Angela Merkel am Rednerpult im Bundestag bei der Generaldebatte.

Die Generaldebatte im Bundestag gilt gemeinhin als Stunde der Opposition. Aber, wie so vieles in Zeiten von Corona, war es dieses Mal anders.

So wie heute habe ich Angela Merkel noch nie erlebt. Es hat eine Weile gedauert, aber am Ende war ihre Rede womöglich der stärkste Merkel-Moment in ihrer langen Kanzlerschaft. Und es gab durchaus eine Reihe von Schlüsselmomenten:

2011 Ihr Umdenken in der Energiepolitik nach dem schweren Störfall in einer Atomanlage im japanischen Fukushima infolge eines Tsunami. Deutschland könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sagte Merkel damals. Es folgte die Entscheidung für den Atomausstieg bis 2022. Hier sprach und handelte die Physikerin.

2015 Merkels Entscheidung, Hunderttausenden Geflüchteten nicht die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Sie wurde schon mal emotional, wenn sie sich gegen Kritik verteidigen musste. Unvergessen ihr Satz, wenn man sich noch entschuldigen müsse dafür, in Notsituationen ein freundliches Gesicht zu zeigen, dann sei das nicht ihr Land. Hier sprach eine, die aus humanitärem Antrieb handelte und einem Gebot der Menschlichkeit folgte.

2020 Im Jahr der Corona-Pandemie, ist es anders. In dieser Krise erleben wir Angela Merkel in all ihren Facetten. Die Wissenschaftlerin mit Durchblick, die erklären, begründen und nötigenfalls auch vorrechnen kann. Die Regierungschefin mit Überblick. Die Kümmerin, die sich auch emotional exponiert, mit einer bemerkenswerten Intensität und Dringlichkeit – bis zur gelegentlich leicht gebrochenen Stimme während ihrer heutigen Rede. Wer Merkel zuhörte, sah eine verletzliche Kanzlerin, die einräumte, dass auch ihr Nähe und Berührungen fehlten und der es gelang, dabei aufrichtig und unprätentiös zu wirken.

Raus aus der Komfortzone

Corona treibt Merkel aus ihrer Komfortzone, lässt sie ins Risiko gehen, ihre Sorge in einem Ausmaß zeigen, das so nicht zu erwarten war und doch angemessen wirkt. Denn es zeigt, wie epochal dieser Moment ist, den wir gerade durchleben. Es zeigt: Merkel ist klar, dass kein Gesellschaftsbereich von der Pandemie unberührt bleibt: Unser Arbeits- und Sozialleben, Wirtschaft und Kultur, die Bildungschancen unserer Kinder. Es zeigt auch die Grenzen der mächtigsten Frau Deutschlands, wenn nicht Europas oder der Welt.

Denn viel mehr als gut zureden und Rahmenbedingungen schaffen, kann sie im Grunde nicht tun. Das konkrete Management der Corona-Pandemie liegt bei den Bundesländern. Selbst die Kanzlerin muss, wie wir alle, darauf vertrauen, dass die schon an einem Strang ziehen werden. Und, auch das wurde heute klar, Angela Merkel weiß das.

Schwäche zeigen als Stärke

Und doch will sie sich daran messen lassen, wie Land und Gesellschaft durch diese Krise hindurch kommen. Sie macht deutlich: Ich tue, was ich kann, aber ich brauche euch: Parlament, Länder und vor allem Bürgerinnen und Bürger. Wahre Stärke liegt oft darin, Schwäche zu zeigen und wie sie das heute getan hat, zeigt einmal mehr, was für eine Ausnahmeerscheinung in der Politik Angela Merkel ist. Insofern war die heutige Generaldebatte vor allem ihre Stunde, die Stunde der Kanzlerin.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 30.09.2020, 15-18 Uhr

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