Medizinisches Personal arbeitet auf der Intensivstation im Krankenhaus von Cambrai (Frankreich). (REUTERS)

Inzidenz oder doch Krankenhausauslastung - die Debatte um einen neuen Richtwert wird mit Blick auf den Herbst immer lauter geführt. Manche Länder wie Baden-Württemberg haben ihre Strategie schon geändert. Doch wie sieht es eigentlich in den hessischen Krankenhäusern aus? Welche Maßnahmen werden getroffen? Und was sagt die Belegschaft?

"Wir hatten jetzt einen etwas ruhigeren Sommer, es war aber nie kein Covid-Patient da. Und jetzt merkt man, dass die Hospitalisierungsrate so langsam an Fahrt aufnimmt", sagt Maria Vehreschild. Sie ist Chefärztin der Covid-Normalstation am Universitätsklinikum Frankfurt und behandelt dort Patienten, die so krank sind, dass sie nicht mehr zu Hause versorgt werden können, aber noch keine mechanische Atemunterstützung brauchen. Gerade wurde auf ihrer Station eine Stufe höher geschaltet. "In der Praxis bedeutet das, dass der Bereich, der für die Covid-Patienten und -Patientinnen vorgesehen ist, erweitert wurde. Sie müssen bei uns in einem speziell abgesonderten Bereich liegen", so Vehreschild. Dafür gibt es dann weniger Betten für Non-Covid-Patienten.

Nicht dringende Fälle müssen warten, erklärt Nawid Kaladj, der als medizinischer Geschäftsführer verantwortlich ist für den reibungslosen Krankenhaus-Betrieb im Klinikum Darmstadt: "Betten hierfür explizit vorzuhalten, ist nicht nötig, sondern Sie können durch gezielte Steuerung und Einbestellung von Patientinnen hier relativ schnell Kapazitäten und Ressourcen umschichten. Dafür haben wir Pläne. Da bedarf es keines besonderen Vorlaufs, hier können wir innerhalb von 24 Stunden reagieren."

Die Motivation muss hoch bleiben

Auch Personal muss aus anderen Abteilungen wie der Anästhesie oder den OPs abgezogen und in den Covid-Stationen eingesetzt werden, steht dann aber beispielsweise nicht mehr für Operationen zur Verfügung. Nawid Khaladj ist Mitglied des Planungsstabs Covid-19 des hessischen Sozialministeriums - zuständig für Südhessen, eines von 6 hessischen Planungsgebieten - er koordiniert in Darmstadt die stationäre Versorgung mit den Kliniken in der Region. "Personal ist die eigentlich limitierende Größe für die Versorgung, es sind und waren niemals die Beatmungsgeräte oder Intensivbetten. Davon gibt es in Hessen und in Deutschland ausreichend", sagt Khaladj.

Khaladj sieht sein eigenes Klinikum gut aufgestellt, auch wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter "coronamüde" seien und sie mit Sorge auf die Inzidenzen schauen. Die Motivation muss aber hoch bleiben. Maria Vehreschild lässt für ihre Mitarbeitenden Pullis bedrucken, als Dankeschön. "In jeder Runde lernt man wieder etwas dazu und wir sind definitiv besser geworden, was die Infrastruktur angeht, vor allem die Geschwindigkeit, in der wir diese Infrastruktur jeweils anpassen können an die aktuelle Situation", schildert die Medizinerin.

"Wir haben nicht nur theoretische Pläne in der Schublade"

Eingespielt sind nach eineinhalb Jahren Pandemie auch die Bedarfsplanungen in den Krankenhäusern, sagt Steffen Gramminger, geschäftsführender Direktor des hessischen Krankenhausverbandes, in dem 95 Prozent der hessischen Kliniken organisiert sind. Auch in den Sommermonaten habe sich der Krisenstab des Sozialministeriums regelmäßig getroffen und die Lage besprochen: "Wichtig für die Patienten ist: Man muss sich keine Sorgen machen. Wir haben nicht nur theoretische Pläne in der Schublade, sondern haben Pläne, die in der Praxis bewiesen haben, dass sie funktionieren."

Zum Jahreswechsel hatten die Kliniken in Hessen gut 2.000 Corona-Patienten in stationärer Behandlung, davon 500 auf Intensivstationen. Momentan sind es etwa ein Zehntel, rechnet Gramminger vor. "Jetzt gilt es natürlich, wenn die Inzidenz steigt, genau zu beobachten, ob die Erfahrung der anderen Länder in Deutschland genauso ist, dass die Hospitalisierungsrate weiterhin gering bleibt. Dann können wir natürlich viel leichter parallel zu unserem normalen Krankenhausbetrieb auch Covidpatienten behandeln, ohne dass wir dann wieder entsprechend Betten freihalten."

 Sendung: hr-iNFO, Das Thema, 17.08.2021, 6 bis 9 Uhr

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