Kenia, Nairobi: Anwohner sitzen auf Kanistern in einer Reihe mit Abstand voneinander, um Wasser zu holen.

Infolge der Corona-Pandemie befürchtet die Welthungerhilfe einen Anstieg der Zahl von hungernden Menschen auf eine Milliarde weltweit. Vor allem in Ländern des globalen Südens fehlt es den Menschen an Geld für Nahrung. Viele fürchten den Hunger mehr als das Virus.

Kangemi, ein Armenviertel in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Menschen, die hier leben, halten sich eigentlich mit kleinen Jobs über Wasser. Sie sind Motorradtaxifahrer, Putzhilfe oder verkaufen Snacks am Straßenrand. Das Geld reicht, um die Kinder zu ernähren – zumindest in normalen Zeiten.

"Corona hat uns den Hunger gebracht"

Doch seit der Corona-Pandemie ist alles anders. "Ich habe meine Arbeit verloren", erzählt ein früherer Wachmann. "Ich überlebe mit dem, was mir Freunde geben. Corona hat uns den Hunger gebracht." Bei vielen gibt es inzwischen nur noch eine Mahlzeit am Tag. Weil die Schulen geschlossen sind, fällt für die Kinder auch das Mittagessen weg, das sie sonst dort bekamen.

Die Welthungerhilfe befürchtet, dass vielen in Kenia Unterernährung droht. "Das ist überraschend, denn eigentlich wird Kenia als Land mit niedrigem bis mittlerem Einkommen eingestuft", sagt der Landesdirektor der Organisation, Kelvin Shingles. Jetzt aber hörten sie von vielen Menschen Aussagen wie diese: "'Wir werden wahrscheinlich nicht an den Folgen einer Corona-Infektion sterben, aber es könnte sein, dass wir verhungern.' Denn viele in den Armensiedlungen leben von der Hand in den Mund."

Viele Jobs sind weggefallen

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Kenia sind im sogenannten informellen Sektor beschäftigt – das heißt, sie werden nur dann bezahlt, wenn sie tatsächlich arbeiten. Die meisten dieser Jobs sind jetzt weggefallen. Kaum jemand hat Rücklagen. Ähnlich sind die Probleme in den Nachbarländern. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es in den kommenden Monaten 13 Millionen Hungernde in Ostafrika geben könnte.

Außer der Corona-Pandemie ist auch die Heuschreckenplage dafür verantwortlich. Seit Ende vergangenen Jahres schon fallen die Insekten über die gesamte Region her. Der Kampf gegen sie mit Pestiziden bringt meist nur kurzfristige Erfolge. "Leider bilden sich immer neue Schwärme. Sie sind eine große Bedrohung für die Ernten und das Weideland."

Heuschrecken verschlimmern die Lage

Ein Schwarm besteht aus Millionen von Heuschrecken. An einem Tag vernichten sie Tonnen von Lebensmitteln. In Kenia ist im Moment vor allem der Norden des Landes betroffen. Eine Gruppe von Männern in der Turkana-Region erzählt von der Zerstörung: „Diese Insekten sind über die Bäume hergefallen und haben sie kahl gefressen. Sie haben auch das ganze Gras für die Ziegen vertilgt."

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Auch auf den Feldern lassen die Heuschrecken nichts mehr stehen. Die Farmer sind verzweifelt: "Sie haben unseren Mais gefressen und die Papaya-Bäume zerstört. Das einzige, was uns bleibt, ist Lärm zu machen, denn Lärm mögen sie nicht", sagt Christopher Lotit.

Das Schlagen auf Blechbüchsen wirkt ein bisschen wie Pfeifen im Walde – es hilft nur zur eigenen Beruhigung. Die Heuschrecken lassen sich so nicht dauerhaft vertreiben und fressen alles weg, was eigentlich für die Menschen und ihr Vieh sein sollte.

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Jahresbericht der Welthungerhilge

Infolge der Corona-Pandemie befürchtet die Welthungerhilfe einen Anstieg der Zahl von hungernden Menschen auf eine Milliarde weltweit. Die Pandemie schlage jetzt in den Ländern des globalen Südens mit voller Wucht zu, sagte die Präsidentin der Welthungerhilfe, Marlehn Thieme, am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des Jahresberichts 2019. "Viele Menschen erkranken an COVID-19, viele verlieren ihre Arbeit, die Wirtschaft bricht dramatisch ein, Nahrungsmittelpreise steigen und Gesundheitssysteme sind überfordert", mahnte Thieme. Hinzu komme in vielen Regionen Afrikas und Asiens die Heuschreckenplage. "Internationale Solidarität ist jetzt wichtiger denn je", forderte sie.

"Die Corona-Pandemie funktioniert wie ein Brandbeschleuniger für ohnehin schon bestehende Krisen", sagte Generalsekretär Mathias Mogge. Vor allem Afrika südlich der Sahara werde besonders unter der Pandemie leiden. Um die Folgen der Krise in den betroffenen Ländern zu reduzieren, seien sofort 100 Millionen Euro notwendig. Die Welthungerhilfe habe dazu einen internationalen Aufruf gestartet. Die Bundesregierung hatte in ihrem Nachtragshaushalt bereits zusätzliche drei Milliarden Euro für die weltweite Corona-Hilfe bereitgestellt. Jetzt müssten diese Mittel des Corona-Soforthilfeprogramms des Bundesentwicklungsministeriums möglichst schnell fließen, forderte Mogge: "Es ist auch entscheidend, dass Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe in diese Hilfsmaßnahmen einbezogen werden."

Die Welthungerhilfe habe bislang Zuschüsse von rund zwölf Millionen Euro erhalten, sagte Mogge. "Wir haben sofort reagiert und Nothilfeprogramme aufgelegt." Die Hilfsorganisation habe zum Beispiel Aufklärungsmaterial, Hygieneartikel, Nahrungsmittel und Saatgut verteilt. Wichtig sei nun, dass nicht nur in Nothilfe, sondern auch in langfristige Maßnahmen investiert werde. Entscheidend sei, nun den Gesundheitssektor und die Landwirtschaft in den betroffenen Ländern so aufzubauen, dass sie künftig besser gegen Pandemien gerüstet seien. "Das muss parallel erfolgen und dafür sollten die Mittel auch jetzt eingesetzt werden", forderte Mogge.

Im Mittelpunkt der Arbeit der Welthungerhilfe stand 2019 der Kampf gegen die Folgen von Kriegen und Klimawandel. Laut Jahresbericht flossen 221,6 Millionen Euro in 499 Projekte in 36 Ländern. Damit seien rund 10,5 Millionen Menschen erreicht worden. Die höchste Projektförderung erhielten der Südsudan, der Sudan sowie Syrien und die Türkei. Insgesamt standen der Hilfsorganisation im vergangenen Jahr Mittel in Höhe von 249,7 Millionen Euro zur Verfügung, davon 56,6 Millionen Spendeneinnahmen. Öffentliche Geber stellten 189,5 Millionen Euro für die Projektarbeit bereit. Der Anteil der Bundesregierung betrug mehr als 40 Prozent.

(Quelle: epd)

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 7.7.2020, 15 bis 18 Uhr

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