Krähen auf der Osthafenbrücke in Frankfurt

Seit dem Corona-Lockdown sind die Vögel in den Städten wieder deutlich lauter zu hören. Unser Wissenschaftsredakteur Stephan Hübner erklärt, was sich durch die Ruhe für Amsel & Co. ändert.

Hat sich die Situation in den Städten durch die Corona-Pandemie für Amseln und Co. verbessert?

Man sollte die Situation nicht idealisieren. Dass wir in Siedlungsgebieten wieder mehr Vögel hören, liegt zunächst mal daran, dass dank des Lockdowns der Lärm abgenommen hat, der die Vogelstimmen sonst übertönt.

Das, was den Vögeln sonst das Leben schwer macht, bleibt aber bestehen: etwa Chemie in der Umwelt, glatte Hausfassaden ohne Nischen für Nester, zu starke Nachtbeleuchtung, die die biologische Uhr durcheinanderbringt zum Beispiel. Aber zumindest haben die Vögel jetzt wieder die Chance, dass sie miteinander normal kommunizieren können.

Vögel reaktivieren alte Verhaltensmuster

Konnten Sie das vorher nicht? Singt eine Amsel heute nicht genauso wie vor der Pandemie?

Sicher: Amseln sind stimmlich immer noch als Amseln erkennbar, so etwas ändert sich nur über viel längere Zeit. Es geht eher um den Umgang mit den Stimmen. Vögel wollen mit ihnen Reviere abgrenzen und Weibchen anlocken, besonders jetzt im Frühjahr. Wenn Vögel jetzt in sehr lauten Gegenden wohnen, verlegen sie ihren Gesang auch schon mal in ruhigere Tageszeiten. Oder sie singen kürzer oder weniger variantenreich oder lassen Töne weg, die ohnehin vom Krach übertönt würden.

Es gibt nun Hinweise, dass Vögel das dank der neuen Ruhe wieder rückgängig machen. Salopp gesagt reaktivieren Tiere nun Verhaltensmuster, die sie ohnehin schon mit sich herumtragen, die aber wegen der Umgebungsumstände brach lagen. Für andere Anpassungen war die Zeit seit Mitte März einfach viel zu kurz.

Aber es hört sich schon recht intelligent an, dass sich Vögel so gut auf die Umgebungsbedingungen einstellen können.

Auf der einen Seite ja. Auf der anderen Seite stresst Lärm die Vögel auch. Das geht bis zur Verkürzung der Lebenszeit. Bei zu viel Lärm hören sie auch Warnrufe von Artgenossen nicht mehr. Das heißt, sie machen auf Futtersuche mehr Pausen, um die Umgebung zu überblicken – was dazu führt, dass Vögel in lauten Gegenden weniger Nahrung zu sich nehmen als in ruhigen.

Sogar bei der Fortpflanzung macht Lärm Probleme. Vogelweibchen bevorzugen Männchen, die laut und variantenreich singen. Wenn die Männchen leise singen, schlecht zu hören sind und sich Gesangsvarianten schenken, die beim Krach ohnehin nichts bringen, dann hat das weniger Verpaarungen, weniger Eier und weniger Nachkommen zur Folge.

Wissenschaftler untersuchen Veränderungen

Also müsste man die aktuelle Situation aus Sicht der Vögel eher als "Urlaub vom Menschen" umschreiben?

Genau. Und viele Wissenschaftler nutzen das für weiterführende Untersuchungen, welchen Einfluss menschgemachte Geräusche auf Vögel haben. Das Biotopia Museum München, die Stiftung Nantesbuch und das Max-Planck-Institut für Ornithologie etwa haben das Projekt "Dawn Chorus" gestartet.

Bis zum 22. Mai ist weltweit jedermann aufgerufen, das morgendliche Vogelkonzert vor der Haustür mit dem Smartphone aufzunehmen und über eine Internetplattform in eine Datenbank einzuspeisen. So soll eine "globale Soundmap" entstehen, dank der man noch besser verstehen kann, wie Vögel jetzt die Kommunikation miteinander ändern.

Woran liegt es, dass man jetzt auch wieder mehr Vögel und andere Tiere sieht? Kommen dank der Ruhe mehr in die Städte?

Das kann man noch nicht abschließend beurteilen. Zumal es auch schon vor der Corona-Pandemie tierische Zuzügler gab, vor allem solche, die vor den negativen Folgen der Intensivlandwirtschaft in die Städte flüchteten. Aber viele Tiere, die ohnehin schon da sind, bewegen sich nun ungehemmter, weil es weniger gibt, was sie stresst und zu dem sie deshalb Abstand halten wollen.

Gerade neugierigere Arten kommen dadurch häufiger mit uns in Berührung. Und so landet auch mal ein Schwan in der Fußgängerzone oder ein Wildschwein auf dem Spielplatz. So lange, bis wir sie wieder übermäßig stressen. Dann werden sie wieder weichen. Langfristig kann die Natur also nur vom Corona-Lockdown profitieren, wenn wir die neu aufkeimende Faszination dafür nutzen, wieder umsichtiger mit ihr umzugehen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.5.2020, 6 bis 9 Uhr

Jetzt im Programm