Bewohnerin und Pflegehelferin in einem Seniorenzentrum.
Eine Bewohnerin und eine Pflegehelferin in einem Seniorenzentrum. Bild © picture-alliance/dpa

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist erheblich. Nicht selten werden Auszubildende schon am Anfang verprellt. Eine von ihnen berichtet. Sie ist längst kein Einzelfall.

Hristinka Savova will sich endlich weiterentwickeln. Jahrelang hat sie als ungelernte Kraft in der Altenpflege der Diakonie-Station Frankfurt gearbeitet. Dann trifft die 49-Jährige den Entschluss noch eine Ausbildung zur Fachkraft anzufangen. Sie wollte sich nach einer so langen Zeit im Beruf verbessern und fasste das Ziel, ihre Vorgänge im Job zu verbessern. "Ich habe mich interessiert, wie und was kann ich für die Leute tun", erklärt sie.

Doch schon in den ersten Wochen merkt die gebürtige Bulgarin, dass sie nebenbei weiterhin in Dienste eingeteilt wird. Neben der Vollzeit-Ausbildung, die bereits alle ihre Kapazitäten fordert. "Ich musste nicht nur am Wochenende arbeiten. Manchmal haben sie mir nach der Schule Dienste gegeben", sagt die Pflegekraft. Das bedeutet, dass ihre Schule um 15.15 Uhr endete und die Schicht um 17 Uhr begann.

Hristinka Savova
Hristinka Savova Bild © hr

Hristinka Savova wundert sich. Denn die Leitung der Pflegeschule hatte ihr zu Beginn der Ausbildung ein Empfehlungsschreiben vom hessischen Sozialministerium mitgegeben. Darin steht eindeutig, dass zusätzliche Dienste nicht angedacht und nur in Ausnahmefällen möglich sind. Zitat: "Um für alle Auszubildenden die notwendigen Ruhe- und Lernzeiten zu gewährleisten, sollten sie vor beziehungsweise nach einem regulären Unterrichtstag sowie an den Wochenenden nach einer Unterrichtswoche nicht im Ausbildungsbetrieb eingesetzt werden."

Kein Einzelfall

Trotzdem übernimmt Hristinka Savova die Dienste. Aber durch die Zusatzarbeit ist sie ständig erschöpft, kann sich nicht richtig auf ihre Ausbildung konzentrieren. Sie geht zur Mitarbeitervertretung, spricht die Pflegedienstleitung an. Aber niemand kann ihr helfen. Schließlich schreibt sie mithilfe ihres Lebensgefährten einen Brief an die Geschäftsführung und bittet darum, sie nicht mehr in Dienste einzuteilen.

Sie habe nach diesem Brief 14, 15 Tage gewartet. "Mit mir hat niemand gesprochen. Mir wurde direkt ein Brief mit der Kündigung geschickt. Ohne Begründung. Gar nichts", sagt Savova. Der Vertrag für die Ausbildung wird also gekündigt. Sie wird nur gefragt, wann sie wieder Dienste auf der Station übernehmen kann. Die Geschäftsführung der Diakoniestation Frankfurt schreibt auf Nachfrage des hr, dass man sich zu einzelnen Mitarbeitern nicht äußern möchte.

Der Fall von Hristinka Savova ist aber kein Einzelfall. Wie die Leitung der Pflegeschule dem hr bestätigt, werden viele Auszubildende mit solchen Zusatzdiensten überlastet. Und auch der Verein Pflege in Bewegung, der sich für mehr Qualität in der Pflege stark macht, kennt das Problem – die genannte Vereinbarung zwischen Sozialministerium und Arbeitgeberverbänden sei eben nur eine Empfehlung und keine verbindliche Richtlinie, kritisiert Roger Konrad, Vorsitzender des Vereins. "Die gängige Praxis ist, dass dann eben doch der Druck auf die jeweiligen Arbeitnehmer oder Auszubildenden abgegeben wird", sagt Konrad.

Abschreckende Beispiele

Er erklärt, dass man versuche, die Verantwortung an diejenigen zurückzuspielen in der Hoffnung, dass diese doch klein beigeben. Und wer sich wehrt, bekommt Probleme. Das sei letztlich kurzgedacht, findet Roger Konrad. Denn perspektivisch würden diese Leute irgendwann diesen Job nicht mehr ausführen wollen und sich überlegen, ob sie einen anderen Beruf ergreifen. "Und das können wir uns in der jetzigen Situation, wo wir Personal- und Fachkraftmangel haben, eigentlich nicht mehr leisten", sagt Konrad.

So ist es auch bei Hristinka Savova, die ihre Ausbildung zur Fachkraft nicht zu Ende machen kann. Sie ist so enttäuscht, dass sie jetzt ganz aussteigen will aus der Pflege. Sie denkt jetzt nicht mehr über eine solche Ausbildung nach. "Das hat mir sehr weh getan. Und jetzt bin ich auf einem anderen Weg, will ich nicht mehr als Pflegerin arbeiten. Das hat diese ganze Geschichte ausgelöst."

Sendung: hr-iNFO, 21.8.2018, 15 Uhr

Jetzt im Programm