Blut auf einer Straße in Stockholm

Schweden muss das idyllischste Land der Erde sein. Das suggerieren zumindest die beliebten Kinderbücher von Astrid Lindgren. In der Realität hat das skandinavische Land ein immer größer werdendes Problem mit Gangs.

Die schwedische Sprache kann Dinge verharmlosen. Fast 200 Fälle von "allmänfarlig ödeläggelse" sind in der Polzeistatistik für dieses Jahr registriert, davon mehr als 100 "genom sprängning". Genau 187 Mal hat es also schwere  und gefährliche "Verwüstungen" gegeben, mehr als 100 Mal sind dabei Handgranaten oder selbstgebastelte Sprengsätze hochgegangen. Keine Toten, zu Glück, aber das Land ist buchstäblich erschüttert und die Polizei ist es auch.

Ihr Chef Anders Thornberg hat jetzt öffentlich Stellung genommen und zugeben müssen, dass seine Leute die Lage nicht unter Kontrolle haben. "Seit kurzem gibt es hier immer mehr Sprengstoffanschläge. International sehen wir keine vergleichbare Entwicklung. Das ist eine enorme Herausforderung für uns. Trotz offensiver Polizeiarbeit, die dazu beigetragen hat, dass Untersuchungsgefängnisse und Haftanstalten voll sind, nimmt diese Art von Gewalt kein Ende", so seine Einschätzung.

Nicht nur ein Großstadtproblem

Die Gewalt kommt vor allem aus dem Gangmilieu, meist geht es um Streit zwischen rivalisierenden Banden und um Drogen. Vor allem, aber nicht nur in den Ballungsräumen Göteborg, Stockholm oder Malmö. "Es ist kein Großstadtproblem mehr, sondern ein Phänomen, das sich auch auf kleinere Städte ausgeweitet hat. Alles deutet darauf hin, dass wir es mit einem neuen Trend zu tun haben. Sprengstoffanschläge werden eingesetzt, um andere zu erpressen, um Rache zu üben oder zu drohen, und zwar von deutlich mehr Tätern als früher", sagt Linda Staaf von der Nationalen Operativen Einheit der Polizei (NOA).

Die Polizei fordert von der Politik erweiterte Kompetenzen etwa beim Abhören von Handys und sie will verstärkt mit dem Geheimdienst und Sprengstoffexperten der Armee zusammenarbeiten. Während die Leute beinahe täglich von neuen Anschlägen, Verletzten und zerstörten Autos oder beschädigten Gebäuden hören. Die einen reagieren schwedisch ruhig, andere fühlen sich einfach nicht mehr sicher. Viele haben inzwischen das Vertrauen in die rot-grüne Minderheitsregierung und in die bürgerliche Opposition verloren, in die etablierten Parteien also.

Schwedendemokraten profitieren

Die Bombenserie ist auch politischer Sprengstoff, sie nützt einzig den rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Die liegen inzwischen in Umfragen bei etwa 23 Prozent und damit als zweitstärkste Kraft nur noch knapp hinter den Sozialdemokraten. Ober-Schwedendemokrat Jimmy Åkesson sieht sich sogar schon als kommender Regierungschef.

"Wir wollen am härtesten gegen diese Art von Kriminalität vorgehen. Und wir nennen die Ursachen beim Namen: Missglückte Integration und verantwortungslose Einwanderungspolitik. Das trauen sich die anderen Parteien nicht", sagt er. Åkesson ist bereit für das Regierungsamt, hat er kürzlich in einem Interview gesagt. Und fast ein Viertel aller Schweden ist inzwischen offenbar auch bereit für ihn.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.11.2019, 12-15 Uhr

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