Kleriker werfen einen Schatten an die Wand mit Jesuskreuz
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Die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche offenbarte ein erschreckendes Ausmaß an vertuschten Taten in der Vergangenheit. Die Bischöfe gelobten Aufklärung und Hilfe für die Betroffenen. Ansätze sind in Hessen zu erkennen, es bleiben aber noch offene Fragen.

Den Opfern mehr und besser zuhören - dieses Versprechen gab die Deutsche Bischofskonferenz der katholischen Kirche, als sie im September 2018 eine Studie zu sexuellem Missbrauch im Bereich der Kirche veröffentlichte. Sehr viel getan hat sich in Hessen seitdem jedoch nicht, wie eine Umfrage von hr-iNFO in den Bistümern Limburg, Fulda und Mainz ergab. Die bisherigen Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie im Überblick:

Kaum neue Opfer gemeldet

Auf die Frage, ob sich seit Veröffentlichung der Studie bislang unbekannte Opfer sexuellen Missbrauchs gemeldet hätten, antwortet das Bistum Mainz: Keine neuen Opfer oder Hinweise auf bislang unbekannte Täter. Das Bistum Fulda teilt schriftlich mit, es hätten sich "zwei neue Betroffene" gemeldet. Ein neuer Fall und Hinweise auf einen bislang unbekannten Täter hat es bislang aber nur im Bistum Limburg gegeben. Nach der Veröffentlichung der Missbrauchs-Studie hat sich ein mutmaßliches Opfer in einem bislang nicht aktenkundigen Missbrauchsfall gemeldet, der bis in die erste Hälfte der 80er Jahre zurückreicht. Die zuständige Staatsanwaltschaft Marburg hat die Ermittlungen aufgenommen.

Der Fall könnte auch im Bistum selbst noch weitreichende Folgen haben: Das mutmaßliche Opfer behauptet nämlich, dass den seinerzeit Verantwortlichen im Bistum Taten und Täter frühzeitig bekannt gewesen seien. Trotzdem hätte die Bistumsleitung es versäumt, gegen den beschuldigten Priester vorzugehen. Ist der Fall von oberster Stelle im Bistum Limburg also vertuscht worden? Das Bistum selbst hat inzwischen einen "externen Juristen" beauftragt, um diese gravierenden Vorwürfe zu klären.

Insgesamt liegen den drei Bistümern nach einer Auswertung von hr-iNFO damit inzwischen Informationen zu 333 Betroffenen und 175 Beschuldigten vor. Experten gehen allerdings von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Gerade der zuletzt im Bistum Limburg bekannt gewordene Fall zeigt, wie wichtig es für die Aufarbeitung von Missbrauch in der katholischen Kirche ist, dass Betroffene sich melden. Weil sich eben nicht "alles, was passiert ist, auch in den Akten findet", wie Matthias Katsch von der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch" festellt.

Nach wie vor aber gelten vor allem die Aktenbestände als Hauptinformationsquelle, wenn es um Informationen zu Taten und Tätern, aber auch zum Umgang mit Fällen und Beschuldigungen geht. Dass sich aber trotz des wiederholten Angebots von Kirchenverantwortlichen nur wenige bislang nicht bekannte Opfer gemeldet haben, überrascht Matthias Katsch nicht. Die niedrigen Zahlen seien ein Zeichen dafür, dass die katholische Kirche noch nicht wirklich eine Form der Ansprache gefunden habe, die die Menschen ermutige, sich zu melden. Opfer bräuchten das Signal, dass ihnen geglaubt werde, dass ihnen aber auch Unterstützung angeboten werde.

Bischof trifft sich persönlich mit Opfern

Dabei zeigen die Antworten der Bistümer auch, wie eine solche Ansprache möglicherweise aussehen kann. Auf die Frage nach Gesprächen mit Opfern teilen sowohl das Bistum Mainz wie das Bistum Limburg mit, dass sowohl Bischof Gerg Bätzing (Limburg) als auch Bischof Peter Kohlgraf (Mainz) Kontakt zu Opfern gehabt hätten. In der Antwort des Bistums Mainz hieß es zum Beispiel: "Bischof Kohlgraf hat sich bislang mit einem Betroffenen zu einem persönlichen Gespräch getroffen und hat weitere Termine für die kommenden Monate vereinbart“.

Peter Kohlgraf
Bischof Peter Kohlgraf (Mainz) Bild © picture-alliance/dpa

Was sich für Außenstehende nicht weiter spektakulär liest, wertet der Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller aus Münster als "etwas ganz Besonderes" und "Großartiges". Schüller hat selbst schon Missbrauchsopfer betreut und erklärt: "Das ist für die Opfer die wichtigste Erfahrung, dass zum ersten Mal ihnen ein amtierender Bischof vorurteilsfrei zuhört. Und das ist für den Heilungsprozess oder die Aufarbeitung diese lebenslangen Traumas das aller Wichtigste".

Entschädigungen gezahlt

Die Bistümer bieten den Opfern aber nicht nur Gespräche an, sondern auch konkrete Hilfe. Zum Beispiel in Form von Entschädigungszahlungen. Hier weisen die Angaben der Bistümer auf Unterschiede hin. So teilt das Bistum Fulda mit: "Es wurden in 15 Fällen Leistungen […] zwischen 1.000 und 8.000 Euro bezahlt". Das Bistum Mainz verweist auf Zahlungen bis zu 13.000 Euro, das Bistum Limburg nennt als "höchste Zahlung" eine Entschädigung von 15.000 Euro.

Die Bistümer Limburg und Fulda weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass für die Entschädigungen keine Mittel aus Kirchensteuereinnahmen verwendet werden. Anders im Bistum Mainz: Wenn möglich, fordere man das Geld von den Tätern zurück, ansonsten seien bislang "freie Mittel" des Bistums verwendet worden, wozu auch "Kirchensteuermittel" zählen.

Uneinheitliches Bild bei Prävention

Ein weiteres heikles Thema: wer hat Täter gedeckt, Taten vertuscht? Schwer tun sich alle drei angeschriebenen Bistümer mit dem Thema Aufarbeitung eigener Fehler. Denn viele Taten sind in der Vergangenheit von Verantwortlichen der Kirche immer wieder gedeckt worden. Inzwischen haben erste Bistümer in Deutschland angefangen, diese Verantwortlichen zu benennen - auch wenn es sich dabei um in der Vergangenheit hochangesehene Personen wie ehemalige Bischöfe handelt. Sind auch die Bistümer Mainz, Limburg und Fulda bereit, Namen zu nennen? Zumindest gegenüber Betroffenen? Oder gegenüber den Ermittlungsbehörden?

Aus Fulda heißt es dazu: "Diejenigen, die vor 2002 Verantwortung getragen haben, sind verstorben. Seitdem hat sich der Umgang geändert." Und das Bistum Mainz antwortet: "Diese Fragen werden im Zuge der Gespräche zur Aufarbeitung jetzt angegangen“. Für Kirchenrechtler Thomas Schüller ist das keine Überraschung: "Das ist ein heikler Punkt, weil man ja den Bischöfen, die vor einem im Amt waren, und den Verantwortlichen nachweisen kann und sagen muss, dass sie strukturell als Institution und als Person versagt haben. Diesen Weg zu gehen, fällt den hessischen Bischöfen noch schwer, genauso wie in Mainz mit den legendären Kardinälen Volk und Lehmann, die über einen langen Zeitraum hier Verantwortung getragen haben".

Externe an Aufarbeitung beteiligen

Matthias Katsch von der Opferinitiative "Eckiger Tisch" hält es deshalb für dringend notwendig, externe Personen und Institutionen in diese Aufarbeitung einzubinden. Denn es sei nicht zumutbar und nicht zu erwarten, dass Mitarbeitende, die selbst mit Vorgesetzten in der Vergangenheit zusammengearbeitet oder diese bewundert haben, auf einmal akribisch Fehler und Versäumnisse analysieren, herausfinden und benennen sollen. Katsch sieht jetzt vor allem die Staatsanwaltschaften am Zug.

Und tatsächlich haben sich die Bistümer Mainz und Limburg inzwischen auf ein Verfahren verständigt, dass es Staatsanwaltschaften ermöglichen soll, im Bedarfsfall Einblick in interne Kirchenakten zu bekommen. Ein "erster Schritt", so die Meinung von Opfer-Vertreter Matthias Katsch. Aber egal ob Aufarbeitung der Vergangenheit, Prävention oder Umgang mit den Opfern – fest steht: Im Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch steht den Bistümern noch viel Arbeit bevor.

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