Vor exakt fünf Jahren stürmten Attentäter die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Wir schauen darauf, wie es der Zeitschrift und den Überlebenden des Anschlags heute geht.

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"Wir haben den Propheten Mohammed gerächt", schrien die Attentäter während sie auf die Straße stürmten und flüchteten. Kurz zuvor hatten die beiden islamistischen Terroristen die halbe Redaktion der Satire-Zeitung Charlie Hebdo ausgelöscht. Sie erschossen den Redaktionsleiter Charb und andere, in Frankreich berühmte Zeichner wie Wolinski, Cabu oder Honoré starben. Der heutige Redaktionsleiter Riss, alias Laurent Sourisseau, überlebte das Attentat schwer verletzt.

 "Nichts mehr gesehen, aber alles gehört"

"Ein Mann, eine Art schwarze Silhouette betrat den Raum. Er hatte eine schusssichere Weste an, hatte eine Waffe. Ich habe kurz gezögert und habe mich dann auf den Boden geworfen. Ich habe geahnt, was passieren würde: Unsere Stunde ist gekommen, wir werden alle sterben. Dann habe ich nichts mehr gesehen, aber alles gehört", erzählt Riss im Interview mit dem französischen Fernsehsender France 3.

Eine Minute und 49 Sekunden, so heißt sein Buch, in dem er das Attentat und den Tod seiner Freunde verarbeitet. Eine Minute und 49 Sekunden, so lange dauerte die Schießerei in den Redaktionsräumen. "Ich wusste genau, dass mich eine Kugel treffen wird, nur wann, das wusste ich nicht. Und dann hatte ich das Gefühl von Kugeln durchsiebt zu sein. Dabei war es nur eine einzige Kugel." Die zerfetzte ihm die Schulter.

Große Welle der Solidarität

Immer wieder erzählt Riss, habe er Schmerzen in der Schulter, manchmal hindern sie ihn auch am Zeichnen. Davon abbringen aber lässt er sich nicht. Nach dem Blutbad in der Redaktion ging der Slogan "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) um die Welt, wurde millionenfach über die sozialen Netzwerke geteilt. Frankreich stand unter Schock. Die Großfahndung nach den Attentätern dauerte drei Tage. Ein weiterer Attentäter nahm Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Am Ende wurden alle drei Täter erschossen.

"Charlie Vit et vivra" (Charlie lebt und wird immer leben), sagte der damalige französische Präsident Francois Hollande kurz nach dem Attentat. Am 11. Januar gingen allein in Paris 1,5 Millionen Menschen bei einem großen Trauermarsch auf die Straßen, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und mehr als 50 führende ausländische Politiker. Die Satire-Zeitung, die vor dem Attentat massive finanzielle Probleme hatte, erfuhr eine Welle der Solidarität. Millionen gingen an Spenden ein, die erste Ausgabe nach dem Attentat kauften rund sieben Millionen Menschen.

Das Lachen kommt zurück

Das Titelbild, das den weinenden Propheten Mohammed zeigte, mit einem Schild "Je suis Charlie" in den Händen, zeichnete Luz, alias Renald Luzier. Er überlebte das Attentat, weil er, wie seine Kollegin Catherine Meurisse zu spät zur Redaktionssitzung kam. Beide haben die Zeitung heute verlassen. "Das Leben der Zeitung ist mir völlig fremd geworden. Ich habe ein neues Kapitel aufgeschlagen. Will nicht mehr wissen, was dort passiert. Ich bin sicher, die Kollegen verstehen das."

Das Zeichnen wollte Catherine Meurisse nach dem Attentat komplett aufgeben, das Zeichnen aber, erzählt sie, habe sie aus ihren dunklen Gedanken gerettet. Fünf Jahre nach dem Attentat hat sie ihre Energie wieder gefunden und kann wieder mit Freude an ihre toten Kollegen und Freunde zurückdenken. "In meinen Kopf sind sie alle da. Natürlich ist auch die Trauer in einer Ecke, aber ich kann wieder lachen, wenn ich an sie denke. Und ich glaube, es würde ihnen gefallen, dass ich herzlich lache, wenn ich an unsere gemeinsame Zeit denke."

Teure Schutzmaßnahmen

Meurisse ist froh, die Redaktion verlassen zu haben. Unter anderem der ständige Polizeischutz, unter dem Redaktionsleiter Riss und einige andere Zeichner der Zeitung noch immer stehen, habe sie zermürbt. Fünf Jahre nach dem Anschlag werden die Räume der Redaktion immer noch bewacht. Mehr als eine Million Euro pro Jahr kosten die Schutzmaßnahmen. Viel Geld für die Zeitung, deren Auflage wieder deutlich zurückgegangen ist.

Für Redaktionsleiter Riss bedeutet der Polizeischutz aber auch die Freiheit, seinen Beruf als Zeichner weiter ausleben und so weiter für die Meinungsfreiheit kämpfen zu können. "Ich habe das Gefühl, dass wir langsam den Geist von vor 2015 wiedergefunden haben. Damals war es ähnlich, wenn wir bei Veranstaltungen waren. Die Verbindung mit unseren Lesern ist noch da. Sie ermutigen uns, weiterzumachen, kritisch zu sein. Uns von nichts abbringen zu lassen. Das war früher auch so."

Die Botschaft der Redaktion

Zum ersten Mal seit den Attentaten nahm ein Großteil der Redaktion im November 2019 an einer öffentlichen Veranstaltung in Straßburg teil. Auch am Abend des Jahrestages soll es bei Radio France eine öffentliche Diskussionsrunde geben. Charlie lebt. Das ist die Botschaft der Redaktion, eine Botschaft, die 5 Jahre nach dem Attentat, im Jahr des 50. Geburtstags der Zeitung und in dem Jahr, in dem der Prozess gegen die Komplizen der Attentäter beginnt, besonders viel Gewicht hat.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 07.01.2020, 6-9 Uhr

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