Erdogan Özil Kritik
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Nach dem Desaster bei der Fußball-WM geht beim DFB die Ursachenforschung weiter. Ein möglicher Sündenbock schien schnell gefunden: Mesut Özil und sein Foto mit Erdogan. Unser Kommentator findet das scheinheilig.

Ich finde: Der DFB hat versagt. Sowohl vor zwei Monaten, als das Foto der deutschen Nationalspieler Gündogan und Özil mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Erdogan die Gemüter erhitzte, als auch jetzt, da DFB-Präsident Grindel und Manager Bierhoff ihrem Nationalspieler Özil in den Rücken fallen, um selbst besser dazustehen und ihr Versagen von damals vergessen zu machen.

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Am Wochenende sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel, Özil solle sich nach seinem Urlaub auch im eigenen Interesse öffentlich zur Erdogan-Trikot Affäre erklären. Vor zwei Monaten sagte niemand etwas. Oliver Bierhoff blaffte vor dem Testspiel gegen Saudi-Arabien sogar den Sportschau-Moderator an, ob er denn keine anderen Themen als diese Affäre habe; im Übrigen sei das Ganze hiermit beendet. Wenige Minuten später zeigten tausende Zuschauer mit ihren Pfiffen gegen Gündogan das absolute Gegenteil. Gündogan hat sich im Nachgang immerhin erklärt, auch wenn er es versäumte, sich zu entschuldigen. Özil schweigt bis heute. Ein Unding, finde ich.

Viele Mosaiksteine für Misserfolg der DFB-Elf verantwortlich

Und der DFB? Der verlor sich im Wust von Beratern und gegensätzlichen Interessen. Der DFB unterschätzte das Thema komplett, weil er den Kontakt zur Basis – zu den Fußballfans in Deutschland – schon lange verloren hat. Joachim Löw und Oliver Bierhoff hätten Özil und Gündogan vor der WM zu sich zitieren müssen,  um sie vor die Alternative zu stellen: eine Klarstellung oder Entschuldigung oder die WM läuft halt ohne euch. Doch es passierte: nichts. So wurde all die Unruhe mit in die WM getragen; auch das war ein Mosaikstein des Misserfolgs der Nationalelf.

Damals nichts zu tun und heute in Richtung Özil richtig auszuteilen, wie es Bierhoff trotz aller Dementis und DFB-Präsident Grindel jetzt machen, so etwas nennt man im Fußball: nachtreten. Die, die in der Affäre um Özil, Gündogan und Erdogan wirklich versagt haben, sind Bierhoff und Grindel selbst. Beide sollten nicht Mesut Özil sondern ihr eigenes Handeln kritisch hinterfragen – mögliche Konsequenzen inklusive.

Sendung: hr-iNFO, 09.07.2018, 16:10 Uhr

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