Straßenverkäufer in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince

Zwischen politischer Dauerkrise, Korruption und Gewalt gibt es eine positive Nachricht in Haiti: Der Karibikstaat ist von der Corona-Pandemie weitgehend verschont geblieben, offiziell gab es nur 13.000 Covid-Fälle. Das könnte auch an den Lebensverhältnissen im Land liegen, sagen Wissenschaftler.

Neben der Wellblechhütte von Josiana türmen sich die Müllberge: Plastik vermischt sich mit gegorenen Tomaten, Ziegen und Schweine wühlen im Unrat. Der Geruch nach Fäkalien und Urin liegt in der Luft. Die Menschen leben hier dicht an dicht. Sauberes fließendes Wasser gibt es nicht. Die 32-Jährige lebt hier mit ihren zwei kleinen Kindern, eins davon ein Baby und einer Freundin.

"Alle Regeln befolgt"

"Unser Gesundheitssystem funktioniert nicht, es ist quasi nicht existent", sagt Josiana. "Wenn deine Kinder krank werden, dann ist es schwierig, überhaupt Hilfe zu bekommen. Aber trotzdem haben wir hier die Pandemie gut bewältigt. Wir haben alle Regeln befolgt, unsere Masken getragen." Mittlerweile hält sie einen Mundschutz nicht mehr für nötig.

Die Ärztin Marie Macelle Deschamps ist für eines der größten privaten gemeinnützigen Gesundheitszentren in Port-au-Prince tätig. Sie arbeitet in einem Armenviertel der Stadt. Die Menschen kamen in der Vergangenheit mit Aids, Cholera oder Chikungunya zu ihr. Sie hat die Folgen des Erdbebens miterlebt. Und nun die Pandemie. Die ersten zwei Fälle in Haiti wurden im März entdeckt, erinnert sie sich.

Der Höhepunkt sei dann im Mai und Juni gewesen, viele Menschen hätten Angst gehabt. Diejenigen, die an Covid-19 erkrankt seien, seien stigmatisiert worden. Viele in Haiti hätten "gerade auch bedingt durch die politische Krise nicht daran geglaubt, dass die Pandemie überhaupt existierte. Sie hielten es für eine Lüge", so die Medizinerin - weil sie der Regierung nicht glaubten.

Keine Klimaanlagen, kaum Türen und Fenster

Doch das Gesundheitsministerium habe schnell reagiert. Die Grenzen der Karibikinsel seien schnell geschlossen, die Flughäfen für rund drei Monate dicht gemacht worden. Am Ende habe die Pandemie Haiti kaum getroffen, im Gegensatz zur Dominikanischen Republik, die direkt nebenan liegt. Die Ansteckungszahlen gehen zurück. "Wir schicken Mitarbeiter in die Communitys, die tatsächlich von Tür zu Tür gehen und Fragen stellen. Es ist wirklich unglaublich, wenn wir uns die Kurve seit dem letzten Höhepunkt anschauen. Haiti ist auf einem guten Weg", sagt Marie Macelle Deschamps.

Eine richtige Erklärung hat die Ärztin dafür noch nicht. Ein Forschungsprojekt würde sich derzeit damit befassen. "Es könnte zum einen sein, dass die Haitianer in der Vergangenheit so vielen Infektionskrankheiten ausgesetzt waren und daher eine Immunität entwickelt haben." Ein anderer Punkt seien die Lebensverhältnisse: "Es gibt keine Klimaanlagen, die Menschen haben kaum Türen oder richtige Fenster, haben also immer frische Luftzufuhr." Zudem sei es eine extrem junge Bevölkerung. Doch die Ärztin warnt vor voreiligen Schlüssen, man müsse die Situation weiter beobachten und auswerten.

Nicht die Pandemie prägt den Alltag

Der Impfprozess hat in Haiti noch nicht begonnen. Erst kürzlich hat die haitianische Regierung eine COVAX-Lieferung mit AstraZeneca abgelehnt. In einem ersten Schritt hätte der Karibikstaat 756.000 Dosen des Impfstoffs bekommen sollen. Das Land bat um einen für Haiti besser geeigneten Impfstoff, auch weil es kaum Kühlungsmöglichkeiten gebe - und aus Angst, dass die Bevölkerung selbst den Impfstoff nicht akzeptieren würde, wie es heißt. Hört man sich auf der Straße um, hat für viele die Pandemie keine Bedeutung. Die Gewalt, die alltäglichen Kidnappings prägen ihren Alltag.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 14.5.2021, 12 bis 15 Uhr

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