Familie spielt auf dem Boden im Wohnzimmer

Familien werden in der Corona-Krise nicht ausreichend unterstützt, bemängeln Kritiker. Sie fordern eine Verschiebung der Prioritäten: Statt etwa eines Autogipfels bräuchten wir einen Kindergipfel.

Mitte März, als es mit den Corona-Beschränkungen so richtig los ging, da sprach Familienministerin Franziska Giffey eine Mahnung aus. Oder war es ein Versprechen? "Wir haben jetzt gerade eine Ausnahmesituation, wir dürfen die Familien damit nicht alleine lassen."

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Eltern mit kleinem Kind
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Seitdem ist in Bund und Ländern einiges passiert, um vor allem finanzielle Nöte in Familien zu verhindern beziehungsweise zu lindern. Eltern, die nicht arbeiten gehen können, weil sie ihre kleinen Kinder betreuen müssen, haben Anspruch auf Lohnfortzahlung, bekommen sechs Wochen lang 67 Prozent des Nettoeinkommens weitergezahlt.

"Es reicht nicht"

Der Kinderzuschlag für ärmere Familien wurde angepasst, damit auch Anspruch hat, wer normalerweise ohne klarkommt, wegen Corona aber kurzfristig Verdienstausfälle hat. Die Berechnung des Elterngelds wurde geändert, damit es nicht niedriger ausfällt, weil das normale Einkommen wegen Corona einbricht. Kitas und Schulen bieten Notbetreuung an für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten oder alleinerziehend sind.

Es hat sich etwas getan, ja, aber es reicht nicht, kritisieren Eltern und auch so mancher Experte. Viele sind fassungslos, dass mittlerweile Friseure und Fitness-Studios wieder geöffnet haben, aber hunderttausende Kinder noch gar nicht wieder in der Schule sind oder nur einen Tag in der Woche, dass bei vielen Kleinkindern völlig unklar ist, wann sie wieder in die Kita gehen können.

Kinder- statt Autogipfel

Die Soziologin Jutta Allmendinger fällt ein vernichtendes Urteil über das Handeln der Politik: "Für Deutschland ist nichts wichtiger als die Kinder, die wir haben, und für die Eltern auch nicht. Ich verstehe nicht, wieso man so wenig Wert auf das prezioseste Gut legt oder die preziosesten Menschen, die wir haben in der Zukunft."

Zitat
„Ich verstehe nicht, wieso man so wenig Wert auf das prezioseste Gut legt oder die preziosesten Menschen, die wir haben in der Zukunft."“ Zitat von Jutta Allmendinger, Soziologin
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Die wertvollsten Menschen müssen mehr in den Fokus, diese Forderung kommt auch aus den Oppositionsparteien. Linksfraktions-Chefin Amira Mohamed Ali schaut skeptisch darauf, wie sehr andere Bereiche im Fokus stehen, Stichwort: Autogipfel im Kanzleramt. "Wir brauchen stattdessen einen Kindergipfel. Hier müssen die richtigen Prioritäten gesetzt werden, dass hier entsprechend gehandelt wird und nicht zugeguckt wird, wie Kinder immer mehr unter der Situation leiden."

Enttäuschung über Familienministerin Giffey

Die Grünen zeigen sich enttäuscht von Familienministerin Franziska Giffey. Sie kämpfe nicht genug darum, Familien in den Mittelpunkt zu rücken und selbst im Zentrum der Entscheidungen mitzureden, etwa im sogenannten kleinen Corona-Kabinett dabei zu sein. Auch in Interviews wird der Ton gegenüber der Ministerin rauer - warum soll bei uns in Kitas nicht möglich sein, was etwa in Dänemark schon seit Wochen wieder geht?

Giffey verweist dann immer darauf, sie sei mit den Ländern, die zuständig sind, im Gespräch. Gespräche sind auch noch nötig, wie es mit der Lohnfortzahlung für Eltern, die wegen der Kinderbetreuung nicht arbeiten können, weitergeht. Die aktuelle sechswöchige Regelung gilt seit Ende März - das bedeutet, dass die ersten Mütter und Väter jetzt aus der Lohnfortzahlung herausfallen, obwohl Schulen und Kitas noch weit entfernt sind vom Regelbetrieb.

Lohnfortzahlung ungewiss

Arbeitsminister Heil und Familienministerin Giffey wollen eine Anschlussregelung, aber unter anderem aus einigen Bundesländern kommt Widerstand. Wenn Ministerin Giffey in der Corona-Pandemie regelmäßig betont: "Es ist jetzt ganz wichtig, dass Familien, Eltern, aber vor allem Dingen auch die Kinder, eine Perspektive bekommen, wie es weitergeht. Und dafür setzen wir uns ein" - dann vermissen viele Eltern aber genau das: eine echte, positive Perspektive für sich und ihre Familie.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 15.5.2020, 9 bis 12 Uhr

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