Querdenker-Demo in der Stuttgarter Innenstadt

Journalistinnen und Journalisten müssen immer häufiger mit Anfeindungen und Bedrohungen rechnen - häufig durch Menschen, die lautstark die Einschränkung der Meinungsfreiheit beklagen. Unsere Hauptstadtkorrespondentin Barbara Kostolnik hat das selbst erlebt. Im Interview spricht sie darüber, welche Folgen das für ihre Arbeit und ihr Privatleben hat.

Welche Anfeindungen erlebst Du bei der Ausübung Deines Berufs?

ARD-Hauptstadtkorrespondentin Barbara Kostolnik

Kostolnik: Das reicht von bloßer Ablehnung, à la "mit der Lügenpresse rede ich nicht", bis zu offenen Anfeindungen. Das geht soweit, dass schon mal die Glasfront des ARD-Hauptstadtstudios bespuckt oder versucht wird, mit dem Baseballschläger die Glasscheibe der Eingangstür zu zertrümmern.

"Safe Spaces" für die Presse

Bei welchen Anlässen passiert so etwas?

Kostolnik: Mir ist das in meiner journalistischen Laufbahn schon öfter passiert, zunächst tatsächlich in Frankreich, als ich in die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und "Gelbwesten" geraten bin. Das war ja am Anfang friedlich und wurde dann immer brutaler, bis wir irgendwann tatsächlich mit Helmen, Gasmasken und Splitterschutzwesten ausgerüstet wurden, weil wir sonst nicht mehr hätten berichten können; das hatte gegen Ende wirklich etwas von Kriegsberichterstattung – und oft genug wurden Kolleginnen und Kollegen trotz oder gerade wegen des Presse-Schilds ins Visier genommen.

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Deutschland in der "Rangliste der Pressefreiheit" abgerutscht

Laut Reporter ohne Grenzen war es 2020 um die Pressefreiheit in Deutschland schlechter bestellt als im Jahr zuvor: Die Organisation hat Deutschland vor wenigen Wochen in ihrem Ranking herabgestuft von Platz 11 auf Platz 13. Sie bewertet die Pressefreiheit hierzulande nun nicht mehr als "gut", sondern nur noch als "zufriedenstellend". Grund dafür seien die vielen Übergriffe auf Medienschaffende im Umfeld der Corona-Demonstrationen. Das sei ein "deutliches Alarmsignal", erklärten die Reporter ohne Grenzen.

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In Deutschland ist das seit den Demos der sogenannten "Querdenker"-Szene so, dass das Hauptstadtstudio im Visier ist. Ich hatte das ja oben beschrieben, dann versammeln sich Dutzende Leute davor und brüllen "Lügenpresse" in Richtung Fenster und schütteln die Fäuste. Mittlerweile steht bei den Demos die Polizei davor und bewacht das Haus. Und auch bei den Demos selbst konnte man ja gut verfolgen, dass man als Journalistin oder Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Personenschutz benötigte. Es wurden "Safe Spaces" für die Presse eingerichtet – und ich selbst nehme, wenn ich bei diesen Demos unterwegs bin und O-Töne der Teilnehmerinnen und Teilnehmer brauche, meinen ARD-Windschutz ab und tausche ihn durch einen neutralen Windschutz. Und das immer noch mit einem mulmigen Gefühl.

Trump als Brandbeschleuniger

Wann hat diese Entwicklung angefangen? Und ist das in den letzten Jahren mehr geworden?

Kostolnik: Wie gesagt, mir ist das in Frankreich das erste Mal so intensiv aufgefallen, das war Ende 2018. Aber mein Eindruck ist, dass die Ankunft von Trump und dessen permanente Rhetorik von "Fake-News der Medien" in den USA diese Ausbreitung von Hass und Verachtung in Europa und Deutschland stark beschleunigt hat. Das war wirklich ein Brandbeschleuniger, der erst in den sozialen Netzwerken und dann auch darüber hinaus rasend schnell um sich gegriffen hat.

Viele sind drauf gesprungen, auf diesen Zug, ganz explizit die AfD im Bundestag, die ja zu einem großen Teil mit Provokationen Politik macht und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner jetzigen Form abschaffen möchte. Und es ist danach immer mehr geworden. Corona hat natürlich auch dazu beigetragen, da ist ein Parallel-Universum entstanden in geschlossenen Facebook-Gruppen, in bestimmten Blasen, das schaukelt sich hoch, irgendwie brechen da bei einigen Leuten alle Dämme. Dabei bin ich mir sehr sicher, die verhalten sich nur so aggressiv, wenn sie in der Gruppe oder im Internet unterwegs sind. 

Beispiel Jan Josef Liefers: ein Teufelskreis

Was glaubst Du, warum es zu dieser Entwicklung kam? Was läuft da schief?

Kostolnik: Ich finde, ein Satz von Jan Josef Liefers liefert zumindest eine Erklärung, jedenfalls habe ich diese Erfahrung oft gemacht: Die Menschen, die schnell mit dem Begriff "Lügenpresse" zur Hand sind, haben in der Regel schon seit geraumer Zeit diese Art von Medien nicht mehr konsumiert. Die sprechen dann wirklich über etwas, was sie nicht kennen, weil sie es ablehnen, und weil sie es ablehnen, kennen sie es nicht. Jan Josef Liefers hat ja auch beklagt, dass er zu viel Negatives über Corona in den Medien hören musste, und dass er dann die Medien einfach ignoriert hat. Nur um dann den Medien vorzuwerfen, sie würden nicht ausgewogen berichten. Ein Teufelskreis.

Wenn Menschen Kritik an der Berichterstattung durch Medien haben – welchen Weg sollten sie Deiner Meinung nach wählen?

Kostolnik: Berechtigte, konstruktive Kritik ist immer gut. Und wenn ich einen Kommentar bekomme, eine Mail, einen Leser-Brief, in dem konstruktive Kritik geübt wird, antworte ich immer. Wenn mich ein Leser, eine Leserin auf einen Fehler hinweist, ist das wichtig und gut, weil auch wir Journalistinnen und Journalisten menschlich und fehlbar sind.

Aber leider ist die Kritik ganz oft einfach nur bösartig und artet in Beschimpfung aus. Ein großes Problem ist dabei übrigens, dass viele Hörerinnen und Hörer Berichte und Kommentare nicht auseinanderhalten. Und sich furchtbar aufregen über einen Kommentar, also ein explizites Meinungsstück. Weil sie denken, das hat in der Berichterstattung nichts zu suchen. Da müssen wir aufpassen, das besser zu kennzeichnen und das sehr deutlich kenntlich zu machen.

"Schaue sehr genau, wo etwas veröffentlicht wird"

Welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf die Pressefreiheit in Deutschland? Beeinflussen Dich diese Anfeindungen in der freien Ausübung Deines Berufs?

Kostolnik: Das Arbeitsklima für Journalistinnen und Journalisten ist mit Sicherheit rauer geworden. Und ich stelle bei mir selber tatsächlich fest, dass ich sehr genau hinschaue, wo etwas veröffentlicht wird. Ob ich zum Beispiel einen kritischen Kommentar zu einem bestimmten Thema auf tagesschau.de publiziere.

Zitat
„Das Schlimmste [...] ist, dass ich mir heute Sorgen um meine Familie mache.“ Zitat von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtkorrespondentin
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Weil ich genau weiß, der hat eine enorme Reichweite und wird garantiert von einigen hergenommen, um einen Troll- oder einen Shitstorm zu produzieren. Das Schlimmste aber ist, dass ich mir heute Sorgen um meine Familie mache, weil ich nicht weiß, ob sich nicht irgendjemand dann aufgestachelt genug fühlt, um mir nahestehende Menschen zu bedrohen oder anzugreifen. Und das ist eine fürchterliche Entwicklung.

Fühlst Du Dich als Journalistin gut genug geschützt?

Kostolnik: Wenn die Polizei vor dem Hauptstadtstudio steht, ja. Im Privaten, nein.

Was müsste passieren, damit Du Dich besser geschützt fühlst?

Kostolnik: Wir schicken Korrespondentinnen und Korrespondenten auf Lehrgänge zum Schutz und Verhalten in Krisenregionen, wo sie lernen, wie man sich in konkreten Gefahrensituationen verhalten soll und selbst schützen kann. Ich würde mir wünschen, dass wir das auch für den Umgang mit den sozialen Netzwerken so handhaben.  

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Was bedeutet Pressefreiheit?

Die Pressefreiheit ist im Artikel 5 (1) des Grundgesetzes verankert. Sie beschreibt das Recht der Medien auf ungehinderte Ausübung ihrer Tätigkeit, vor allem auf die staatlich unzensierte Veröffentlichung von Nachrichten und Meinungen. Sie soll die Informationsfreiheit, die freie Meinungsbildung und -äußerung, die pluralistische Meinungsvielfalt und damit die demokratische Willensbildung sowie die Transparenz und Kontrolle der Politik durch die Öffentliche Meinung gewährleisten.

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Das Interview führte Christina Sianides.

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