Esther Bejarano
Esther Bejarano beim Friedensfest Berlin auf dem Breitscheidtplatz 2015. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Esther Bejarano ist 93 Jahre alt und eine unermüdliche Kämpferin. Eine Kämpferin für die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und gegen das Wiederaufkeimen von Antisemitismus, Hass und Intoleranz. Für ihre Ideale zieht sie mit ihrer Kölner Rap-Kombo durchs Land.

Esther Bejarano hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Gerettet hat sie die Musik. Bejarano, geborene Loewy, stammte aus einer musikalischen Familie aus dem Saarland und konnte durch ihre musikalischen Fähigkeiten einen Platz im neu gegründeten Mädchenorchester des Konzentrationslagers Auschwitz ergattern. Damit war sie von der schweren körperlichen Arbeit befreit, die Zehntausende Häftlinge das Leben kostete.

Drei Generationen, drei Religionen

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Weil ihr Vater Halbjude war, sie also auch "arisches Blut" in sich trug, konnte sie im November 1943 das Vernichtungslager verlassen und wurde ins KZ Ravensbrück verlegt. Als im Frühjahr 1945 die Rote Armee anrückte, wurden die Insassen auf einen der sogenannten Todesmärsche geschickt. Dabei gelang ihr die Flucht.

Bejarano emigrierte nach Palästina, wo sie eine Gesangsausbildung  machte. Sie heiratete, bekam einen Sohn und eine Tochter. Wegen des heißen Klimas und wegen der politischen Entwicklung in Israel kehrte sie mit ihrer Familie 1960 nach Deutschland zurück und lebt seither in Hamburg. Seit fast zehn Jahren tritt sie mit ihrem Sohn und der Kölner Rap-Band Microphone Mafia auf und singt gegen das Vergessen und gegen das Wiedererstarken rechter Gedanken an. Zur Musikgruppe gehören ihr Sohn, der Bassist Joram Bejarano, und Rapper Kutlu ein gläubiger Moslem. Im Geiste mit dabei und durch seine Kompositionen vertreten ist auch noch Rossi. Er ist der Katholik in der Mehr-Religionen-Formation, auf die Esther Bejarano großen Wert legt. "Wir wollen zeigen, dass wir mit drei Religionen und drei Generationen gut auskommen und richtig befreundet sind. Das sehe ich auch als Vorbild für die Gesellschaft."

 Rappen stand nicht auf dem Programm

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2008 hat die ungleiche Gruppe zusammengefunden. Die DGB-Jugend in Düsseldorf wollte ein Gegengewicht zu rechten Gruppierungen setzen, die auf Schulhöfen Nachwuchs rekrutierten, unter anderem, in dem sie rechte Musik verteilten.  Warum nicht mit Musik auch vom Gegenteil überzeugen und  eine neue Form von Erinnerungsarbeit versuchen, die Jugendliche eher erreicht als der Geschichtsunterricht? Also beauftragte man den Kölner Rapper Kutlu, der die Idee hatte, Briefe und Tagebücher von KZ-Häftlingen in gerappte Texte zu kleiden. Aber er hatte Skrupel. "Ich brauchte jemanden, der mir sagen kann, wie weit kann man damit gehen, ohne dass es verletzend wirkt oder so, als wollte man jemanden verhöhnen. Und ich habe auch gar nicht an eine Sängerin gedacht", erinnert sich Kutlu.

Als ausgebildete Sängerin trat Esther Bejarano damals zusammen mit ihren Kindern Joram und Edna mit ihrer Band Coincidence auf. Rappen stand nicht auf dem Programm. Deshalb sahen die Bejaranos Kutlus Vorschlag erst mal kritisch, erinnert sich Joram Bejarano. "Aber dann kamen die ersten Ergebnisse, die waren textlich so klasse, dass wir gesagt haben, das müssen wir machen", erzählt Joram Bejerano.

Die Schwester wurde in Auschwitz vergast

Musikalisch haben die Bejaranos und  Microphone Mafia zusammengefunden, inhaltlich war man ohnehin auf einer Wellenlänge. Esther Bejarano ist glühende Antifaschistin. Als sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland erlebte, wie NPD-Aktivisten ungehindert Flugblätter verteilen konnten und dabei auch noch von der Polizei geschützt wurden, entschied sie sich zu handeln. Singend wollte sie auf die Gefahr von rechts hinweisen und Jugendlichen darüber berichten, wohin rechtes Gedankengut und Propaganda in der deutschen Geschichte schon geführt haben. Mehrere Bücher und Texte hat sie inzwischen verfasst und einige CDs aufgenommen. Die Rückmeldungen, die sie bekommt, geben ihr Mut, und zeigen, dass der Kraftakt nicht umsonst ist.

Esther Bejarano weiß, wie wichtig sie als Zeitzeugin ist. Als jemand, die dabei war und aus eigener Anschauung berichten kann, wie es war, als Tochter eines jüdischen Oberkantors im Saarland den zunehmenden Antisemitismus zu spüren. Wie schließlich fast ein ganzes Land geeint war im Hass gegen Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma oder andere Minderheiten und Oppositionelle. Wie die Nationalsozialisten ihre Familie zerstörten. Ihr Bruder konnte in die USA emigrieren, eine Schwester nach Palästina. Aber ihre Eltern und eine weitere Schwester, sowie deren Mann wurden umgebracht. Esther kam erst in ein Zwangslager und wurde im April 1943 nach Auschwitz deportiert. Erst vor kurzem hat sie über den Internationalen Suchdienst im nordhessischen Bad Arolsen erfahren, dass auch ihre Schwester in Auschwitz war und dort vergast wurde – nur wenige Monate, bevor Esther dort ankam.

Immer weiter

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Esther Bejarano war sich immer sicher gewesen, dass ihre Schwester gemeinsam mit ihrem Mann beim Fluchtversuch in die Schweiz erschossen wurde. Die Nachricht aus Bad Arolsen wühlte alles neu auf.  Die Erinnerungen an das Grauen und vor allem die Trauer um den gewaltsamen Tod der Eltern sind für Esther Bejarano allgegenwärtig. Deshalb berichtet sie unermüdlich. Ihr Ziel: "Ich werde so lange singen, bis es keine Nazis mehr gibt."

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Sendung: hr-iNFO, 27.1.2017, 9.05 Uhr

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