Commerzbank-Schild an einer Filiale in Frankfurt
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Outsourcing: Diese Wunderwaffe zücken Banker gerne, um ihre Kosten zu senken. Denn wer Aufgaben in Billiglohnländern erledigen lässt, der spart – so die Theorie. Die Commerzbank dagegen dürfte damit gerade ziemlich viel Geld verbrannt haben.

Die Commerzbank sieht sich als Technologieunternehmen und wollte zugleich lange eine Reihe von IT-Aufgaben durch Dritte erledigen lassen. Das müsse kein Widerspruch sein, betonte Commerzbank-Chef Martin Zielke noch Anfang des Jahres bei der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt. Dort lobte er die Vorzüge des Outsourcings in höchsten Tönen: "Weil Sie gerade in einem digitalen Technologieunternehmen entscheiden müssen, welches sind die Kernkompetenzen, die Sie haben, welche Teile machen Sie selbst und wo haben Sie einen Vorteil in Kosten, Professionalität, Geschwindigkeit, wenn Sie Teile ihrer Wertschöpfungskette woanders hingeben."

Es ging dabei also auch ums Geldsparen. Zu diesem Zweck hat die Bank vor zehn Jahren eine separate Tochter gegründet: die Commerz Systems mit mehreren Standorten im In- und Ausland - eine Vorstufe des Outsourcings. In diese Tochter sollten zunächst bankeigene Mitarbeiter ausgelagert werden. Die wiederum sollten die IT-Abteilung managen und Aufgaben an externe, günstige Arbeitskräfte in Polen und zuletzt sogar Indien delegieren. Die sollten am Ende die Software der Bank weiterentwickeln und betreuen.

Massiver Druck auf die Mitarbeiter

Ein gigantisches Projekt, das die Bank mit sehr viel Nachdruck vorangetrieben hat, berichtet ein Commerzbank-Mitarbeiter aus der IT-Abteilung, der anonym bleiben möchte: "Es wurde massiv Druck ausgeübt auf die Mitarbeiter, in die Tochtergesellschaft zu wechseln. Es gebe keine Alternative dazu. Das wollten viele Kollegen nicht, aus Angst, was mit ihnen passiert, dass sie am Ende womöglich auf der Straße stehen." Der Mitarbeiter konnte wie andere im Mutterkonzern bleiben, aber nur, weil er einem Altersteilzeitmodell zugestimmt hat, und dafür, wenn er in Rente geht, Abschläge in Kauf nehmen muss. Andere hätten die Bank gleich ganz verlassen, berichtet er.

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Outsourcing bei Banken ist out

Die Commerzbank ist kein Einzelfall. Auch die Schweizer Großbank UBS will wieder weniger Produkte von der Stange "made in India" und mehr Exklusives vom eigenen Personal, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Auch die Deutsche Bank hatte zeitweise an 45 IT-Systemen parallel gearbeitet. Mittlerweile kümmert sie sich größtenteils wieder selbst.

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Die Banktochter ist inzwischen massiv gewachsen: rund 1.000 Mitarbeiter arbeiten dort. Und in den nächsten Jahren sollten es ursprünglich doppelt so viele werden. Auf halber Strecke heißt es nun aber: Kommando zurück! Die Tochter werde in rund zwei Monaten wieder in den Konzern integriert. Das erfuhr der Commerzbank-Mitarbeiter vor kurzem in einer Telefonkonferenz. "Wir waren einfach nur sprachlos und fassungslos, wie diese ganze Planung einfach so über den Haufen geworfen wurde", sagt er.

Neue Strategie oder Kehrtwende?

Auf Nachfrage von hr-iNFO bestätigt die Bank die Kehrtwende und verkauft sie als Neuerung im Sinne der konzerneigenen Strategie. Auch verbal ist das eine Rolle rückwärts: "Die Commerzbank verfolgt das Ziel, ein Technologieunternehmen zu werden. Das heißt, die IT durchdringt sämtliche Bereiche und wird Kern der Bank. Aus strategischer Sicht ist daher die Integration der Commerz Systems in den Konzern zielführender als eine separate IT-Tochter." Nur so könne man erreichen, heißt es weiter, dass Bankfachleute und IT-Mitarbeiter enger zusammenarbeiten. Viele von ihnen sehen darin ein Versagen des Managements. Im bankeigenen Intranet regen sie sich massiv auf. hr-iNFO liegen etliche kritische Kommentare vor:

 "Faszinierend, wie die Korrektur von Fehlentscheidungen der nahen Vergangenheit als strategische Weiterentwicklung verkauft wird.“

„Leider scheint die aktuelle Strategie zu sein, keine Strategie zu haben.“

„Das einzige erfolgreiche an dem Thema ist das Verbrennen von Geld.“

„Mein Vertrauen ist erschüttert."

Wie viel das Ganze gekostet hat, dazu hält sich die Commerzbank-Pressestelle bedeckt. Auch was mit den betroffenen Mitarbeitern passieren wird, ist noch unklar. Nur so viel: Was die Altersteilzeitregelungen angehe, hätten alle bereits abgeschlossenen Verträge weiterhin Bestand. Die betroffenen Mitarbeiter können sie trotz des Hin und Hers also nicht rückgängig machen.

Sendung: hr-iNFO, 23.8.18, 06:10 Uhr

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