Ein Schüler blickt auf ein Tablet

Obwohl Bund und Land 50 Millionen Euro für Tablets und Co. bereitgestellt haben und Zehntausende Geräte bereits bestellt wurden, sind sie noch kaum im Einsatz. Und auch die flächendeckende Internetversorgung in den Klassenzimmern ist auf absehbare Zeit nicht gegeben, wie eine Datenauswertung von hr-iNFO zeigt.

Eine Million einfache Mund-Nase-Schutzmasken, eine Million FFP2-Masken, 17.000 Liter Desinfektionsmittel: Das alles steht in den hessischen Schulen bereit, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen und Unterricht dennoch möglich zu machen. Vor knapp drei Wochen haben die Schulen in Hessen wieder begonnen, doch einige mussten wegen Corona-Infektionen bereits wieder schließen. 

Deshalb wird längst wieder darüber diskutiert, ob die Schulen beziehungsweise die Schüler*innen in Hessen gut genug ausgestattet wären für eine Mischung aus Präsens- und Online-Unterricht. Immerhin: Die 21 Landkreise und fünf kreisfreien Städten in Hessen haben 50 Millionen Euro von Bund und Land bekommen. Als Sofort-Maßnahmenpaket für den Geräte-Einkauf und technischen Support. Recherchen von hr-iNFO haben ergeben: Bislang wurden mindestens 58.500 Tablets und Notebooks bestellt. Ausgeliefert wurde davon bisher allerdings nur jedes fünfte Gerät.

Investitionsbedarf erkannt

Vor allem Kinder und Jugendliche, deren Familien sich keine oder nicht ausreichend Tablets oder Notebooks leisten können, wären darauf dringend angewiesen. "Ich denke, digitale Teilhabe ist die entscheidende Zukunftsfrage. Und die große Gefahr der Digitalisierung ist, dass diejenigen abgehängt werden, die sich Endgeräte nicht oder nicht in der notwendigen Qualität leisten können", sagt Marian Zachow. Er sitzt im Kreisverband der CDU in Marburg-Biedenkopf. Als Dezernent ist er unter anderem für Bildung, Schulen und Gebäudemanagement zuständig. "Und es darf nicht sein, dass die Digitalisierung neue Bildungsungerechtigkeit und neue Bildungsungleichheiten schafft."   

Auch Bund und Länder haben den Investitionsbedarf erkannt. Von den zusätzlichen 500 Millionen Euro des Bundes zur sofortigen Ausstattung der Schulen mit mobilen Endgeräten entfallen auf Hessen 37 Millionen Euro, die das Land aus Eigenmitteln um 13 Millionen Euro aufstocken wird. Macht zusammen 50 Millionen Euro für die  Anschaffung digitaler Endgeräte in Hessen oder für technische Supportmaßnahmen für die Schulen. "Die ersten Tablets und Notebooks sind bereits verteilt, und weitere werden zügig folgen", sagt Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

Gerätebestand offenbar fast verdoppelt 

Vor der Corona-Pandemie und den ersten Homeschooling-Maßnahmen waren nach Recherchen von hr-iNFO bereits mindestens 60.129 Endgeräte an den rund 1850 hessischen allgemeinbildenden Schulen im Einsatz. Allerdings konnten nicht alle Landkreise exakt aufschlüsseln, wie viele Geräte speziell für Schüler verfügbar und tatsächlich einsatzbereit sind. 

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Bei 632.000 Schüler*innen an den allgemeinbildenden Schulen in Hessen kann man aber nun davon ausgehen, dass mit annähernd 125.000 Endgeräten der gröbste Bedarf gedeckt sei - insofern die Geräte nun auch geliefert und schnell einsatzbereit gemacht werden.

Viele Kreise monieren allerdings, dass aufgrund der späten Zustellung des Förderbescheids und wegen nun massenhaft erfolgter Bestellungen eine Lieferung der Geräte erst im September, Oktober oder gar bis Ende November erfolgen kann. Anschließend müssen die Geräte in den Bestand aufgenommen und einsatzfähig gemacht werden. 

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"Als vermutlich einer der ersten Landkreise in Deutschland hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf gleich zu Beginn der Pandemie ein Leihprogramm mit schulischen Geräten als eine Art 'Bildungspakt 2.0' gestartet", sagt Marian Zachow. Er hat tatsächlich früher als viele andere hessische Landkreise Tablets für bedürftige Schüler in seinem Kreis bestellt: insgesamt 1500, geliefert und verteilt wurden sie bereits vor den Sommerferien. Die Schüler arbeiten schon damit – zumindest dort, wo das WLAN an den Schulen funktioniert.

Tablets in den Klassenzimmern, aber kein Internet 

"Wir reden über WLAN in jedem Klassenzimmer und stellen fest, dass wir für Wireless ziemlich viel Wire brauchen. Also dass wir die Verkabelung in die Klassenräume leisten müssen, sodass dort eine WLAN-Nutzung stattfinden kann", so Zachow. Das werde auch noch "ein ziemlicher Kraftakt", weil dafür Wände aufgebohrt, Kabel verlegt und entsprechend geplant werden müsse. "Denn selbst an den Schulen, wo es heute schon WLAN gibt, ist die WLAN-Ausstattung meistens so, dass man vielleicht zwei bis drei Geräte gleichzeitig nutzen kann", sagt Zachow. Aber die Qualität sei noch nicht ausreichend, um mit 30 Geräten gleichzeitig etwa komplexe Lernapps zu benutzen.

Fraglich ist also, inwiefern die neuen Geräte in Hessen überhaupt vollumfänglich genutzt werden können. Ohne WLAN keine Tablet- oder Laptop-Nutzung. Zwar verfügen nach Aussage der hessischen Digitalministerin Kristina Sinemus rund 61 Prozent der hessischen Schulen über eine Gigabit-Anbindung, die außerdem bei weiteren 35 Prozent der Schulen in Planung sei.

Die Umfrage von hr-iNFO in den Landkreisen zeigt aber, dass bis zum flächendeckenden Ausbau des WLAN in den Klassenzimmern noch einige Zeit vergehen dürfte. Da stehe man "noch am Anfang", heißt es etwa aus dem Kreis Groß-Gerau. Die Stadt Offenbach spricht von "einiger Zeit", bis die Schulen vollständig mit WLAN ausgestattet sein werden. Die Stadt Kassel beziffert nur sechs von 53 Schulen als "mit Wlan ausgestattet", an der Verkabelung von acht weiteren Schulen werde derzeit gearbeitet.

Bis 2021 sollen dort Breitbandanschlüsse an allen Schulen, bis 2024 auch die WLAN-Infrastruktur an allen Schulen vorhanden sein. Auch Marian Zachow sagt für den Kreis Marburg-Biedenkopf: "Also für die Technik brauchen wir, denke ich, noch bis 2022, bis wir wirklich WLAN in jedem Klassenzimmer haben. Bis wir wirklich überall digital unterrichten - ich glaube, das braucht noch etliche Jahre."

Vereinzelt Fortschritte erkennbar

Kleine Lichtblicke gibt es, immerhin: Im Main-Kinzig-Kreis sei mehr als die Hälfte aller Unterrichtsräume mit WLAN ausgestattet, im Odenwaldkreis sollen letzte Lücken bis Ende 2021 mit Glasfaserleitungen und WLAN geschlossen werden. Frankfurt am Main stattet jährlich rund 35 weitere Schulen mit WLAN aus. 

Immerhin hat Corona den Mangel deutlich gemacht und das Thema Digitalisierung an den Schulen damit eine neue Dringlichkeit bekommen. Die finanziellen Mittel, auf die er jetzt zugreifen könne, sagt Marian Zachow, seien einmalig. Diese Chance müsse jetzt genutzt werden, um die Schulen digital, aber auch inhaltlich fit zu machen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 28.8.2020, 6 bis 9 Uhr

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