Ein Mann trägt eine Kippa mit israelischer und deutscher Flagge
Können Solidaritätsbekundungen mit Kippa gegen Antisemitismus helfen? Bild © picture-alliance/dpa

Die Zahl antisemitischer Angriffe nimmt zu. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun?

„Antisemitismus ist ein 2000 Jahre alter Virus, anscheinend unheilbar“, sagte Anita Lasker-Wallfisch am 27. Januar 2018. Die 92-jährige Auschwitzüberlebende sprach zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag. Tatsächlich hat sich der Hass auf Juden über die Jahrhunderte erhalten.

Juden galten als die, die Christus ans Kreuz genagelt hätten, oder als Wucherer, Betrüger, Spekulanten. Im 19. Jahrhundert sahen Judenhasser Juden vor allem als „Rasse“ an. Die germanischen „Arier“ seien der minderwertigen „semitischen“ Mischlingsrasse überlegen – deshalb das Wort „Antisemiten“. Das mündete in den systematischen Massenmord an allen Juden, den die Nazis ab 1942 systematisch planten und durchführten: Mehr als sechs Millionen Juden fielen dem zum Opfer.

Immer wieder und immer öfter gibt es in Deutschland Angriffe auf Juden durch muslimische, meist arabischstämmige Migranten. Wie am 17. April, als in Berlin ein 19-jähriger Syrer auf einen Mann einschlug, der eine Kippa, eine jüdische Kopfbedeckung, trug. Mehrfach wurden Fälle bekannt, in denen jüdische Kinder von muslimischen Mitschülern gemobbt worden waren.

Abraten vom Kippatragen

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sagte am 27. Januar im Bundestag: „Wenn ein Rabbiner und seine Kinder ihre Kippa unter einer Kapuze oder einer Baseballkappe versteckt tragen müssen, wenn auf Straßen und Plätzen antijüdische Parolen gegrölt und israelische Flaggen verbrannt werden, wie wir es jüngst wieder erleben mussten: Das ist inakzeptabel!“

Die Situation scheint so schlimm zu sein, dass der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland Juden riet, sich in Großstädten nicht öffentlich mit der Kippa zu zeigen. Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin, pflichtet Schuster bei: „Wenn man alleine durch die Straßen geht, egal in welchem Bezirk Berlins, würde ich davon abraten.“

"Zeig Gesicht und Kippa"

Stattdessen setzen jetzt viele demonstrativ gemeinsam mit Juden die Kippa auf. In den letzten Tagen gingen in Berlin und  in anderen Städten viele Menschen aus Solidarität auf die Straße und trugen die jüdische Kopfbedeckung. In Frankfurt hat Bürgermeister und Kämmerer Uwe Becker (CDU) für den 14. Mai dazu aufgerufen, einen Tag lang die Kippa aufzusetzen: „Zeig Gesicht und Kippa“ ist das Motto, die Kippa auf dem Kopf von Nichtjuden und Juden, als „verbindendes Element“ soll ein „sichtbares Ausrufezeichen nach außen sein“, so Becker, sie soll „ein bewusstes Zeichen der Solidarität für jüdisches Leben in unserer Stadt und gegen Antisemitismus“ setzen.

Antisemitismus darf nicht geduldet werden, sagen führende Politiker. Aber: Wie bekämpft man ihn? Die Bundesregierung hat zum 1. Mai erstmals einen Beauftragten für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus berufen. Felix Klein will mit als erstes in seinem neuen Amt dafür sorgen, dass antisemitische Vorfälle künftig bundesweit zentral erfasst werden.

Skepsis für Antisemitismus-Beauftragten

Leo Latasch, Sozialdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, sieht diesen neuen Beauftragten skeptisch: „Wissen Sie, wir haben früher immer den Spruch gehabt: 'Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann bilde ich einen Arbeitskreis.' So ein bisschen erinnert mich das daran.“

Latasch vermisst ein klares Bekenntnis vor allem von Innenminister Horst Seehofer (CSU) zum Judentum in Deutschland: „Hochnotpeinlich“ findet es Latasch, dass die Sprecherin des Ministers fast zwei Wochen lang keine Antwort gab auf die Frage eines Journalisten: „Gehört das Judentum zu Deutschland?“

„Keine Antwort ist auch eine Antwort“, sagt Latasch. Er glaubt, dass die Bundesregierung einfach unfähig sei, sich zu entscheiden, wie man gegen Antisemitismus vorgehen soll. Seehofer etwa, weil er damit bei einem Teil seiner Wähler vom rechten Rand Unwillen hervorrufen könnte.

"Das Judentum gehört zu Deutschland"

Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) sagte explizit nach der Attacke in Berlin auf einen Kippaträger: „Das Judentum gehört zu Deutschland“. Und die Fraktionschefin der AfD, Alice Weidel, schrieb im Januar: „Das Judentum gehört zu Deutschland, der Islam nicht“.

Diese Position der AfD, die sich betont stark gegen Antisemitismus von Migranten ausspricht, stößt bei vielen derer, die sie schützen wollen, auf Ablehnung: Shimon Stein, von 2001 bis 2007 israelischer Botschafter in Deutschland, sagte in der Sendung „Anne Will“ der ARD, es sei eine „gewisse Ablenkung, dass man heute das Problem den Flüchtlingen zuschiebt“. Und Leo Latasch wehrt sich gegen den unerwünschten Unterstützer: „Die AfD hat Tor und Tür dafür geöffnet, dass man heute ungestraft über Muslime, über Juden, über Ausländer herziehen kann. Rassismus ist Rassismus! Das ist jetzt wieder salonfähig geworden, zu sagen: Die Scheißtürken, die Scheißmuslime, die Scheißjuden!“

Fünf Prozent vertreten antisemitische Haltungen

Shimon Stein verweist auf eine Untersuchung des „Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“: Der hatte nach repräsentativen Umfragen festgestellt, dass rund fünf Prozent der Befragten aus der deutschen Gesellschaft „klassisch-antisemitische“ Haltungen vertreten, 26 Prozent „sekundären Antisemitismus“, (z.B. „Es muss auch mal einen Schlussstrich geben“), und 40 Prozent „israelbezogene“ Kritik, „und das sind Zahlen, bevor ich überhaupt anfange, über die Problematik der Flüchtlinge zu sprechen“, sagt Stein.

Antisemitismus findet man bei Rechtsextremisten, in der AfD, bei Linken, bei Flüchtlingen und in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“. Die verschiedenen Linien aus rechtsextremem und islamistischem Antisemitismus, warnt das Internationale Auschwitzkomitee, fügten sich mittlerweile „zu einem gefährlichen Gebräu“ zusammen. Das müssten wir „als uns alle bedrohende Gefahr wahrnehmen“.

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Auch der frühere grüne Europaabgeordnete und Begründer des „Amtes für multikulturelle Angelegenheiten“ in Frankfurt, Daniel Cohn-Bendit, sieht immer noch vielerorts Antisemitismus: In Polen, in Ungarn, bei muslimischen Gruppen, bei katholischen Gruppen. Cohn-Bendit sagte dies Ende 2017, im Jubiläumsjahr zu 500 Jahren Reformation und verwies auf den Antisemitismus bei Luther: „Das brodelte lange in Deutschland. Glauben Sie, dass all das jetzt, wenn es hochkommt, irgendetwas mit dem Staat Israel zu tun hat? Wenn Israel nicht wäre: genauso wie es in Polen den Antisemitismus gibt ohne Juden, gäbe es einen Antisemitismus ohne Israel!“

Vorurteile abbauen durch Kontakt

Vielleicht liegt auch darin eine ganz konkrete Möglichkeit, Antisemitismus gerade bei jungen Migranten abzubauen: Mit Juden gibt es vielleicht weniger Antisemitismus als ohne. Ahmad Mansour, Araber aus Israel, Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Salafismus und Antisemitismus, hat dies selbst erfahren: Er empfand früher in seinem arabischen Dorf die Juden als „Feinde“. Als er dann in Tel Aviv studierte, lernte er Juden kennen und verlor seine Hass auf sie: „Wir müssen die Menschen als Menschen kennenlernen, und das habe ich dort an der Universität Tel Aviv gehabt“. Als er nach Deutschland kam, bemerkte er die gleichen Konflikte in Berlin-Neukölln und anderen Stadtteilen. Deshalb arbeitet er dort heute in Projekten gegen Extremismus und gegen Radikalisierung, in denen muslimische Schüler Juden kennenlernen.

Der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz warnt allerdings im Bayerischen Rundfunk davor, die Gefahr eines neuen Antisemitismus zu übertreiben: „Die gute Botschaft ist doch die: Nach einer einzelnen und auch provozierten antisemitischen Handlung gehen Tausende auf die Straße und machen deutlich: Wir wollen das nicht, das verstößt gegen die politische Kultur in diesem Lande. Das ist doch die wichtige Nachricht!“

Sendung: hr-iNFO, 27.4.2018, 21.35 Uhr

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