Barrio Principe, ärmliches Stadtviertel in Ceuta
Barrio Principe, ärmliches Stadtviertel in Ceuta Bild © hr

Wie ist das Leben in Ceuta? Unsere Korrespondenten waren zu Besuch in der spanischen Exklave in Nordafrika, die vor allem aus den Nachrichten bekannt ist. Am Donnerstag haben Hunderte Migranten den sechs Meter hohen Grenzzaun überwunden.

Mit seinen rund 85.000 Einwohnern könnte Ceuta eine ganz normale spanische Stadt sein – ist aber doch alles andere als "normal". Schließlich ist Ceuta seit dem Ende des 17. Jahrhunderts ein Stück  Spanien auf afrikanischem Boden – vor den Toren Marokkos. Heute bedeutet das: Die mittlerweile doppelt umzäunte "Exklave“ an der Mittelmeerküste ist ein Stück EU auf dem Nachbarkontinent. Immer wieder ist Ceuta Schauplatz von Flüchtlingsdramen, wenn Menschen versuchen, über die massiven Zaunanlagen buchstäblich nach Europa zu klettern. Aber Ceuta ist auch ein Ort für Grenzgänger, Händler, Schmuggler – und auch für radikale Islamisten.

"Das ist ein Realitäts-Check“, erklärt Jens Borchers, Korrespondent für Nord- und Westafrika mit Sitz im marokkanischen Rabat. "Hier treffen Themen und Welten aufeinander, die in Europa und Afrika ganz unterschiedlich gesehen werden.“

Recherche zwischen den Welten

Ceuta ist wie ein Kristallisationspunkt für all die Themen, die Europa und auch Nordafrika momentan ganz besonders beschäftigen: Flucht, Migration, Integration, Entwicklung, aber auch die Gefahr des Terrorismus. Um dieses doch ziemlich schräge, bisweilen absurd anmutende und völkerrechtlich nicht eindeutige politische Konstrukt am Südrand Europas zu verstehen, ist Jens Borchers aus Rabat nach Ceuta gereist.  Kollege Marc Dugge, Korrespondent in Madrid, kam vom spanischen Festland dazu. Die gemeinsame Idee: Wie könnte man sich den Geschichten am Grenzzaun besser nähern als im wahrsten Sinne von beiden Seiten?

"Ich habe immer wieder gestaunt über dieses unglaubliche Wohlstandsgefälle, das sich gerade an den Grenzen kristallisiert", sagt Marc Dugge.  Und Jens Borchers ergänzt, für ihn sei "einer der interessantesten Punkte: Gibt es eigentlich zwischen Spanien und Marokko, das ja das Spanischsein dieser Enklave nicht anerkennt,  irgendeine Form von Zusammenarbeit?“

Legal und illegal

Zusammenarbeit im offiziellen Sinne gibt es nicht - vielmehr haben sich die Menschen in diesem Konstrukt auf beiden Seiten der Grenzanlagen ihre Nischen  geschaffen – und nutzen die Verhältnisse: die einen legal, die anderen illegal. Genau darüber haben Jens Borchers und Marc Dugge recherchiert.

Handel ist so ein Thema – und dazu gehört neben dem Schmuggel auch der "kleine Grenzverkehr“: Mit einem Tagespass kommen so genannte "Maultierfrauen“ aus der marokkanischen Grenzstadt Fnideq nach Ceuta, kaufen dort billig Waren ein,  schleppen sie zentnerweise zu Fuß über die Grenze nach Fnideq: Dort kümmern sich Händler um den Weiterverkauf in Marokko – und in anderen afrikanischen Ländern. 

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Die Frauen kommen legal durch das "Nadelöhr“, den einzigen offenen Grenzübergang namens "Tarrajal“. Es gibt aber auch eine Menge illegaler Grenzübertritte – erst Ende Juni haben wieder 400 Migranten versucht, die mit Nato-Draht gesicherte Grenzanlage zu stürmen.

Mehr Migranten und Flüchtlinge

166 Prozent mehr ankommende Migranten und Flüchtlinge verzeichnet Spanien im Vergleich der Junimonate 2018 und 2017 – das sind die Zahlen der europäischen Grenzschutzagentur Frontex und der UN-Organisation für Migration IOM. Im ersten Halbjahr sind fast 19 000 Menschen nach Spanien übers Meer gelangt, etwa 2900 kamen auf dem Landweg, über die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika.

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Insgesamt kamen doppelt so viele Menschen nach Spanien wie 2017; Experten glauben, dieser Trend wird anhalten. Das könnte auch an den politischen Mechanismen liegen, meint Jens Borchers: "Migration, das ist eine politische Währung, damit kann man handeln, damit kann man auf die EU Druck ausüben – das hat die marokkanische Regierung verstanden.“

Ein Stück Marokko in Ceuta ist das ärmliche Stadtviertel Principe - in ganz Spanien berühmt und berüchtigt. Manche Zeitungen schreiben von einer "No-go-Area“, in die sich die Polizei nur mit Verstärkung hineinwagt. Aber Marc Dugge und Jens Borchers haben es mit guten Kontakten dorthin geschafft und erfahren, dass es in Principe tatsächlich dubiose Imame gibt, außerdem mehrere junge Männer, die im Principe radikalisiert wurden und für den IS nach Syrien gegangen sind. Zwar gebe es viele Menschen, die sich für ein gutes Zusammenleben einsetzten, etwa im Nachbarschaftsverein.

Mohamed Madani und Abdelkamil Mohamed vom Nachbarschaftsverein
Mohamed Madani und Abdelkamil Mohamed vom Nachbarschaftsverein Bild © hr

Wahre Integration sehe aber anders aus, so Marc Dugge: "Man merkt, dass es eigentlich zwei Ceutas gibt, das christliche und das muslimische. Die marokkanischen Ceutis fühlen sich als Spanier, aber auf der anderen Seite merkt man schon, dass sie sich benachteiligt fühlen. Sie sagen: Das ganze Geld aus EU-Fördertöpfen kommt bei uns im Viertel gar nicht an.“

Noch viele offene Fragen

Am Ende der Recherchen haben die beiden Korrespondenten viele Antworten bekommen – dafür aber stellen sie sich noch mehr Fragen: Warum gibt es kein Wirtschaftskonzept für diese Region? Wie müsste das aussehen? Und: Wäre nicht ein Regionalrat eine gute Lösung für die politische Zusammenarbeit? Bräuchte es nicht endlich Regeln, um Wohlstand und auch Sicherheit für beiden Seiten der Grenze für alle zu gewährleisten? Jens Borchers erklärt sich das so: "Weil beide Seiten wie trotzige Kinder darauf beharren, Cueta muss spanisch beziehungsweise marrokanisch sein, kommt es zu keiner offiziellen Kooperation. Deswegen ist diese Region für mich ein Symbol des Politikversagens."

Sendung: hr-iNFO Politik, 26.07.18, 20:35 Uhr

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