Die belgische Nationalmannschaft jubelt nach ihrem Sieg über Japan.
Wallonen? Flamen? Egal! Bei der WM stehen alle Belgier hinter ihrer Nationalmannschaft. Bild © picture-alliance/dpa

Vor dem WM-Viertelfinale der Belgier gegen Brasilien stehen Wallonen und Flamen Seite an Seite. Der Fußball bringt die Menschen von Antwerpen bis Charleroi zusammen. Belgien ist eins.

Mannschaftskapitän Eden Hazard ist Wallone. Er stammt aus Südbelgien und spricht französisch. Superstar Kevin De Bruyne ist Flame. Er kommt aus der Nähe von Gent und spricht von Hause aus niederländisch. Rekordschütze Romelu Lukaku ist Sohn kongolesischer Einwanderer, wurde in Antwerpen in Flandern geboren und spricht niederländisch und französisch als Muttersprache.

Doch all das spielt derzeit überhaupt keine Rolle. Denn in der belgischen Fußball-Nationalmannschaft spielen keine Flamen und Wallonen mehr, sondern nur noch Belgier. All die sprachlichen und kulturellen Unterschiede, die es im Alltag häufig gibt, scheinen in dieser Mannschaft nicht mehr zu existieren. „Ich glaube, dass das einfach nur mit Gefühlen zu tun hat“, meint der Flame Rudi van der Meulen.

Beim Fußball wird Belgien zur Familie

Fußball ist - neben Radrennen - ein Volkssport in  Belgien, mit dem sich viele Leute identifizieren. Und bei der Fußball-Weltmeisterschaft zählt das Land und die Mannschaft: Es geht also um Belgien und um die "Roten Teufel", die "diables rouges" oder die "rode duivels" – so wird das Nationalteam in Belgien genannt. Die Bezeichnung ist schon über hundert Jahre alt, und stammt von einem Fußballreporter, der meinte, die Belgier würden in ihren roten Trikots spielen wie die Teufel.

Die Mannschaft ist beinahe wie eine Familie. "In gewisser Weise sind die Belgier eine Familie, wenn die Nationalmannschaft auf dem Platz steht", meint der Wallone Emmanuel Dubois. Seiner Ansicht nach ist die belgische  Nationalmannschaft eine Art Klebstoff für die zersplitterte Nation. Wenn die Mannschaft weit im Turnier käme, würde das bei den Belgier sicherlich eine starke emotionale Bindung erzeugen, so der Wallone.  Der Flame Rudi ist hingegen skeptisch. Er glaubt nicht, dass die Fußball-Weltmeisterschaft Flamen und Wallonen dauerhaft einander näher bringen wird. Der Zusammenhalt wird wieder schwinden, glaubt er.

Bedeutung der Muttersprache schwindet

Einer der an die Kraft des Zusammenhalts glaubt, ist der Belgiens Trainer Roberto Martínez. Er ist Spanier. Auf dem Spielfeld und in der Kabine spricht der Trainer nicht Französisch oder Niederländisch mit den Spielern, sondern Englisch. Die meisten von ihnen spielen sowieso in England. "Ich stelle keinen Unterschied zwischen Flamen und Wallonen fest", beteuerte Martínez vor kurzem in einem Zeitungsinterview. Die Prägung und die Muttersprache haben seiner Ansicht nach heute viel weniger Einfluss als früher.

Der Fußball schafft seit Jahren immer wieder das, was der Politik nicht gelingt: Bei Flamen und Wallonen das Gefühl hervorzurufen, Belgier zu sein. Heute Abend beim Spiel gegen Brasilien wird man das wieder deutlich spüren können.

Sendung: hr-iNFO, 6.07.2018, 7.20 Uhr

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