Ein Schild vor einem Impfzentrum in Schwerin zeigt, dass dort mit AstraZeneca gegen das Coronavirus geimpft wird. Menschen stehen Schlange für eine Impfung. (dpa)

Während die STIKO weiterhin empfiehlt, AstraZeneca und Johnson&Johnson vorrangig an über 60-Jährige zu verimpfen, haben Bund und Länder die Impf-Priorisierung dafür aufgehoben. Die politische Freigabe diene jedoch nicht unbedingt dazu, die größtmögliche Krankheitslast zu vermeiden, sondern die unbeliebten Vakzine zu promoten und schnell die Impfquote zu erhöhen, kritisieren Wissenschaftler.

Professor Christian Bogdan, Mikrobiologe aus Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO), schreibt jeden Tag E-Mails, um den Menschen zu erklären: Natürlich könne sich jeder Erwachsene AstraZeneca oder Johnson&Johnson spritzen lassen, die Impfstoffe seien schließlich in Deutschland dafür zugelassen. Wichtig sei aber die Aufklärung und der Hinweis: 'Achtung, bei dieser Impfung gibt es ein Risiko für Komplikationen.' Für Personen, die ein hohes Risiko haben, schwer an Covid zu erkranken, oder Menschen, die sich schlecht vor einer Ansteckung schützen können, kann diese Risiko-Abwägung zugunsten der Vektorimpfstoffe ausfallen.

"Risikopopulation muss aktiv erreicht werden"

Nachdem die Impf-Priorisierung jetzt aufgehoben ist, kommen aber plötzlich alle erwachsenen Deutschen in die Situation, sich diese Frage zu stellen - aber eben nicht unbedingt die richtigen, sagt Bogdan. "Wenn jetzt die Priorisierung komplett aufgehoben wird, dann legt sich meine Stirn in Falten." Denn noch sei man weit entfernt von einer Durchimpfung in der Gruppe der besonders gefährdeten älteren Menschen, also der über 60-, 70- und 80-Jährigen. Bei denen, die auf dem Land wohnen, die weniger Zugang zu Impfzentren haben, wo der Weg zum Hausarzt beschwerlicher ist und wo es ganz allgemein weniger Impfstoff gibt.

Professor André Karch ist Epidemiologe und Sozialmediziner in Münster. Er fordert, Menschen müssen jetzt aktiv erreicht werden: "Und es ist notwendig, dass jetzt Ressourcen, Mittel, Personen eingesetzt werden, um es zu ermöglichen, dass dieser schwer zu erreichende Anteil der Risikopopulation auch den entsprechenden Zugang und die Möglichkeit hat, den Impfstoff zu erhalten."

Priorisierung versus Quote

Die wissenschaftlich begründete Impf-Priorisierung dient dazu, die größtmögliche Krankheitslast zu vermeiden. Die politische Freigabe der Vektorimpfstoffe dient dazu, unbeliebte Vakzine zu promoten und schnell die Impfquote zu erhöhen - so lautet das harte Urteil der beiden Wissenschaftler. Man könne sagen: "Ja gut, ist doch egal, wer geimpft wird, wenn die Jungen geimpft werden, trage ich zumindest zur Pandemiebekämpfung im Sinne der Durchimpfung der Gesellschaft bei", sagt Karch. Das sei im Prinzip auch richtig. Aber: "Solange ich diejenigen, die die Krankheit am meisten zu fürchten haben, nicht ausreichend geimpft habe, habe ich ein Problem."

Das Problem ist, dass die Erkrankungszahlen und die Sterbezahlen dann nämlich nicht in dem Maße sinken würden, wie sich das alle erhoffen, sagt Christian Bogdan: "Bitte nicht vergessen, dass da draußen in der Bundesrepublik Deutschland viele Menschen sind, die durch Covid eine wesentlich stärkere Gefährdung haben als die, die jetzt momentan aus Sekundärmotiven heraus zum Impfen gehen.“

Auch auf dem Weg zur Herdenimmunität bräuchten wir die schwer Erreichbaren, ergänzt André Karch: "Auch da werden wir über den Sommer hinweg in Situationen kommen, in dem die einfach zu erreichenden Gruppen, die einer Impfung sehr offen, sehr aktiv gegenüberstehen, erreicht wurden - und wir dann sehr stark investieren müssen, um den anderen Teil der Bevölkerung auch erreichen zu können."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 12.5.2021, 9 bis 12 Uhr

Jetzt im Programm