Symbolbild: Erdkugel mit einem Post-It mit Aufschrift "Covid-19"

Wie sehr verändert die Corona-Pandemie unser Leben? Welche Lehren ziehen wir aus der Krise? 16 junge Journalist*innen haben nachgefragt: in Krankenhäusern, bei Preppern, in Hotels und Religionsgemeinschaften.

Gewinne und Verluste

Beispiel Krankenhausfinanzierung: Hätte nicht die Überlastung der Kliniken gedroht, hätte das öffentliche Leben nicht so drastisch zurückgefahren werden müssen. Aber im Gesundheitssystem wird seit Jahren gespart, vermeintlich überschüssige Kapazitäten wurden abgebaut – im Personalbereich, aber auch bei der Ausstattung, zum Beispiel bei Schutzmaterialien.

Teresa Roelcke hat mit Pflegerinnen von Intensivstation und Anästhesie gesprochen und ist deren Kritik nachgegangen: Sie beklagen vor allem den Kostendruck, der sich aus der Finanzierung über sogenannte Fallpauschalen ergibt. Die Kliniken erhalten nämlich von den Krankenkassen pro Behandlung einen festen Betrag. Wenn durch die Behandlung mehr Kosten entstehen, müssen die Kliniken draufzahlen. Wenn sie aber weniger ausgeben, als sie über die Fallpauschalen erhalten, können sie Gewinne machen.

Die Lehre aus der Krise in diesem Fall: Ein gewinnorientiertes Gesundheitssystem belastet die gesamte Gesellschaft. Und: Zumindest während der aktuellen Pandemie sollten die Fallpauschalen ausgesetzt werden, damit die Krankenhäuser nicht dadurch rote Zahlen schreiben, dass sie an Covid-19 Erkrankte behandeln oder Betten für sie freihalten.

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Das Rechercheprojekt

Bei der Recherche handelt es sich um ein Projekt von 16 jungen Journalistinnen und Journalisten, allesamt Volontäre der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Sie haben sich in den vergangenen Wochen auf eine Spurensuche nach den Lehren aus Corona begeben - in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Alle Ergebnisse hören Sie in der Sendung "Himmel und Erde".

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Anders urlauben

An den deutschen Nord- und Ostseestränden werden in diesen Tagen wieder die Hoteltüren aufgeschlossen. In den vergangenen Wochen gehörten die Strände allein den Möwen. Hoteliers und Tourismusmanager machen sich Gedanken, wie sie die Urlauber unterbringen werden, mit Abstand und Einhaltung aller Hygieneregelungen.

Die Journalisten Anna Bayer und Daniel Donath haben sich in Deutschlands ältestem Ostseebad Boltenhagen umgesehen. Die Krise hat dort so manche Gewissheit ins Wanken gebracht. Die Gewissheit zum Beispiel, dass nach einer lauen Herbst- und Wintersaison spätestens zu Ostern alle Betten wieder belegt sind und Gewinne einspielen.

Jetzt fürchten viele Gastgeber um ihre Existenz. Aber Boltenhagens Grüner Bürgermeister will weiter denken. Was kommt nach Corona? Was ist, wenn in zwei Jahren eine andere Krise droht? "Dann ist es die Kunst, sich als Urlaubsort darauf einzustellen", sagt er. Und man spürt, dass das keine leichte Aufgabe sein wird. Allein die Einhaltung der Hygienemaßnahmen wird den Angestellten erhebliche Mehrarbeit bescheren. Die entscheidende Frage ist, ob sie auch entsprechend bezahlt werden können.

"Dass menschliche Arbeit auch etwas wert ist, das ist wohl nicht so ins Bewusstsein gedrungen", resümiert eine Hotelbesitzerin. Und hofft darauf, dass ihre Urlauber in Zukunft bereit sind, mehr zu bezahlen.

Eine Botschaft von Gott?

Auch die großen Religionsgemeinschaften waren von der Krise betroffen. Gottesdienste und religiöse Versammlungen waren verboten. Aber wie interpretieren die großen monotheistischen Religionen die Krise? Alexander Wenzel und Cornelius Pape haben drei Geistliche befragt, die mit ihren Gemeinden in das interreligiöse Gebäude "House of One" in Berlin einziehen werden, sobald es 2021 fertig gebaut ist.

Der evangelische Pfarrer Gregor Hohberg möchte in der Pandemie kein Handeln Gottes sehen, das man nun zu deuten habe. Gott ist nicht jemand, "der Krankheiten benutzt, sondern die Krankheiten passieren. Und in der Krankheit, im Schmerz, will Gott an unserer Seite sein." Auch der jüdische Rabbiner Andreas Nachama sagt: Die Zeit der biblischen Propheten ist abgeschlossen. Die biblischen Erzählungen etwa von den großen Plagen oder von den prophetischen Unheilsandrohungen seien nicht dazu da, "dass wir Corona einordnen in irgendein Weltgericht oder ähnliche Dinge."

Heute müsse es stattdessen darum gehen, wie man die Gegenwart gut meistert. Einzig der muslimische Imam Kadir Sanci sieht in der Pandemie eine Botschaft Gottes, nämlich eine Art Weckruf: "Wir sind zu fahrlässig mit unserer Umwelt umgegangen. Und Gott hat uns nochmal die Gelegenheit gegeben, uns selbst, unsere Umwelt, die Welt, unsere Mitmenschen, unser eigenes Leben zu schützen."

Ganz anderes haben Lucia Heisterkamp und Lina Verschwele bei der "Universalkirche des Reich Gottes" erlebt, einer pfingstlerischen Freikirche aus Brasilien. Dort wird die Krise genutzt, um Profite zu machen, denn die Gläubigen sollen kräftig spenden, um von der Krankheit nicht betroffen zu werden.

Prepper - Gemüsekonserven gegen die Krise

Wie gut kann man sich eigentlich als Privatperson auf Krisen wie die aktuelle Pandemie vorbereiten? Es gibt Menschen, die halten ein Funkgerät bereit, falls einmal länger der Strom ausfällt; andere horten in ihren Kellern Lebensmittel, um im Krisenfall nicht aus dem Haus gehen zu müssen. Man nennt solche Personen auch Prepper.

Simon Rustler hat sich von einem Prepper die selbstgemachten Gemüsekonserven zeigen lassen. Für zehn Tage reichen die Vorräte. Danach sollte auch im Extremfall staatliche Hilfe bei der Bevölkerung angekommen sein, so erklärt es zumindest das Bundesamt für Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz. In der aktuellen Pandemie wird aber auch deutlich: Wie viel Gemüse man auch eingekocht hat - man kann nicht für jede Situation gleich gut gewappnet sein. Jede Krise hat ihre ganz eigenen Herausforderungen, so die Einsicht des Preppers.

Ärmer, aber nicht unglücklicher

Wie wird sich die Gesellschaft durch die Krise verändern und vor allem das Konsumverhalten? Die beiden Journalistinnen Lucia Heisterkamp und Lina Verschwele haben darüber mit dem Zukunftsforscher Horst Opaschowski gesprochen und festgestellt, dass er durchaus optimistisch auf die Zeit nach Corona blickt.

Opaschowski erwartet dauerhafte Veränderungen zum Positiven. Den Grund sieht er im globalen Ausmaß der Krise – das mache sie einzigartig und allenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. In Deutschland werde sich das Konsumverhalten ändern. Die Menschen würden in der Krise stärker über die Frage nachdenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Deswegen prognostiziert er: "Wir werden über Geld und Güter neu nachdenken. Und deshalb glaube ich: Vielleicht werden wir ärmer, aber nicht unglücklicher."

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