Der Amazonas-Regenwald in Brasilien brennt

Holzfäller, Goldgräber und Viehzüchter machen dem brasilianischen Regenwald zu schaffen. Und jetzt kommt auch noch die Dürresaison.

Dichter, grüner Urwald säumt die Ufer des Tapajós im brasilianischen Bundesstaat Pará, einem der letzten unberührten Zuflüsse des Amazonas. Kazike Juarez Munduruku und seine Mistreiter steuern den motorbetriebenen Holzkahn sicher durch die starke Strömung, es ist Regenzeit. Trotzdem fahren sie Patrouille, kontrollieren ihr Schutzgebiet, auf der Suche nach illegalen Goldgräbern. "Sie verschmutzen unser Wasser. Wir können es meist nicht mehr trinken. Oben schwimmt Öl und unten setzt sich Quecksilber ab, das sie benutzen. Über die Fische nehmen wir es auf und werden krank", klagt Munduruku.

Auf der rechten Seite taucht ein Floß auf. Munduruku notiert den Standort, mehr kann er nicht tun, obwohl das hier sein Territorium ist, Schutzgebiet der Munduruku. Illegale Eindringlinge attackieren es immer häufiger: Holzfäller schlagen tiefe Schneisen in den Wald, Goldgräber durchwühlen den Boden, lassen toxische Tümpel zurück. "In diesem Jahr haben wir unsere Kontrollen verstärkt. Denn wir sehen, dass es mehr Invasoren gibt. Die bedrohen uns, weil in der Pandemie anstelle der staatlichen Umweltpolizei jetzt wir die Kontrollen übernehmen müssen. Auch wenn das lebensgefährlich ist", sagt er.

Unter Bolsonaro wird sich nichts ändern

Seit Wochen kommt es zu Angriffen auf die Wächter des Waldes. Nicht nur bei den Munduruku, auch im Reservat der Yanomami an der Grenze zu Venezuela. Doch die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro denkt gar nicht daran, die indigenen Gebiete zu schützen: Schließlich gehören Goldgräber, Holzfäller, Viehzüchter, Landspekulanten zu ihren treuesten Wählern. Schutzgebiete für die wirtschaftliche Ausbeutung zu öffnen, war ein Wahlversprechen. 

Im April vergangenen Jahres sagte Bolsonaros Umweltminister Ricardo Salles bei einer Kabinettssitzung, man solle die Ablenkung durch die Corona-Pandemie nutzen, um Umweltauflagen zu schwächen. Nun musste Salles den Posten räumen - er soll selbst in illegalen Holzschmuggel verwickelt sein. Ändern wird sich nach Salles‘ Rücktritt aber wohl nichts.

"Salles hat immer Bolsonaros Politik umgesetzt: die der Zerstörung der Wälder", sagt Marcio Astrini, Direktor des Klimaobservatoriums. Kontrollen wurden reduziert, Behörden ausgehöhlt, Strafen und Bußgelder auf Eis gelegt. Gleichzeitig stiegen die illegalen Abholzungen. Im Dezember 2020 wurde der höchste Stand seit zwölf Jahren gemeldet, 2021 könnte es noch schlimmer werden.

Der Kipppunkt ist nah

"Amazonien wird allein gelassen, es ist eine Art Vergnügungspark für Kriminelle. Die haben dort freies Feld" so Astrini. Und jetzt stehe auch noch die Dürrezeit ins Haus. All das lasse fürchten, dass es wieder eine verheerende Waldbrand-Saison geben wird. "Und das ist dramatisch, denn wir sind jetzt schon nah an einem Kipp-Punkt. Studien sagen, dass rund 20 Prozent des Regenwaldes bereits zerstört sind, der Kollaps des Ökosystems kann jeden Moment beginnen", erklärt Astrini.

Wissenschaftler warnen seit Jahren vor einem Point-of-No-Return, wenn zwischen 20 bis 25 Prozent des Regenwaldes zerstört sind. Ab diesem Punkt wird das Ökosystem derart gestört, dass der Amazonas-Regenwald seine Funktion als Lunge und Klimaanlage der Erde verliert und sich langfristig in eine Steppe verwandelt – mit dramatischen Folgen für das globale Klima.

Wächter unter Beschuss

Ausgerechnet die, die den Wald schützen, stehen zunehmend unter Beschuss. In den letzten Wochen haben die Angriffe auf das Territorium der Munduruku zugenommen. Eindringlinge brannten das Haus der Anführerin Maria Leusa nieder, mehr als 30 weitere erhielten Todesdrohungen und halten sich derzeit in einem anonymen Versteck auf. Dabei haben sie keine andere Wahl, als weiter zu kämpfen, sagte Paca Munduruku auf der Patrouille noch vor wenigen Wochen: "Würden wir komplett aufhören zu patrouillieren und auf den Staat vertrauen, verlieren wir bald unser ganzes Land an die Kriminellen."

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