Spaziergänger unter blühenden Kirschbäumen

Der Jahreswechsel ist die Zeit, in der viele Altes hinter sich lassen und Neues beginnen wollen. Aber wie gelingt das am besten? Und kann uns die Corona-Pandemie dabei vielleicht sogar helfen? Ein Gespräch mit dem Philosophen Christoph Quarch.

hr-iNFO: Wie wichtig ist es eigentlich, etwas komplett abzuschließen - ohne Wenn und Aber?

Quarch: Ich glaube, das ist sehr wichtig für uns Menschen, dass wir tatsächlich auch solche Schnitte machen können, weil sie uns wieder den Kopf freimachen für Neues, das beginnen kann. Einfaches Beispiel: Ich selber habe mich eine ganze Weile - man glaubt es ja kaum bei Philosophen – als aktiver Fußballspieler betätigt. Und ich weiß, wenn wir ein Spiel gehabt haben, das wir verloren haben, war es total wichtig, dass das Spiel vorbei ist.

Christoph Quarch

Man kann gleich danach wieder den Blick nach vorne richten und sagen 'okay, der nächste Spieltag kommt', und ich glaube, bei vielen Dingen des Lebens ist es so. Ich stell das auch fest, wenn ich ein Buch schreibe, heute in meiner Tätigkeit als Philosoph: Etwas ist abgeschlossen, man macht den Strich drunter, es ist gut, man kann es dann auch loslassen, man kann es freigeben. Und in dem Moment, in dem ich das Alte freigebe, ist der Raum da, damit Neues geboren werden kann.

Pandemie macht Schlechtes sichtbarer

hr-iNFO: Durch Covid gerät ja bei uns im Moment viel ins Wanken. Es ist eine Zeit, die sehr bewegt ist, innerlich und äußerlich. Ist das jetzt eine Chance, auch alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen?

Quarch: Unbedingt. Ich glaube, wenn es überhaupt einen erkennbaren Sinn in dieser Pandemie gibt, dann ist er der, dass wir tatsächlich den Blick frei bekommen für eine Zukunft, die uns frei macht von dem, was in der Vergangenheit nicht gut war. Wenn wir ehrlich sind, funktioniert ja diese Pandemie in vielerlei Hinsicht wie ein Brennglas, das uns manches von dem, was schlecht gelaufen ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten, deutlicher sichtbar macht, sodass wir uns auch besser dazu verhalten können.

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„Viele Menschen haben jetzt in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, dass sie auch anders leben können als sie immer glaubten.“ Christoph Quarch Christoph Quarch
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Und ich glaube, viele Menschen haben jetzt in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, dass sie auch anders leben können als sie immer glaubten, dass bestimmte Konventionen und Routinen eben doch nicht so wichtig waren wie wir immer geglaubt haben. Das heißt, ich denke gerade auch jetzt in der Zeit des Jahreswechsels ist es ganz wichtig, dass wir das Alte dann auch wirklich zurücklassen können, dass wir frei werden für den Aufbruch ins Neue, dass wir diese Transformation, die die Gesellschaft so dringend braucht, alle miteinander tragen. Und das beginnt halt im Herzen und im Kopf eines jeden Einzelnen.

Nicht entschieden, wohin die Reise geht

hr-iNFO: Die Krise ruft ja jeden von uns zu mehr Achtsamkeit auf: Abstand halten, Maske tragen, Händewaschen ... Glauben Sie, dass uns diese Haltung auch mehr in die Gegenwart, mehr in den Augenblick bringt?

Quarch: Ich bin mir nicht sicher, ich weiß es nicht. Ich beobachte eine doppelte Tendenz im Augenblick in unserer Gesellschaft. Es gibt eine gewisse Tendenz, die dazu führt, dass man sich noch tiefer in eine gewisse Trance oder so eine Mehltau-Mentalität hineinflüchtet, die ich auch schon in den letzten Jahren beobachtet habe. Das heißt so die Flucht in das eigene Ich, in die eigene Selbstbezüglichkeit. Das wäre nun nach meinem Dafürhalten nicht die Weise, wie wir diese Kurve, diese Pandemie-Zeit, auf eine sinnvolle Weise nutzen können.

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Himmel und Erde: Kein Zurück

Die Corona-Pandemie hat die Art, wie wir leben und arbeiten, auf den Kopf gestellt. Sicher ist nur: Es gibt kein Zurück mehr.
Woher also die Kraft nehmen, um entschieden nach vorne zu gehen - privat und beruflich? Darum geht es in der Sendung "Himmel und Erde" am 1.1.2021 um 6:35 Uhr. Im Anschluss finden Sie die Sendung hier als Podcast.

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Ich sehe aber auch, dass tatsächlich Menschen wiederum stärker achtgeben auf sich, aber auch auf die anderen, dass es ein neues Aufkeimen von Solidarität gibt. Für mich ist im Augenblick nicht entschieden, in welche Richtung die Reise gehen wird. Meine Hoffnung gerade auch zum Beginn des neuen Jahres ist natürlich, dass wir wieder einen stärkeren Gemeinsinn füreinander und miteinander entwickeln, dass wir ein stärkeres Gefühl für die Wichtigkeit und die Bedeutung der natürlichen Umwelt entwickeln, die uns umgibt. Dass also tatsächlich diese Pandemie-Zeit eine Zeit der Nacht ist, auf die ein neuer Tag eines menschlicheren und humaneren Lebens folgt.

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Das Gespräch führte Klaus Hofmeister, hr-iNFO Kirchenredaktion.

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