Mann in weißem Hemd mit dunklen Haaren - sein Kopf ist verschwommen

Die Corona-Pandemie ist vor allem eine psychische Belastung. Wegen der Isolation durch Lockdowns und Social Distancing haben deshalb viele US-Bürgerinnen und -Bürgern Essstörungen entwickelt. Welches Ausmaß die Pandemie auf die menschliche Psyche hat, sei aber noch gar nicht abzusehen, sagen die Expertinnen.

Auch wenn schon rund die Hälfte der US-Bevölkerung geimpft ist, zeigen sich viele der Langzeitfolgen der Corona-Pandemie erst jetzt – vor allem psychische Folgen. Soziale Isolation, unsichere Zukunftsaussichten und wirtschaftliche Sorgen haben bei vielen Menschen zu Ängsten und Depressionen geführt – und zu Essstörungen. Die Anzahl der Menschen mit Essstörungen hat in den USA seit letztem Jahr dramatisch zugenommen.  

Katie Kittredge, eine Schülerin aus Waco, Texas hatte ihre Magersucht aus der Pubertät eigentlich überwunden. Bis im März vergangenen Jahres die Corona-Pandemie ausbrach: "Ich musste wieder jemandem damit beauftragen, zu kontrollieren, ob ich auch jeden Tag esse. Ich bin wieder in das alte Muster zurückgefallen: Ich wollte nicht essen und habe versucht mit Nicht-Essen diese Krise zu bewältigen", berichtete die 18-Jährige im Lokalfernsehen.

Eine Folge der Isolation

Katie ist nur eine von knapp 30 Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern, die mit Essstörungen zu kämpfen haben. Mit Anorexia Nervosa, Bulimie und insbesondere auch mit dem so genannten Binge-Eating, also dem übermäßigen Essen. Seit März 2020 hätten Behandlungsanfragen dramatisch zugenommen, erzählt Johanna Kandel im Skype-Interview. Sie leitet die Alliance for Eating Disorders Awareness, ein Bündnis für das Bewusstsein von Essstörungen. "2020 hatten wir 180.000 Anfragen für Behandlungen. Das ist eine Zunahme von 103 Prozent gegenüber 2019. Und in den ersten 5 Monaten dieses Jahres haben mehr als 8000 Menschen unsere Therapiegruppen besucht, doppelt so viele wie 2020", so Kandel.

Die Gründe dafür seien vielfältig, erklärt Johanna Kandel. Infolge der sozialen Isolation und wirtschaftlichen Sorgen haben sehr viele US-Bürger Angststörungen entwickelt. Das führe häufig zu gestörtem Essverhalten: "Erhöhter Stress, Kontrollverlust, die Bilderflut in den soziale Netzwerken – all das spielt bei Essstörungen eine Rolle. Patienten haben meist erst Ängste, Depressionen oder ein Trauma erfahren, bevor sie Essstörungen entwickeln. Diese Störungen sind  Fehlmechanismen, um Ängste zu bewältigen."

Therapieplätze sind schwer zu bekommen

Bei manchen, erzählt Johanna Kandel, waren es zu Beginn der Pandemie die leeren Supermarktregale, die irrationale Ängste und Fressattacken auslösten. Andere, zum Beispiel Magersüchtige mit geschwächtem Immunsystem, hätten Angst davor, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Betroffen sind nicht nur Mädchen und junge Erwachsene, sondern alle Altersgruppen, alle sozialen Schichten und Hautfarben – auch Männer. "Personen, die sich mit dem männlichen Geschlecht identifizieren, machen 40 Prozent der Essgestörten aus. Darüber wird wenig geredet. Und genau das macht es für Männer schwierig, Hilfe zu suchen und zu erhalten", so Kandel.

Therapieplätze sind im Moment schwer zu bekommen, die Wartelisten sind lang. Und obwohl in den USA immer mehr Menschen geimpft sind und vielerorts so langsam wieder Normalität einkehrt, ist bislang noch keine Besserung in Sicht. "Bislang stellen wir noch keine Veränderung fest. Ganz im Gegenteil: Essstörungen nehmen gerade zu. Ich glaube, das gesamte Trauma zeigt sich bei vielen Menschen erst jetzt", erklärt Kandel. Neben den Folgen für die Wirtschaft werden wohl vor allem die psychischen Auswirkungen der Coronakrise auf den Menschen noch lange spürbar sein.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 02.06.2021, 12 bis 15 Uhr

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