau ist das Meer hier kaffeebraun. Schon seit etwa fünf Jahren spüle es Tonnen der Alge Sargassum an den einst weißen Traumstrand, berichtet der Maya-Nachfahre Pedro Ihuit. Als Kind hat er hier im Sand gespielt. Heute türmen sich die Braunalgen meterhoch und stinken in der Sonne: gammelig, beißend, nach verwesendem Fisch und Müll.

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Sargassum-Berge an einem Karibik-Strand
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Das Sargassum zerstöre alles, sagt Ihuit. "Den Strand, die Korallenriffe, Fische und Schildkröten sterben. Wenn die Schildkröten hier Nester bauen und ihre Eier ablegen, können die kleinen, frisch geschlüpften Babys das Sargassum nicht überwinden, wenn sie ins Meer laufen wollen. Sie verfangen sich darin und sterben." Sargassum sei eine Katastrophe für die Natur. Mit Sorgenfalten blickt der 50-Jährige auf den algenbedeckten, dunkelbraunen Strand.

Viele Touristen reisen wieder ab

Viele Hoteliers und Gastronomen sorgen sich um ihr Geschäft an den einige Kilometer entfernten Stränden der Riviera Maya, die einen Großteil der mexikanischen Tourismusgewinne erzielen. Jeden Tag treibt mehr Sargassum an Land. In diesem Jahr lassen die Unternehmer schon etwa 1.000 Tonnen pro Tag wegräumen – teils mit Bulldozern. Der Bundesstaat Quintana Roo, an dem die Haupttouristenorte liegen, hat den Notstand ausgerufen.

Sargassum

Dort, wo die Alge auftritt, reisen viele Gäste wieder ab. "Man hatte mir gesagt, dass ich hier an einem Traumstrand urlauben könne. Und dann stehe ich vor dieser Alge, kann nicht mal im Meer schwimmen", sagt ein Tourist aus Argentinien. Er habe schon von Sargassum gehört, konnte sich dieses Ausmaß aber nicht vorstellen.

"Die Rache des Meeres"

Wenn man im Wasser auf die Alge trifft, kratzt sie unangenehm, hart und stachelig auf der Haut. Der Mensch kann gehen und sich andere Urlaubsziele suchen, aber die Natur ist der Plage schutzlos ausgesetzt. Elisa Meza arbeitet in einer Tauchschule und kennt deshalb den irreparablen Schaden, den Sargassum unter Wasser anrichtet. Korallen und Fische sterben. "Es ist so, als würde das Meer die ganze Schweinerei, die wir in ihm entsorgen, Müll und Abwässer, jetzt wieder zurückgeben. Das ist wie die Rache des Meeres. Wie lange wird das dauern?", fragt sie.

Algenberge an einem Karibikstrand

Die Braunalge sei gekommen, um zu bleiben, warnt die niederländische Wissenschaftlerin Brigitta Ine van Tussenbroek, die an der Universität UNAM das Auftreten der eigentlich harmlosen Braunalge erforscht. Die Dosis macht das Gift: In kleinen Mengen ist Sargassum nützlich, aber die riesigen, kilometerlangen Algenteppiche, die seit etwa fünf Jahren aus dem Atlantik kommen, gefährden die empfindliche Karibik.

Bedrohung fürs Ökosystem

Wenn nichts gegen die Algenplage unternommen werde, "stirbt das Ökosystem Karibik in fünf oder zehn Jahren", sagt van Tussenbroek. Die Bedrohung sei unmittelbar: "Dieses Ökosystem ist nicht daran gewöhnt, solchen Massen von organischem Material, Nährstoffen und Rückständen von Schwermetall ausgesetzt zu sein. Das Sargassum erstickt das Seegras am Meeresboden und das führt zur Erosion unserer Strände. Außerdem sinkt die Wasserqualität. Das Ökosystem wird das nicht aushalten."

Kind an einem Strand, an dem sich die Braunalge Sargassum türmt.

Das Problem entsteht tausende Kilometer entfernt: Wissenschaftler vermuten, dass der Einsatz von immer mehr Düngemitteln, die aus dem Amazonasgebiet ins Meer gespült werden, das Sargassum-Wachstum begünstigt. Je mehr Landwirtschaft, umso mehr davon. Außerdem gelangten durch den Klimawandel und die Veränderung von Meeresströmungen mehr Nährstoffe an die Oberfläche, auf der die Alge treibt und sich rasend schnell vermehrt.

Wurzel des Problems bleibt unberührt

2018 reichte ein fast 9000 Kilometer langer Sargassum-Gürtel von Westafrika bis zum Golf von Mexiko. Statt einen nationalen Notplan auszuarbeiten und internationale Maßnahmen einzufordern, verharmloste Mexikos Präsident Andres Manuel López Obrador im Juni nur: Das Sargassum sei eine "Nebensache". In Mexiko-Stadt würden jeden Tag 13.000 Tonnen Müll entsorgt - "hier reden wir von 1.000 Tonnen Sargassum am Tag. Wir sind ganz sicher, dass wir diese Angelegenheit problemlos lösen werden."

Zitat
„Unsere Umwelt geht kaputt. Das zu sehen, macht mich unglaublich traurig. Ich mache mir große Sorgen, vor allem, weil die Kinder nie wissen werden, wie es früher einmal war. “ Zitat von Pedro Ihuit, Maya-Nachfahre
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Sargassum – ein Müllproblem? Die Lösung für die Touristengebiete ist weiße Salbe: Mexikos Regierung lässt die Marine spezielle Schiffe zum Abfischen der braunen Masse auf dem Meer bauen, Hoteliers legen im Meer Barrieren aus Plastik aus und lassen die Strände säubern. Ingenieure entwickeln Anlagen, um Sargassum zu Biogas zu verarbeiten. Bausteine werden bereits daraus gefertigt, sogar Schuhe und Nahrungsergänzungsmittel. Ungebremst wächst der Rohstoff nach, die Wurzel des Problems bleibt unberührt.

Touristen können sich auf den Karten einschlägiger Internetseiten darüber informieren, welche Strände aktuell Sargasso-frei sind. Dorthin locken Hotelketten ihre Gäste mit Sonderangeboten. Es wirkt wie ein Schlussverkauf, bevor das Karibik-Paradies endgültig zerstört ist.

Pedro Ihuit

An Pedro Ihuits Lieblingsstrand seiner Kindheit gibt es keine Hotels und deshalb auch niemanden, der gegen das Sargassum kämpft: "Unsere Umwelt geht kaputt", sagt er. "Das zu sehen, macht mich unglaublich traurig. Wir Menschen sind Schuld daran. Wer weiß, was passieren wird. Ich mache mir große Sorgen, vor allem, weil die Kinder nie wissen werden, wie es früher einmal war. 

 Sendung: hr-iNFO Aktuell, 26.8.2019, 12 bis 15 Uhr

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